Poesie in Bewegung: Kimura Cycle works

Eben kam der neue Ikea Katalog. Das Format ist geblieben, die Seiten fühlen sich irgendwie dünner an  -so wie die bunten Wochenbeilagen der Supermärkte, die vom Schraubenset bis zur Weltreise alles anbieten. So fühlt sich nun auch ein Ikea Katalog an. Ich habe mir sagen lassen, daß die robotergesteuerte Drucktechnik für solche Wurfsendungen 3000 Seiten in der Minute ausspuckt.

a02Ikea hat auch einmal ein Fahrrad angeboten. In dieser Saison sind sie zu ihren Schachteln und Kisten zurückgekehrt. Ich habe nach einer feiernden Familientafel gesucht (in den Katalogen tauchen ab und zu Menschen auf ,meist lächelnde junge Frauen) aber nicht gefunden.  Die Welt von Ikea war einmal jung, jetzt ist sie weder jung noch alt, sondern eher eintönig, um nicht zu sagen : austauschbar.

a01Fahrradkataloge wirken länger schon so. Wer einmal 30 Carbon-racer unter 2000 Euro auf drei Seiten gesehen hat, weiß, wovon ich schreibe. Die Details verschwinden bei einer Abbildungsgröße von 5 cm2.  Fahrräder werden aus austauschbaren Komponenten zusammengefügt , ganz wie Ikea Schränke. Das meiste sieht nach Kostendruck und Langeweile aus.

Unter den zahllosen Radläden der Hauptstadt habe ich mich auf einen schon lange gefreut: Kimura Cycle Works. Das liegt am blog von Yuji Kimura. Ausführlich beschreibt er darin Touren mit seinen Rädern und Freunden ins Berliner Umland, andererseits die Räder, die er aufbaut und erstaunliche Archivmaterialien zur Geschichte des Rades.

a1Gemeinsam mit  Dan Santucci betreibt Kimura einen kleinen, ungewöhnlichen Radladen in der Danziger Straße 49, Berlin Mitte. Ich nutze meine verfrühte Rückkehr vom Berlin-Wien Abenteuer, um endlich einmal persönlich vorbeizusehen. Dabei bekomme ich einen Eindruck von der neuen Realität Berlins auf zwei Rädern. Nur mit Mühe kann ich die vitale Achse der Eberwalder Straße passieren. Radfahrer rangeln sich in Dreiergruppen wie die Scooterpiloten von Pnomh-Pen vor den Fahrradampeln.

DSCF3424.JPGEine gewisse Aggression liegt in der Luft, die sich vielleicht durch das warme Wetter gesteigert hat, eine Form der Hektik, wie sie aus dem Spagat zwischen Leistungsdruck und Lifestylepflichten entsteht. Manche behaupten, es sei eine Folge der Prekarität – in jedem Fall ist es das Neue Berlin.

a3.jpgIch weiche aus und bewege mich in eine Seitenstraße, die eine mißlungene Achse zum Marx-Lenin Denkmal bildet. Schon ist es ruhig und die Hektik verflogen, schon entdecke ich ein ungewöhnliches Rad. ein silbernes Rad aus den Fünfzigern.

a4Sein Besitzer fand es vor jahren in den Kleinanzeigen und  läßt sich gern aufklären: Italienischer (Amateur)?renner von Atala, Anfang sechziger, vielleicht sogar Ende Fünfziger jahre. Mafac Mittelzügler, Campa Valentino Schaltwerk, Campagnolo Hochflanschnaben. Der Chrom der Naben ist absolut intakt. Eine Rennmaschine.Wie sie wohl nach Berlin Ost geriet? Ein Tauschgeschäft, die Solidaritätsgeste des unbekannten Peppone? Radsport war immer international.

Ich bitte ihn (inständig), das Steuerlager überholen oder tauschen zu lassen. ? – ja – das ginge. In der Danziger Straße gäbe es da einen Laden , der vor einem Renn-Atala größte Achtung habe.

a03Denn zunächst, bevor er Räder reparierte und aufbaute, war der Designer Kimura Sammler alter Rennräder, Forscher der Radhistorie, an der seine Blogseiten uns so großzügig teilhaben lassen. Daher seine fundierten Kenntnisse, sein Wissen um die Entwicklungen des Rades und seiner Verwendung.

a7Kurz danach stehe ich vor Dan Santucci. Über seinem Kopf schweben Rahmen, die er gelötet hat neben Rahmen, die Kunden ihm brachten und Rahmen, deren Lackdesign von Kimura stammt. Dan ist groß, schlank und bärtig und wirkt ein wenig wei ein Mönch aus einem Kloster der Abruzzen . . . Nein, Kimura ist nicht da, die Sommerferien.

a6Im Vorraum gibt es eine kleine Sofaecke (Barcelona Chair) und eine Handvoll Musterräder. Alle diese Räder haben eines gemeinsam: es sind Stahlrahmen. Dan Santucci lötet klassischen Stahl nach Wunsch und auf Maß, Kimura rekomponiert alte Rahmen mit neuen Farbenund Komponenten, beide ergänzen sich. Und Japan ist das Land, in dem die meisten „alten“ Komponenten noch neu gefertigt werden. Die Japaner mögen den klassischen Stil und Kimura kennt alle Quellen, die nie den Weg in die Ikea-kataloge des Radhandels finden werden.

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Bild:Kimura

Alles hier schwebt in einem französisch-britischen Flair alter Radkultur. Sportrad, Campingrad, Rennsportler: diese Formen treffen hier aufeinander und werden auf Wunsch der Kunden, vor allem dem Kunden angemessen revitalisiert.

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Bild: Kimura

Dabei geht es weniger um retro oder gar vintage. Es geht um ein ästhetisches Statement, nicht um Imitation von Vergangenheit. Das Rad soll in seiner Fom etwas Leichtes,  Frohes und Spielerisches verkörpern. Die  filigrane Bauweise wird eben nur von Stahlrohren erreicht – das bildet den Kern dieses Statements. Die Farbwahl und Typologie betonen die  ästhetische Aussage, verstärken den Charakter des Rades.  Passende Komponenten runden das Bild ab und sind auf die Anforderungen abgestimmt, die das Rad im Alltag erfüllen soll. Nicht jeder will ins Gelände, nicht jeder transportiert täglich 20kg, aber jeder hat farbliche Vorlieben, auch die Dame, die Dan Santucci gerade berät.

Man darf nicht vergessen, daß die meisten Radläden vor allem Wiederverkäufer sind. Oft sind sie an eine Großhandelsorganisation gekettet, wenn sie nicht gleich Franchisenehmer sind. Nur wenige sind gelernte Fahrradmechaniker, selten wirft das Geschäft genug ab, sich mehr als nur out of the box Monteure zu leisten. Das engt die Spielräume ganz schön ein, auch wenn es nicht gerne an die Glocke gehängt wird. Die Vielfalt ist nur scheinbar, genau wie im Ikeakatalog.

Vielleicht ist nicht jedem dieser Unterschied bewußt. Wer sich einmal in die Bilder und Gedanken von Yuyi Kimura vertieft oder Dan seine Rahmen erklären läßt, dem ist klar, das ihn hier etwas völlig Eigenes erwartet, eine seltene Kombination von Stil- und Fachwissen. Ich trete mit Dan hinaus auf die Danziger Straße. Das Tief ist über Berlin gezogen und wird gleich für den nächsten Regenschauer sorgen. ich ziehe die leuchtorangene Regenjacke an und sehe die nassen Straßenbahnschienen glänzen.

a8Unter der Eberswalderstraße – UBahn führt eine Gruppe Schüler oder Studenten ein Straßentheater auf, etwas, das an den Sponti-Spirit of Berlin erinnert. Es ist immer noch genug Platz dafür. . . .

 

 

 

 

 

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2 Antworten zu Poesie in Bewegung: Kimura Cycle works

  1. Danke für das Aufspüren von Kimura. Da werd ich doch in den nächsten Tagen hinrollern und schnuppern.

  2. crispsanders schreibt:

    Denke, es lohnt sich, mit einem roten basso oder grauen Colnago vorbeizusehen…. freue mich auf einen Bericht…

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