Flamboyant

DSCF4952.JPGIch bin ein Junge vom Lande – gewissermaßen. Und auch wenn ich mich in einigen Städten ganz gut zurechtfinde, liegt mein Zuhause fern von Feinstaub und Kerosin-Fallout. Kuriere gibt es hier definitiv nicht. Auch mit dem besten Glas würde ich vergeblich die Landstraße absuchen; darum brauchte es schon ein Buch, um ein Bild vom Urvater der Gattung zu finden.

af1Vögel haben mit Radfahrern schon einiges gemeinsam. Sie ziehen umher, sie lieben die Luft sie sind ein Symbol für Freiheit. Aber noch etwas: wie bei Vögeln gibt es da eine ganze Reihe von Spezies und Subspezies. Bei den einen ist der Gesang wichtig, andere fallen durch ihr Federkleid auf. Die Kurzstreckenflatterer und die majestätischen Langstreckler. Die Pendler und die Rennfahrer. Und die Kuriere.

af2

Als ich mich wieder einmal fasziniert dem  Transcontinentalrace (TCRNo6) zuwandte, bemerkte ich etwas, was mir vorher entgangen war: viele der flotten Teilnehmer waren im Alltag Radkuriere. So auch das Team der zwei Americaner mit der capno256, Christiansen/Deportago-Cabrera. Besser , um es in aktueller Schreibweise zu sagen  zu sagen. @notchas und @indigo_nico.

DSCF4955.JPGFür einen Mann, der Schwierigkeiten hat, auf einem RennRad anderes als weiße Socken zu akzeptieren wirklich nicht leicht. Aber das andere Extrem hat immer seinen Reiz. Wer die Regeln zur Rennradbekleidung von 1976 verinnerlicht hat (nur Teammitglieder tragen Team-Trikots, Amateure zeigen keine Werbung, von den schwarzen Shorts und den weißen Socken war bereits die Rede),  wird diese Kuriervögel zunächst gar nicht erst ignorieren .

Obwohl,

wenn man in der Geschichte zurückschaut – bis in die Mitte des 2oJhdts  waren Rennfahrer in ihrem Alltag nicht selten Radboten, Zeitungsausträger, Druckereifahrer. Coppi begann als Lieferbursche für einen Metzger.

ererth nico deportago

In Zeiten des neuen Golfens und der Millionenteams  wird es leicht vergessen – ursprüngliche Radsportler sind Parias, sind Vögel, die sich am Rand bewegen, immer mit einem Pedal auf der Flucht , immer dem nächsten Vertrag hinterher. Die Radkuriere sind die ersten und letzten wirklich professionellen Radfahrer. Sie sind Radarbeiter und ihr prä-gewerkschaftliche Arbeitsleben gleicht stärker dem Begriff des 19ten Jahrhunderts. In den Straßen Chicagos wäre ein Mann wie Jack London längst auf ihrer Spur und würde Romane über das extrem harte und extrem freie Leben der Messenger schreiben.

nicodeportageo bikeccnico bikexx

Kuriere sind die  legitimen Nachfolger der Dockarbeiter und Walfänger, keine Nachahmer, keine Schwebfliegen des Radsports die für Wespen gehalten werden wollen. Ich hielt sie für Exoten, Ableger urbaner Subkulturen, eher ein Modephänomen. Das ist nur äußerlich. Der Stil (oder wie auch immer man die bunte Mischung nennt)  ist ein Ergebnis ihres Lebens, eines unsicheren, unterbezahlten und unvorhersehbaren Berufs.

Inszenierung mag teil des Geschäfts sein und bizarre Züge annehmen, aber  Instagram und Verwandte haben mich an den Haken bekommen. Die Geschichten der Zunft produziert das internet selbst, tweets und grams sind die virtuelle Eckkneipe in der sie sich sehen, erkennen und nachrichten tauschen.  Nach dem dotwatching begann so die Verfolgung des TCR in beinahe Echtzeit, wenn es wieder neue Bilder gab, und neue Bilder gab es von vielen Fahrern, man brauchte nur die Startnummer (Capnumber) einzugeben.

Chas and nicoUnd so entdeckte ich  diese zwei Kuriere aus Amerika, tätowierte Profis, mit irisierenden Sonnenbrillen und bunt, die eine neue Note verkörpern. Flamboyant.

Rund um die Welt nehmen sie an Rennen teil, werden zu Veranstaltungen geladen und gesponsort. Hier sind sie auf dem Weg ins Ziel.  Arbeiter und Künstler in einem, unterwegs auf ihrem großen Abenteuer weit Weg vom Dickicht der Städte, den Abgasen und tausend Fallen der Stadt. Unter den schillernden Gestalten sind sie die Popstars.

Wunderbar.

 

 

.

Werbeanzeigen
Dieser Beitrag wurde unter Mehr Licht, Spleen & Ideal abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Flamboyant

  1. randonneurdidier schreibt:

    Genau: wunderbar! Starke Typen

  2. crispsanders schreibt:

    Desperados auch. Zur Geschichte des modernen Kuriers suche ich noch Quellen und Bücher. Jon Davis liefert ein Londoner Porträt mit Cyclogeography. Emily Chappell die weibliche Seite.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s