Soulor 2018 – après tour

b05Wenn ich mich recht erinnere, ist es fast 30 Jahre her, 1979. Das Peloton zieht vorbei, 500m vor dem Ziel – ein Schlußsprint bis zur Kuppe eines Boulevards in der Nähe von  Paris. Ich photographiere mit einer Instamatic, die Fahrer sind später nur winzig zu sehen. Ich erinnere mich an das Gesicht von Baronchelli, der italienischen Hoffnung und die Beine von Thurau im grünen Trikot .

Aber das ist später, im Zielbereich. Als kleiner Junge konnte man hineinspazieren und ich höre aus zwei Metern wie der Deutsche Reporter (Ehmig) D. Thurau interviewt.  Ich stehe direkt dahinter, niemand hat mich aufgehalten oder kontrolliert, alles ist laut und ein wenig durcheinander. Hinault wird morgen zum zweiten male die Tour gewinnen und sogar die Shclußetappe auf den Champs Elysees. Thurau hat nicht gewonnen, er ist insgesamt immerhin Zehnter. Ich sehe die rasierten Beine und wundere mich: so dünn hatte ich mir das nicht vorgestellt .Wo sind die Muskeln, die so viel Kraft haben?

a78Auf dem Soulor herrscht buntes Treiben. Die Stimmung ist friedlich und locker. Man wartet auf die Fahrer und vertreibt sich die zeit mit Späßen. Vor allem Gendarmen, die die Fahrgasse frei halten, sind Zielscheiben von Zurufen. „Allez les bleus!“ rufen sie, wenn wieder jemand aussteigt. Es gibt keine Absperrgitter, man lustwandelt. Die Karawane hat ihre gaben verteilt, die Flaschen sind gekreist, die zwei Cafés machen den top-Umsatz des Jahres.

b13Immer wieder kommen Motorräder vorbei, dann wieder Autos. Immer wieder Autos oder Teambusse. Irgendwann halten zwei graue Kombis und Männer steigen aus. Lokalpolitiker, die johlend begrüßt werden. VIPs. Alle Autos der Tour , alle Fahrzeuge haben Nummern. Manche Nummern sind vierstellig. Ein gigantischer Troß, die Werbekarawane nicht mitgerechnet. Mehr Fahrzeuge als Räder. Jemand hat einen Fernseher in seinem Bus installiert, Satellitenantenne auf dem Dach. Wir folgen kurz dem Renngeschehen. Noch ist Zeit.

b15ich sehe mir kurz die Trikots an einem Stand an. Sogar Exemplare aus Wolle gibt es wieder. Saftige Preise und die Muster der großen Zeit: die Zeit, die mit Hinault und Thurau zuendeging. Die Zeit, bevor der Hintern des radsportlers als Werbefläche entdeckt wurde, bevor alles bunter, immer bunter und kleinteiliger wurde. Bevor die fahrradhersteller sich aus  Treams zurückzogen, die sie über jahrzente versorgt hatten. Peugeot, Mercier, Gitane. das Ende des eurozentrischen Radproduktion.

Es hat sich nicht grundlegend geändert. Die Regeln und Formen sind grob die selben geblieben. Sponsoren, Verträge, Prämien. Nur an den Zuschauern merkt man, daß Radsport ein fast dörfliches Phänomen ist. Die bretonischen Flaggen für Barguil , baskische für Landa, die irische für Dan Martin. Die Treue der Fans ist groß.

b10Dann bewgt sich die Menge wie ein einziger Körper. Eine Welle geht hindurch, Smartphones werden in die Höhe gereckt, Rufe, Fahnen. Sie kommen.

Es geht blitzschnell – die ersten sind durch, die Furchen im Gesicht von Majka, die angespannten Körper der Spitzengruppe. Gels werden aufgerissen, die Fahrer blicken sich an, checken sich.

b01Dann die Verfolger und das gelbe Trikot, zwei drei Tritte zum ausruhen. Der Vorjahressieger ist nicht dabei, ich zähle die Sekunden. 25, dann kommt er hinter seinem Edeldomestiken, dem 21Jährigen Bernal vorbei. Die junge Hoffnung aus Kolumbien.

b03Es folgen noch immer berühmte Namen –  aber ohne Hoffnung auf Sieg oder Plazierung. Der andere kolumbianer: Quintana, wie ein trauriges Wunderkind, oder einfach nur müde. Der Ire verschwindet hinter der Fahne.

Immer und immer neue Fahrer, die von den fans gefeiert werden. Alaphilippe mit den roten Punkten wird bejubelt, ein Ton drunter Barguil, dessen Körpersprache alles ausdrückt: enttäuschte Hoffnung, vielleicht eine grimmige Müdigkeit. Danach weitere Edelhelfer, die sich in den Pässen zuvor aufgebraucht haben  als erster Deutscher Simon Geschke, ein Bergfahrer.

b06Es werden noch eine gute halbe Stunde Fahrer kommen und viele werden auch den Letzten feiern. ich gehe in die SnackBar und bestelle einen heißen Kakao zum aufwärmen. Die Familie ist erschöpft – heute abend ist alles vorbei, sagen sie mir, dann kehr die große Ruhe ein.

An einem Stand lagen Zeitungen herum, ich habe sie mir unters durchgeschwitzte Trikot gestopft. Bevor gleich die Massenbewegung einsetzt und die Paßstraße blockiert,  verschwinde ich lieber. Wie klein und zerbrechlich und ausgelaugt die Fahrer gewirkt haben. Wie unbedeutend im ganzen Getriebe, daß angeblich ihretwegen veranstaltet wird.

b04Der Hubschrauber des Fernsehens bewegt sich langsam davon und das Publikum winkt immer wieder in seine Richtung, als hoffe es auf ein letztes Werbegeschenk oder einen Gunstbeweis – vielleicht den, einmal im Leben ins Fernsehen zu kommen.

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