Gießen 300 – Die Route mit Brusthaar*

c41Hoppla! da gibt es noch einen kurzen Brevet in ihrer Umgebung. Entdeckt und angemeldet – so schnell geht das. Da ist auch die Route und ein Sportsfreund hat bereits den gpsies -track fertig. Die virtuelle Welt ist schön

a03300km klingt nach einem schönen langen Tag auf dem Rad . Für Randonneure, die ihre Saison absolviert haben und sich in Perspektive auf Paris Brest (2019!) qualifizieren sind 300km nur eine Formalität. Für Sportler, die eine Saison ohne Pannen erlebt haben eine willkommene Herausforderung.

c1Nun noch einen Blick auf die Fakten: es geht an fünf Talsperren vorbei, es geht über (mindestens ) drei Mittelgebirge und der Höhenrechner ermittelt 4700m. Natürlich übertreiben diese Höhenrechner immer.  Bleiben trotzdem so einige übrig.

Allein, so schnell kommt eine Gelegenheit, all diese Landschaften ohne Regen und Kälte zu erleben nicht wieder. Wohlan!

DSCF5359Der Startort ist schnell gefunden. Propper und neu präsentiert sich die erste Drive-in Bäckereit Gießens mit weitläufigem Parkplatz und auch:  Fahrradständern.!

a02Herzlich werden die hungrigen Teilnehmer in Bei Künkel begrüßt, die Gutschein-Rechnung geht voll auf,  als ein Regenguß kurz vor Abfahrt alle überrascht. Es wird der letzte bleiben –  die hübsche kleine Wolkenbank zieht südlich davon.

a06Wir ziehen hinaus ins Grüne.

a08Die von Christian Schultz geschaffende Route folgt recht genau den Hauptwindrichtungen. Der erste Teil geht nach einem Taunus -Intermezzo nordwestlich über den Westerwald und führt über die Sieg ins Bergische Land. Dort dreht sie kurz nach Nordost, unterquert dabei die A45, die auf einer Landkarte wie das Rückgrat der Tour anmutet,  und dreht dann hinter Attendorn nach Südosten vom Sauerland aufs Rothaargebirge zu. Das alles ist noch sehr weit weg. Bis zur ersten Kontrolle im Weiltal machen wir auch schon ein paar knackige Höhenmeter..

a11Durchs Weiltal geht es idyllisch  in den Westerwald hinauf, dessen Höhen mit den Kilometern immer weniger Schutz vor dem schön konstanten Gegenwind bieten. War es bis Rennerod noch recht lieblich, kosten die linearen Steigungen immer mehr und mehr Saft. Breite Straßen, darüber schnell ziehende Wolken, darunter gebeugte Radfahrer.

b01Hinter Bad Marienberg (Luftkurort) ist es fürs erste geschafft und für Abwechslung sorgt nun eine kreuzende Triathlon Veranstaltung. Es ist schon gut, wenn das „drafting“ Verbot nicht für Randonneure gilt.  Die Kontrolle in Wissen kommt in einer schön langen schön sanften Abfahrt durch den Wald mit Tempo 40 näher. Das Siegtal ist erreicht.

b02b03Auf der Brücke erinnert ein kleines Bild an die lange Hüttenvergangenheit des Ortes, auf der anderen Seite paddeln die Freizeitkapitäne durch eine saubere Sieg. Km 110, Hunger und Durst sind spürbar, nur die AGIP Oase läßt auf sich warten. Die Straße führt aus Wissen (nicht wirklich hübsch) hinaus und da

b04 leuchtet der Höllenhund durch die Blätter.  Enrico Matteis (Eni) Wappen, darunter zwei ruhende Räder erlösen mich, denn das AGIP Angebot ist gut. Man spricht rheinischen Dialekt – es ist die rheinische Sieg und der Fluß erzählt eine lange Geschichte von Hütten, Hochöfen und -Walzwerken. Sie beginnt schon im 18ten Jahrhundert, die Wissener Hütte ist eine der ältesten der Region. Nach einer langen Kette von Zukäufen, Fusionen und Restrukturierungen blieb nach dem Krieg ein hochmodernes Blechwalzwerk. Heute, nach zwei Jahrhunderten sind Stahl und Blech großenteils Geschichte, Relikte oder Ruinen. Die Sieg fließt weiter. ..

Zwei Mitfahrer sind schon aufgebrochen, eine gelbe Leuchtweste sehe ich hinter der Biegung verschwinden. Die Luft ist mild, der Verkehr nicht nennenswert.

b05In aller Ruhe kann ich freihändig eine Frikadelle verzehren und mein gutes Gerolsteiner genießen. Die „langen“ Kalorien müssen ins Blut und dann in die Muskeln,  viele Anstiege warten. Die Trinkflaschen sind gut gefüllt, etwas verdrießlich wirkte der Tankwart, als er mir Pfand für das leere Kunststoffgebinde zurückgab. Das Koga mit kleiner Tasche hinten ist gut ausbalanciert, meine Panaracer rollen schön und weiterhin zuverlässig. Der hintere Reifen wurde 2015 aufgezogen. up!

b06Von Morsbach an führt es wieder in die Höhe, vorbei an Rom, Orte, die ich mit einem eiskalten Winterbrevet verbinde, während mich heute strohgelbe Wiesen umgeben. Mit Frikadelle im Blut (und Koffein) läuft es gut, der Schweiß rinnt erträglich. Bergisches Land.

Hinter einer unsichtbaren Stadt namens Gummersbach beginnt der moderate Anstieg zur Aggertalsperre, an der es einen Campingplatz mit Imbiß geben soll. Es ist ausgeschildert aber an der Talsperrenmauer frage ich lieber nach – weiter hinten bitte.

b07Der Campingplatz hat eine eigene Kirche und eine Reihe von Schänken zieht sich an der Straße entlang.

b08Die Vorfahrer sitzen schon bequem und warten auf ihre Pommesteller. Nur sind wir hier falsch – die Kontrollstelle mit dem Stempelkissen ist der Jugendzeltplatz 100m zuvor. Für ein Kölsch lasse ich mich breitschlagen, alle Kontrollkarten an mich zu nehmen. Ich biege um die Ecke und werfe die gelben Wertungskartons der Mitfahrer in den Stausee. Das tue ich natürlich nicht.

b09Ein freundlicher Herr zückt den Stempel;  hinter mir unterhalten sich Jugendbetreuer über die  gruppendynamischen Leistungen eines Mitarbeiters. Soziale Berufe machen es also auch nicht anders.

Das Bier hat geschmeckt, die Brevetkarten stecken wieder in den Trikots, wir beschließen, die zweite Hälfte als team zu fahren. Unser Trio: der Böblinger „Race Across Germany “ finisher mit Storck Carbon, der Dortmunder auf Koga Aluminium Flyer und als letztes mein StahlKoga.  In moderatem Tempo verlassen wir den Stausee, dem doch gute 3 Meter auf  Normalpegel fehlen.

b021Der nächste Anstieg hat kernige Passagen, die Tannen vermitteln alpinen Charakter – es duftet schön und zwischendurch kommt ein geschmücktes Dorf in Sicht: Schützenfest am Rande des Sauerlands.

b10Eine stattliche Germanin ist bereits im Landsknechtswams unterwegs . Die geschlitzen, bauschigen Ärmel sind ein modisches Erbe deutscher Söldner des 16.Jhdts, die sich ihre von Säbelhieben zerhauenen Hemden kunstvoll flicken ließen. . . . Vielleicht haben Spielkarten (das Deutsche Blatt) dafür gesorgt, daß eine Mode über die Jahrhunderte fortlebt.

Im Tal  hinter der nächsten Talsperre (Bigge) wartet schon die nächste Kontrolle, eine fürstlich ausgestattete Aral mit Rewe-in-shop. Attendorn. Der Standard bei den Produkten ist hoch, es gibt zudem reichlich Belegtes, ein Schlaraffenland für Randonneure – ich nehme das bayrische Brot mit Wurstkrautsalat und stecke es als Vorrat in die Trikottasche. Trikots mit weiten Taschen sind praktisch. In unserem Jahrhundert sind sie eine Rarität.

Man möchte wirklich verweilen, aber der Tag rinnt uns zwischen den Speichen hindurch. Wir rollen zu Dritt weiter, gleich in den nächsten Anstieg -hinaus aus Attendorn, weiter ins Sauerlaändische.

ateamNach einer Pause mit weiteren Kalorien ist ein gleichmäßiger Anstieg willkommen, es stehen schließlich fast 200km auf dem Display meiner Mitfahrer. And down!

a31Helden nennt sich der graue, gradlinige  Ort und gleich geht es wieder in den Wald, den nächsten Höhenzug überwinden. Scheinen alle quer zu unserer Route zu liegen.

b12Ein Name am Wegesrand: Apollmicke. Wir streifen diesen göttlichen Ort, der griechische Schönheit mit westfälischer Kargheit verbindet und konzentrieren uns nach der Kuppe auf eine schmale, holprige Abfahrt durch den Tann. Das alles fordert Körner,

c5die wir gleich im Littfelder Hang brauchen werden. Der schmale Pfad  hat zwar keine Brusthaare, dafür aber Geröll, Schlaglöcher,  mehr als 10% Steigung und eine kleine Pavé-Sektion am Ende. Wiegetritt.

c6Voilà: der Altenberg liegt in der Sonne, die sich schon neigt: Vesperzeit mit Nußriegel und einem tiefen Schluck aus der Flasche.  Das AluKoga hat nichts genutzt, dem Fahrer wurde im Anstieg schwindlig und dann ist ihm kalt: unterzuckert. Der schnelle Schwabe hatte die kleine Abfahrt zum Anstieg verpaßt und stößt nach Umwegen dazu.  Gut, daß schon nach der Abfahrt die letzte Kontrolle vor dem Ziel liegt – die Star Tankstelle von Kreuztal. Hier sei Friedrich Flick (die erste Deutsche Heuschrecke) Ehrenbürger der Stadt – das Gymnasium mußte eine Spende von 3 Millionen DM komplett bei Flickschen Unternehmen ausgeben. So bleibt man reich.

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Es warten noch einige Anstiege bis ins Ziel, wir zählen sie nicht mehr. Die Zuckermoleküle hatten sich in Kraft gewandelt, plaudernd folgen wir dem schönsten Track. Die Dörfer liegen in friedlicher Ruhe, die Provinz ist tief, es ist überhaupt viel Provinz um uns – das Zerrbild der Medien muß man einmal vergessen. Der Weg Richtung Lahnquelle beschert einen Abend

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mit Goldrand.

Wir sehen über die Höhenzüge, die wir hinter uns gelassen haben und das ist ein besonderes Gefühl. Es fühlt sich an, als hätte man hundert Tage an einem einzigen erlebt – so dicht und unterschiedlich prägen sich die Streckeanbschnitte, die Anstiege und Abfahrten ins Hirn, die beschwingten Momente und Sekunden der absoluten Stille: es treibt auch an für die letzen 70km, vor allem für eine letzte, also wirklich allerletzte Steigung:

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Die Rampe von Eiershausen, bei der ich ganz tief in die Kiste greifen muß, um nicht abzusteigen. Vielleicht hätte ich es besser getan. ich sollte über eine Kompaktkurbel nachdenken . . . . es wurde dann bis Gießen etwas knapp mit der Kraft, der Dunkelheit und allem. Am letzten Stausee habe ich gefroren, an der letzten Steigung gehalten und die Reservenahrung gezogen – eine Banane, eine Tomate, ging nicht anders.

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Trotz einer harten letzten Stunde ein Brevet, der eben alles hatte, was einen Brevet von anderen Formen des Radsports unterscheidet. * Zap Branigan ( der großspurige Raumschiffkapitän aus Futurama) hätte es: „eine route mit Brusthaar“ genannt. Sicher kann man versuchen, daraus ein Einzelzeitfahren zu machen oder das Zeitlimit ausreizen. Es wird in keinem der beiden Fälle leicht. Irgendwann ist man beim Brevet mit eigenen Grenzen konfrontiert, mit dem Schmerz sowieso, aber auch völlig unerwarteten Problemen. Hunger und Müdigleit kommen individuell hinzu. Brevets können im Team bewältigt werden, nur sollten die eigenen Kapazitäten nicht überschätzt werden – sich selbst etwas vormachen geht nicht gut.

c4Wer überzieht, den holt sich der Dibbuk, um es auf Yiddish zu sagen. Brevets sind komplex: zur richtigen Zeit die richtigen Kalorien sind eine Aufgabe für sich, unter Müdigkeit keine Fahrfehler machen eine weitere. Es ist die Summe sehr unterschiedlicher Herausforderungen, wie die Räder bezeugen , mit denen sie bewältigt werden.

c2Der Lohn ist immer ein sehr individuelles Erlebnis, weil jeder Brevet seine eigene Geschichte schreibt. Er versogt uns mit einer Überfülle von Erlebnissen: selbst die zivilste, banalste und alltäglichste Umgebung wird Schauplatz eines Abenteuers, das alle, die diesen Sport lieben, immer wieder suchen.

 

 

 

 

 

 

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5 Antworten zu Gießen 300 – Die Route mit Brusthaar*

  1. tinotoni67 schreibt:

    Wieder schöne Zeilen von Dir. Danke für das Teilhaben. Gruß

  2. crispsanders schreibt:

    Bin glücklich, wenn so von diesem Brevet auch andere profitieren – danke fürs Lesen!

  3. Und wieder einmal kurbelst Du durch meine alte Heimat. Danke für die schönen Fotos und die Eindrücke. Beste Grüße aus der Hauptstadt – Dietmar

  4. crispsanders schreibt:

    Wenn es die Sonne so gut meint, ist es eine wirklich außerordentlich schöne alte Heimat. Die Pflaumen werden reif und die Ernte ist üppig. Habe mir sagen lassen, daß sie dort mit Schlagsahne genossen werden!

  5. Christian schreibt:

    Pflaume mit Schlagsahne klingt jetzt nicht wie etwas, was ich auf einem Brevet bevorzugt essen würde 😉 Ansonsten vielen Dank für den schick bebilderten und toll geschriebenen Bericht – die letzten Zeilen sprechen mir sehr aus dem Herzen!

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