Eine Runde Pause vom Wahlkampf

Es ist Wahlkampf.  Auch wenn es gerade ein wenig lauter wurde,  hört man hier nicht gerade viel davon, man sieht ihn eher.

In einer Gegend, in der es der Plakatwerbung immer schwerer hat, ist es  die große Stunde der Parteien. Maximale Reichweite, maximale Plakatierung – ein Subventionsprogramm. Parteienwerbung ist von Produktwerbung nicht grundsätzlich verschieden, nur daß sie dem Ahnungslosen  kryptisch bleibt – denn das Produkt (nicht die Marke) ist nur schwer erkennbar.

Die Die Botschaften sind kurz, sehr allgemein gehalten und wirken beliebig. Da wird geschafft, geleistet, da ist Erfolg und viel Sicherheit gibt es gratis dazu. Wirkt Produktwerbung bisweilen merkwürdig abstrakt  („mach mehr aus Deinem Dach – liberté toujours!“), so weiß man doch recht genau, was dann gekauft werden soll. Beim Produkt „Partei“  bleibt die Frage offen, ob es sich um Absichten, Wünsche oder konkrete Leistungszusagen handelt.

Viel Mehr als den Konsens „für das Grundgesetz – gegen Armut“ scheint es nicht zu geben. Das verwirrt – ich muß dringend eine Runde Urlaub vom Wahlkampf machen

Gut, daß die Sonne scheint und die Landesgrenze nicht weit ist. Das werbefreie Nachbarland liegt nur 2km entfernt. Der Himmel ist  blau, aber die Faserwolken schreiben ein neues Signal: Kaltluft in hohen Lagen. Als ich hinaufsehe ist gerade ein Schock Kraniche durchgezogen – wahrscheinlich genau aus der Richtung, aus der die Kühlluft in unsere Windrotoren fächelt.

Ein himmelblaues Hemd in lang liegt bereit. Es ist aus einem Material, das schon lang nicht mehr in der Sportbekleidung auf der vorderen Bühne steht: dunova. ich mag diese Shirts, die, wie es scheint, vor allem von der Firma Gonso produziert wurden. Der Wollanteil (innen) ist ein guter Wärmespeicher und bannt die Geruchsentwicklung; , das Polyacryl gibt dem Stoff und seiner Farbe Haltbarkeit und Leuchtkraft über hunderte vonWäschen hinweg. KM 0

Wenn auf allen Gebieten das Neueste geprüft und gepriesen wird, warum nicht einmal das Alte prüfen und dessen Eignung preisen (oder seine Unbrauchbarkeit feststellen). Die Enttäuschung vollmundiger Versprechen mit eingebautem Verfallsdatum bleibt einem erspart. Ja, ich eröffne eine neues Berufsfeld: ich bin Altwarentester, ein Don Q der Erhaltungsgesellschaft. Nicht weil ich das Neue nicht mag sondern wissen will, was das Alte taugt. Am Ende seiner Entwertungskurve als „Konsumartikel“ ist es angelangt, es bleibt der sein Gebrauchswert, wogegen alles Neue mittlerweile mit der Ungewissheit politischer Versprechen einherkommt.

Auch mein Vitus-Rad ist nicht neu – es dürfte genaugenommen um die 35 Jahre alt sein und die geklebten Muffen, einst kritisch beäugt, halten hier immer noch meinem Tritt stand.  Das Vitus ist ein Voll-Aluminium-Rad, bei dem ich nur einmal die Gabel tauschte – so wurde es noch ein wenig wendiger. Sonst sieht es aus und fährt sich wie alle guten Rennräder dieser Zeit.

Einen guten Ruf hatte es in seiner Zeit auch nicht immer, dabei verschob die Bauweise tatsächlich alle Konkurrenten auf die Ränge. Man sparte auf Anhieb fast ein Kilo Gewicht, und auch Profis gewannen Klassiker und Etappen darauf. Das Problem: das Vitus zerstörte ein geschäftsmodell aufgrund seiner Bauweise. Als fertigmotiertes Industrieprodukt machte es den Rahmenbauer und erfahrenen Löter schlagartig überflüssig. Genau so, wie es 20 jahre später die Carbonrahmen vollendeten.

Es fährt sich munter und gibt mir bergauf  ein Gefühl von Leichtigkeit. Und hebt mich über die Tristesse der politischen Ebene.

KM10;  der erste nennenswerte Berg folgt nach ein paar Kilometern Einrollen. Er ist Anlaß, endlich die Körpertemperatur hinaufzuschrauben; der Stich nach Winnen, ein harter Haken von 1km200, beginnt  mit 9% und endet mit reellen 17. Die Sauerstoffmoleküle der frischen Luft hier werden oben dringend benötigt. Als Lohn für den gelungenen Anfang hebe ich mir zwei winzige rote Kugeln aus einem gepflegten Vorgarten auf- Äpfel. Der Blick zurück zeigt dem Wanderer: die erste Stufe zum hohen Westerwald ist genommen.

Ich blicke auf das Land Hessen zurück und kann jetzt ungestört von Parteiwerbung meditieren. Es geht jetzt in Wellen südwestlich der Nister nach Hachenburg (kein Gymnasium).

Ein Radfahrer ist einerseeits weit von allem entfernt, lebt glücklich in seiner Solipsismus-Blase, gleichzeitig sieht er alles und nichts entgeht ihm. Er ist ständig mit der sogenannten Kontingenz konfrontiert: dem Straßenbelag, den einsamen Dörfern mit ihren tückischen Ecken. Er und kennt denZustand der Garageneinfahrten, aus denen jederzeit ein tiefergeleges Auto schießen kann.  Der Radfahrer sieht die Menschen und ihr Leben unverstellt. Ich registriere, wenn die Gärten und Häuser unverändert sind, wenn die Sportplätze gemäht und die wenigen Wirtschaften nach Braten duften. Mich trennt keine Scheibe, keine Kabine vom Rest der Welt.

Immer wieder Unterlenker, denn es fehlt ganz deutlich eine Schicht am Leib. Zwei reichen nicht , auch wenn die Volkssender nominell von 12 Celsius sprechen. Jeder Anstieg ist eine Freude, jede Abfahrt ein verhaltenes Zittern. Verkehrte Welt. Vor recht genau 3 Jahren hatte ich mich schon einmal ähnlich verkalkuliert und dann eine zähe Erkältung eingefangen. Heiliger dunova, hilf mir , jetzt und in dieser Stunde.

Ich bin auf meiner Hunderter Runde unterwegs, vorbei am Fallschirmspringerflughafen Ailertchen – heute ohne bunte Punkte in der Luft. Ich folge den Schildern, streife die Imbisse und winke den Motorradfahrern zu.

Dort wo einst eine Chrysler-Simca Werkstatt war, hat sich ein Verwerter mit einem „etwas anderen Kaufhaus“ niedergelassen. Zeichen einer neuen Zeit. Die Positionsgüter meiner Eltern und Großeltern finden keine Erben. Sie landen entweder im Müll oder werden  – wie hier –  zu Schleuderpreisen in aufgelassenen Gewerbeimmobilien feilgeboten. Geschirr, Glas, Porzellan, Möbel, Stoffe und Wäsche: die Aussteuer liegt bereit. Über Geschmack kann man sich streiten, von der Qualität gilt das gleiche wie oben.  Baumwollbattist, ein bayrisches Porzellan  Kristallglas oder Cromargan wird nie besser zu haben sein.

Wenn ich durch die Dörfer streife, erlebe ich den Vorzug von Abwesenheit. Abwesenheit von Franchising, von Wahlkampf,  – von optischem, akustischen und olfaktorischem Dreck sowieso. In positivem Sinne ist nichts los – wir sind im 21ten Jhdt, Licht, Strom, Wasser, Gas fließen wie anderswo auch. Ein internet nutzt hier jeder. Die aufgelassenen Kaufhäuser müssten nicht einmal sein, wenn die Gier nach dem billigen Aufbackbrötchen nicht so groß wäre. Das ist selbstgemachter Strukturverlust.

Als ich das Vitus an der beliebten Kruve unter dem beliebten Ahorn abstelle, höre ich fast nichts – nur ein Geräusch von Ferne: das Tuckern eines Traktors, irgendwo dort unten Richtung  Schafherde.

Der Blick geht rundum übers Tal, wo ein paar Rundballen foliert auf  Verwendung warten, die Bäume werden vom dunstigen Licht bläulich umrissen –  dahinter: die Ecke des Solardachs einer Viehalle blitzt in der Sonne auf. Ancient and Modern, behutsam dosiert. Was man hier sieht ist Natur – keine Wildnis. Jeder ar ist in Arbeit.

Dann folgt der dichte Wald vor Hachenburg. Die Straße ist erst ganz verlassen, plötzlich überall bunte Punkte : eine Kohorte von Spendenläufern kommt mir entgegen. Ich höre auch bergab nicht auf zu treten, weil mir so kalt wird. Gleich werde ich Hachenburg erreichen und dort eine warme Tasse in die Hand nehmen. Die gepflegte Stadt mit ihrem barocken Marktplatz ist stets aufgeräumt und ihr gelingts, einige Besucher  (Herbstferien!) anzulocken, die zwei, drei Eiscafés füllen und mir (Schrittempo) zusehen.

Da ist sie schon  – die Tankstelle meiner Wahl, meiner Herbstrunden und des Frühlingsbrevets 2018. Für sie lasse ich jedes Café liegen, denn Radfahrer haben sehr klare Prioritäten: schnell und gut Energie nachführen. Die begrenzte Stellfläche verhindert Motorradaufläufe oder mehr als 3 parkende PKW, Radfahrer schlüpfen durch die Maschen.

Immer noch erstaunt mich di unbändige Vielzahl an Zeitschriften im Regal, Printmedien genannt. Vier Magazine um Jagd und Wild, sieben (oder mehr) für den Radfahrer.  Die special interest Ecke scheint von großen Abbildungen auf Papier noch leben zu können, auch Anzeigen werden nach wie vor geschaltet. Vielleicht ist gerade bei der Anzeigenschaltung die paywall  für den ernsthaften Verkauf hochwertiger Rennräder von Vorteil? einmal bleibt eine Anzeige ja darin konstant sichtbar, zum anderen setzt ein Kontakt voraus, das jemand eine Radzeitschrift wirklich liest. Kleine Medeientheorie beim Aufwärmen. Kein Tropfen Schweiß am Leib.

Wieder draußen : der Samstagnachmittag in der Kleinstädtischen Peripherie. Einkaufen auf Großparkplätzen, Autos pflegen, Kästen heben, was man halt vor der Sportschau noch erledigen kann. Neu ist dieses kleine Logistikzentrum das mich die Kreuzung fast nicht mehr wiedererkennen läßt. Zurück in die Wälder, raus aus dem windchill. KM50.

Laubwälder, Dörfer, Bäche und Wanderer. Irgendwann habe ich den Bereich meiner Ortskenntnis verlassen und fahre auf Sicht nach Himmelrichtung, verlasse eine Ortschaft über ihr Neubaugebiet „am Sonnenhang“.

Wie überall sind die Dörfer um Einfamilien- oder Doppelhäuser angewachsen, das ist für sie die Chance zum Überleben – oft zum Preis des Pendlerschicksals.  Links über mir  vernehme ich ein insektöses Schwirren. Da steht jemand mit seiner Frau im Garten und hält eine Fernbedienung in der Hand. Die Nachbarn stehen auch im Vorgarten und wir blicken alle in die gleiche Richtung: eine kleine Drohne schwebt 20m über  dem Haus und macht bei jedem Richtungswechsel ein Geräusch wie mehrere Hornissenschwärme. Was würden sie wählen? Keine Experimente.

Ich halte weiter Kurs Richtung Bundesstraße; dabei läßt sich eine Waldpassage nicht vermeiden und mein Glück ist, daß die monatelange Trockenheit absolut jeden Waldweg hat knochenhart werden lassen. Fun, dann wieder Automobile, heimkehrend von den wöchentlichen Einkaufsausflügen.,dann wieder Einsamkeit, Herbstlaub und kleine Vogelschwärme.

Nach der Sonne die Richtung wählen und dann im schützenden Tann anhalten. Es ist frisch unter dem Wams doch bevor ich Isoliermittel suche, muß ich den sicheren Heimweg finden. Unbeirrt rollt das Vitus weiter.

Die Straßen in ihrem milden  Auf- und Ab gleichen sich sehr – plötzlich eine Landmarke erkannt: Hartenfels und sein markanter Burgfried, den ich sonst aus dem Tal anfahre. Also nicht vom Weg abgekommen, vor allem nicht mehr weit von der nächsten, rettenden Tankstelle entfernt – Aral in Steinen.  Ein paar Höhenmeter noch. KM70 :das blaue Glück.

Mit einer Bildzeitung- “ die kauft jetzt niemand mehr“ – bilde ich einen Brustpanzer und erhalte zum Cappuccino plus doppeltwix noch ein wenig geschäumte Milch gratis. Ein Lieferfahrer bringt als retoure zwei Teppiche herein; Er flucht über die unmögliche sprachliche Verständigung mit Kollegen anderer Logistikdienstleister. Die Sonne steht tief, wärmt absolut nicht mehr, aber die Zeitung wirkt. Frisch gewaschene Autos kommen im regelmäßigen Turnus auf die Tankstelle zu.

Irgendwann dann sehe ich bekannte Windräder und rausche durch den Blättertunnel. In den letzten vier Jahren hat sich auf dieser Strecke so gut wie nichts verändert. Ein Verwerter, Logistikunternehmen und zwei Windräder mehr-  das wärs ungefähr.

Ist das Stillstand oder eigentlich schon eine Form von  Fortschritt? Dieses Land ist ruhig und diszipliniert, Müll kaum zu sehen, ein ruhiges und nach außen streßfreies leben. Es gibt mehr Beerdigungen als Taufen in der Kirche nebenan. Als Jugendlicher hätte ich das alles wohl schrecklich langweilig gefunden.

Es täuscht aber, wenn wir denken, es stünde in all dieser Beständigkeit nichts auf dem Spiel.

Am Montag schmeiß‘ ich die bunten Umschläge ein. Gute Reise.

 

 

 

 

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