Drivin Lessons (cap 158)

DSCF5792Die ersten Meter auf dem Rad wird  niemand vergessen. Der Moment, wenn die Räder wie von Geisterhand gerade und immer sicherer rollen, man selbst verwundert auf den Boden sieht und lernt, den Lenker ganz ruhig zu halten, während man weitertritt. Dann ist der riesige Schritt geschafft.

Dem folgen viele kleine Fortschritte,  die das Rad immer weiter bringen und immer schneller machen . Auch wenn es nicht der ganz große Moment ist – immer, wenn ich an einem schönen Tag aufs Rad steige und losrolle, ist etwas neues da. Also etwas, das so grundlegend anders ist als die Existenz eines Haustiers und Fußgängers.

a1Auch wenn die Schritte kleiner werden, den Schwung versucht man immer aufs neue zu erzeugen. Eine weitere Grenze Suchen – vielleicht auch das ein großes Motiv für Brevets und Ultradistanzen. Als ich mich dann mit René Bonn traf wollte ich auch wissen,  wie jemand, der ein Benchmark setzt die kleinen und großen Lernschritte gestaltet hatte.

Denn wir lernen alle durch Vorbilder. Ich bin bereit.

a05Um es gleich zu sagen. Vieles, was ich in meiner historischen Retroaffinität schätze, wurde über den Haufen geworfen. Niemand fährt eine Heldenkurbel um des Heldentums willen . René kommt vom MTB und vom Triathlon, zwei Sportarten die dank Marketing sorgfältig in andere Sparten ausgelagert wurden. Doch hierbei lerne ich, wie Einfälle und Erfindungen diffundieren, die Sparten wieder zusammenfließen.

Screenshot_2018-10-07 Kentaro Omori auf Instagram „Cover art of New cycling Mar 1984 #roadbike #randonneur #mtb #rapha #cam[...].pngDas Mountainbike war, wie man sich vielleicht noch erinnert, der Urknall einer Rad-Epoche. Niemand hatte sie kommen sehen, sie war nicht die Folge einer geduldigen, kontinuierlichen Entwicklung: ein paar mild-verrückte Kalifornier , die enfach neue Formen des Sports suchten, hatten diese neue Zeitrechnung eingeläutet . Tom Ritcheys Interviews geben ein Zeugnis, wie sich ohne Scheuklappen die Möglichkeit der Kleinserienfertigung aus dem Flugzeugbau, Titan und Aluminium aufs Rad übertragen ließen. Man wollte sich neue Welten erschließen und schuf nebenher eine weltweite Bewegung –  denn Übersetzungen von Mountainbikes halfen auch den Untrainierten Gipfel zu erreichen, die sie nur aus Träumen kannten.

a04Ich bin kein Mountainbiker, werde auch nie einer werden – mir gefällt die lineare, gleitende Forbewegung, das Rollen und geschmeidige pedalieren auf dem schönen Asphalt. Eine Geschmackssache. Was ich aber nicht wirklich eingeschätzt habe, ist der Einfluß, den diese Kalifornischen Potheads und die hawaiifixierten Solipsisten auf eine Gesamtentwicklung haben. Und wie René Bonn von ihr profitiert.

René Bonn setzte sich ein Ziel, das aus dem Traum enstand, quer durch Europa ein Radrennen auf eigene Faust zu erleben, ein echtes Abenteuer. Dem Traum stundenlang ohne Ermüdung weiterzufahren, bis zum Horizont. Dafür wählt die technischen Mittel.

a10Technik ist ein Konsumfetisch, ja! , aber wie schon Melvin Kranzberg sagte,  Technik und ihre Entwicklung sind ein gewaltiger Motor der Geschichte, und diese Dynamik gilt auch für Zweiräder. Ohne Satellitennavigation wäre ein TCR nicht möglich. Ohne Mountainbike-Cassetten wären Kontrollpunkte in den Karpaten, Transsylvanien und Bosnien nicht im Traum zu erreichen. Wir lernen etwas über Übersetzungen.

Die ersten fünfzig jahre der Tour de France waren eine heroische Zeit   – aber wider besseres Wissen . „Wir haben uns keine Fragen gestellt.“ sagte mir der über 80jährige TourHeld Cazala, ein Sprinter, der zweimal das gelbe Trikot trug. Wie alle bezwang er die endlosen, oft ungeteerten Pässe mit maximal 24 Zähnen, mit über 3,5 metern pro Pedalumdrehung. Jedem leuchtet ein, daß diese Kraft auf zwei Pedalumdrehungen von 2Metern verteilt bei doppelter Frequenz eine höhere Geschwindigkeit ergibt. Nur gab es weder das dazu nötige Material noch die erfolgreichen Vorbilder-  das Wissen um die ökonomischste Kraftentfaltung.  Und dazu einen falsch verstandenen Heroismus, in dem dicke Gänge Selbstzweck sind. Bonn, der bis zu 40 Zähne am Hinterrad nutzt ist überzeugt, daß mit kleineren Übersetzungen in den letzten Jahren die Geschwindigkeiten am Berg bei Rennen stiegen. Dank MTB Übersetzungen.

Ich sehe zu und lerne.

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Ich sehe zu und lerne.

Screenshot_2018-10-07 Kentaro Omori auf Instagram „Cover art of New cycling Mar 1984 #roadbike #randonneur #mtb #rapha #cam[...]Scheibenbremsen sind nicht schön, sie stören die Einfahcheit eines Laufrades, die Harmonie des perfekten Kreises mit den schlanken Felgen. Scheibenbremsen mischen sich ein wie ein unerwünchster Gast, drängen sich in die optische Achse, fügen einen weiteren Kreis hinzu und verwirren durch Kabel und Kleinteile. Aber Scheibenbremsen wirken, sind leichtgängig und sprechen bei Regen sofort an. Auf der Abfahrt kann ich René Bonn nicht folgen, als es steil hinunter über den Flickenteppich der Landstraße geht. Ich kann die  Bremsen kaum halten die Hände sind bis zum Schmerz angespannt. René leidet nicht und hat sein Rad unter Kontrolle – hunderte von Abfahrten lang, sicher und ohne, daß seine Hände verkrampfen.  Wer über 300km am tag fährt, wird den Vorteil spüren. Der Körper dankt es  – das ist der Punkt.

Die technische Komplexität nimmt zu, aber sie bringen eine klare Verbesserung. Das Problem liegt nicht nur auf technischer Ebene. Dazu später mehr, wenn ich die Triathlon-Auflieger begriffen habe. Ein anderes Feld.

a02Triathleten entstammen der gleichen Epoche wie Mountainbiker. Sie kamen aus diversen Sportarten,  sind eher Abtrünnige denn eine Fordes Radsports. Ende der Achtziger Jahre entwickeln sie für den Fahrradwettbewerb eine neuartige Körperhaltung, der einer Gottesanbeterin gleicht. Sie wird durch zwei Metallhörner erreicht, die auf Rennlenker montiert werden. Beim Race Across America 1986 ist ein erstes, selbstegbaute Exemplar zu sehen. Dieser eigenartige Fortsatz, den wir als triathlon Auflieger kennen,  geht in die Geschichte des Radsports spätestens mit dem Tour de France Sieg von Greg LeMond  1989 ein. Er gewinnt das abschließende Zeitfahren  – und welche Gründe auch immer  Laurent Fignon bewegt haben darauf zu verzichten: es dürfte der größte Fehler seiner Laufbahn gewesen sein.

a08René Bonn hat genau wie die Überzahl der Transcontinental Racer nicht auf die Dienste des Triathlon Aufsatzes verzichtet, der in diesem Rennen zwei Vorzüge vereint: seine Aerodynamik wirkt ab 25kmh und ist zudem praktischer Gepäckhalter. 25kmh wirken auf den ersten Blick nicht schnell und der verringerte Kraftwaufwand ist sicher nicht hoch. Auf den ersten Blick und den ersten hundert Kilometern. Bei einem Rennen ohne Peloton und über mehrere 1000km sieht das ganz anders aus, dort addieren sich Sekunden zu Minuten und Stunden.

Und wieder lerne ich – dazu reicht eine kurze, kurvenarme  2km lange Abfahrt. Bonn zieht mir, dem schweren alten Mann, rollend Meter um Meter davon ohne einen Pedaltritt zu tun – ich kann mich krümmen wie ich will. Unten werde ich über 300m verloren haben. Der Triathlon Aufsatz ist auch 30 Jahre nach erfolgreichem Einsatz ein spezielles Ausstattungsteil. In Rennradmagazinen ist er selten zu sehen – außer bei speziellen Zeitfahrmaschinen.

Die Geschichte seiner Ablehnung durch Fignon ist eigentlich so bezeichnend, daß sie unter einem neuen Aspekt erzählt werden kann.

a09Fignon führt also die Tour de France am Tag vor dem letzten Zeitfahren an . Das Zeitfahren ist kurz – um die dreißig Kilometer. Auch wenn LeMond der bessere Zeitfahrer ist, dürfte der Unterschied auf dieser Distanz zu gering sein, um Fignon den Sieg zu nehmen. Die Strecke ist flach, ohne besondere Schwierigkeiten. Angeblich hat Fignon schon seit einigen Tagen ein Sitzfleischproblem, aber auf einer halben Stunde kann das nicht mehr entscheidend sein – all things being equal.

Für mich gibt es da eine Erklärung, die in der Diskussion um um die 8 verlorenen Sekunden nie gefallen ist.

a06Man weiß, daß die Mannschaft um Fignon und Guimard den Tria-Aufsatz erprobt hatten, aber nicht wirklich, warum sie sich gegen dessen Einsatz entschieden. LeMond dagegen hatte nichts zu verlieren – nur alles zu gewinnen. Ihn als Sieger wegen eines neuartigen Hilfsmittels zu disqualifizieren ist heikel, ihm als Zweitschnellsten eine Zeitstrafe aufzubrummen kein Risiko. Dann ist man halt Zweiter zuvor. Um Fignon kursieren seit diesem Tag Gerüchte, die diese 8 Sekunden erklären wollen.

Guimard und Fignon kannten sich seit Jahren, das Renault Team von 1984 war am technischen Fortschritt nicht nur interessiert, sondern machte als erstes Windkanaltests  mit Fahrern und Maschinen.Der faktor aero ist bekannt, daß ein Triathlon-Lenker einen so eklatanten Vorteil bieten wird, offensichtlich nicht. Dabei gibt es heute daran keinen Zweifel.

a11Ich denke, man hat das Ding einfach unterschätzt, vor allem aber hat man diesem spin-off einer amerikanischen Randsportart mit (zugegebenermaßen) oft eigenartigen Leuten nicht getraut, nicht nur weil es von der falschen Seite kam, sondern auch weil es den gesamten Aspekt, eine typische Haltung veränderte.  Ein rein psychologischer Grund also, der zur Entscheidung führt, die Tour nicht zu gewinnen.

Vielleicht konnte da einfach nicht sein, was nicht sein durfte: 100 jahre Tradition konnten nicht irren und noch Heute Jahrzehnte später tauchen die Auflieger nur als Sonderzubehör für die merkwürdigen Radfahrer auf, die auch noch Laufen und Schwimmen können. So ist es halt.  Mountainbikemagazine beschäftigen sich mit Mountainbiken, Triathlon nur mit Triathleten und Rennräder sind ausschließlich für echte Rennfahrer: genauso funktioniert es heute noch, dreißig jahre später lassen wir uns gern noch Scheuklappen aufsetzen.

DSCF6157Was ist also die Summe? Daß Synthese der richtige Weg ist. René Bonn praktiziert alle genannten Sportarten und wählte aus ihnen, was ihm nutzte. Und so entsteht das aktuelle Rennreiserad, eine Maschine mit Scheibenbremsen, Carbonlaufrädern, Tubelessreifen und Mountainbikeschaltungen. Eigentlich das perfekte Werkzeug für alle, die nicht aktiv um Kriterien oder Rundkursmeisterschaften fahren – die meisten also.

Ich sah und habe gelernt.

Aber wie das so ist: am Ende möchte ich  von all diesem Fortschritt nichts. Das ist das Privileg des Alters. Mir widerstrebt die Komplexität, das „Draufgesetzte“, so wie ich heutige Formel 1 Autos mit ihren seltsamen Fortsätzen und Flossen nicht mag. Ich fahre nicht um Ergebnisse, ich will ein schönes Rad, mit dem ich meine Ziele erreiche. Das ist eine ästhetische Entscheidung, mit deren funktionalen Nachteilen ich leben kann.

 

 

 

 

 

 

 

 

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7 Antworten zu Drivin Lessons (cap 158)

  1. monnemer schreibt:

    Mal ganz unabhängig von den Zielen, warum etwas derart Simples und Langlebiges, wie eine Luftpumpe und einen Reifenheber eintauschen gegen Montageflüssigkeit, Kompressor und Dichtmilch?
    Oder sind 100m von den 300m bergab den Tubeless geschuldet?

    Abseits des Sports sind Triathlon-Aufsätze auch bei Radpendlern sehr beliebt. Zumindest hier zw. MA und HD.

    (Kommentar auch versehentlich unter „An die Äpfel“ geklebt. Kann natürlich da ignoriert werden)

    • mark793 schreibt:

      Also hier fahren auch einige Normalo-Rennradler mit Tria-Aufsatz, selbst an Trekkingbikes und MTBs habe ich die Dinger schon gesehen. Dass nicht noch viel mehr Leute damit unterwegs sind, hängt womöglich damit zusammen, dass eine ordentliche Aero-Sitzhaltung streng genommen auch eine Sattelposition weiter vorne erfordert.

      Ansonsten finde ich das Konzept recht charmant, sich quer durch die Schubladen an allem zu bedienen, was das Fortkommen erleichtert. Wenngleich ich das letztlich selber auch nicht haben muss, da ich ja nicht kompetitiv unterwegs bin. Meinem Anspruch an Komfort genügen bekanntlich Doppelgelenk-Bremsen und STIs.

  2. crispsanders schreibt:

    Beim Thema tubeless geht es um Rollwiderstand plus Komfort. Die besichtigte Kombination ließ sich beinahe ohne Reifenheber montieren, und solange kein Defekt vorliegt sind die Vorteile eindeutig. Bei pannen läßt sich – als Alternative zur Dichtmilch -ein Schlauch einziehen. Hier war es einmal eine Art Gummiwurst zum Abdichten der Flanke, die dann 2500km hielt.
    . Es spielen sicher auch eigene Überzeugungen eine Rolle und der Rennmodus: man geht eben nicht von Defekten aus sondern von maximalem Gelingen.

  3. alex schreibt:

    Nur so am Rande, der Absatz: „Die ersten fünfzig Jahre…“ steht zweimal im Artikel. 😉

  4. crispsanders schreibt:

    ergebensten Dank, war der Rest einer gewaltigen Kopieraktion, bei der fast der gesamte Text doppelt hier landete….

  5. randonneurdidier schreibt:

    sehr erhellend! Gut recherchiert, auf den Punkt gebracht. Ich überlege auch schon lange, ob ich eines meiner Räder mit einem Triaaufsatz versehen sollte. Verschandelt etwas die Optik, ein Carbon-Canyon kann das aber wahrscheinlich besser vertragen als mein feines Stahl-Colnago. Und die wunderbaren Rahmenfotos sind ein Genuss für Auge und Radlerherz. Danke dafür, Christoph.

  6. crispsanders schreibt:

    Danke für s Kompliment -es ist schon naheliegend, so einen Aufsatz aufs neuste Rad zu binden, gerade, wenn man die Wahl hat.

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