Zu Martini

Es sind die Wochen der ersten Mandarinen in den Supermärkten. Kinder lernen die gleichen Lieder wie ihre Eltern und Großeltern und überall freuen sie sich auf die Laternenumzüge. Martinswochenende. Auch wenn das bekannte Lied von Schnee und Kälte spricht, fällt Sankt Martin fast immer auf einen milden, vollen Herbsttag.

aw1Mit dem blauen Raleigh breche ich nach Osten auf, grobe Richtung Wetzlar, eingepackt in lange Sachen.  Erst über die Ausläufer des Westerwalds, Wellen, die von kleinen Wassern gebildet werden, die in Richtung Lahn abfließen. So wird mir gut warm. Jäger in orangenen Warnwesten steigen wieder in ihre Autos, die am Wegesrand geparkt sind. Dann kommt ein Pickup vorbei, über dessen Ladefläche dunkle Borsten einen rauhen Horizont bilden. Ich prüfe die frisch eingestellten Bremsen, als ich den ersten Hang hinunterschieße.

Die Dörfer jenseits der Fernstraße werden kleiner ,Traktoren stehen in sauberen Scheunen und ein Autohändler hat sich auf den russischen Geländewagen Niva spezialisiert. Tschicks Auto ist hier ein beliebtes Gebrauchsfahrzeug. Mein Gebrauchsfahrzeug für schlechte Tage wird das Raleigh sein, die Schutzbleche sind frisch befestigt, auch eine feuchte Straße bindet hundertmal mehr Dreck und Fremdkörper, die sich überall fein verteilen. Dazu Laufräder mit sogenannten Industrielagern, mehr oder weniger dichten Naben, die Nässe besser vertragen als Konen. Man könnte viel dazu schreiben  -am Ende entscheidet die Pflege über die gute Funktion.

Löhnberg kommt näher: das Lahntal – von dort könnte ich flach weiterfahren, bis Wetzlar oder Gießen oder noch weiter,  einen wirklichen Plan habe ich nicht.

aw2Also ändere ich meine Richtung – in Erinnerug an den 300er Brevet vom Spätsommer nehme ich den Weg nach Weilburg: der Gießener Brevet führte über die schöne Straße durchs Weiltal nach Kontrolle an einer gut ausgestatteten  Total Tankstelle. Also nach Süden jetzt, vorbei an der Seltersquelle, vorbei an Weilburg, der kleinen Residenzstadt an der Weilmündung, dann durch den kleinen Tunnel ins Weiltal und so in den Taunus.

Es ist eine Bundesstraße, die 456. Sie ist eher schmal, aber da kaum ein Auto vorbeikommt stört nichts: ich kann die Weil neben mir rauschen hören. Eine Ruine beobachtet mich mit  leeren Augen und ich mache mich lang auf dem Rad. Gleichmäßiger Tritt, den Totpunkt früh überwinden, die Kraft dazu aus dem Rücken ziehen. Eine Trittvariante, auf die man „so“ nicht unbedingt kommt, weil der Instinkt den Druck vor allem über die Oberschenkel erzeugen will.

Auf der gleichmäßigen Strecke mit den sanften Kurven bin ich wirklich „drin“, kommt die  Musik durchs innere Ohr – D960 spielt sie.  Zieht ein Auto vorbei, folgt ihm eine Girlande kleiner gelber Blätter wie Konfetti und legt sich dann sanft wieder auf den Asphalt. Schubert macht eine Pause, setzt wieder an. Fahle Sonne, die kaum Schatten wirft, dann ein grüßende Radfahrer. Links und rechts geht es in unbekannte Anstiege, die ich mir für andere Fahrten aufhebe. 

 

Und An Bilder aus Japan muß ich denken, die ich auf einer großartigen instagram Seite fand. Photos dort aus alten japanischen Magazinen –  häufig eigen in ihrer Komposition, anders als die symmetrischen, ums Rad gebauten Aufmacher unserer bunten Postillen. Die Randonneure Japans feiern in ihrem Magazin weniger das Rad als die Natur, so wie sie auf alten Holzschnitten Fischerboote nur als kleine Randfiguren im großen Schauspiel auftauchen.

Zwei Stunden sind nicht ganz herum, als ich sie sehe – meine Total sagt guten Tag. Ich treffe auf eine reich gefüllte Theke und duftende Kaffeesorten. Ein langes Putenbaguette wird meine Lektüre begleiten, während ich die Kurz-Gespräche über Benzinpreise höre. Der Alkoholpreis schreckt allerdings niemand ab.

Natur Teil 2: (wie vorgefunden in einer Sonntagszeitung)

Man sammelte einmal Stiche oder Aquarelle und immer wieder wurden Bücher aufgelegt, die sich nur der Darstellung von Pflanzen oder Blumen widmen. Beim Aufkommen der Papiertapete im späten 18ten Jahrhundert waren florale Motivesehr beliebt: man hatte auf einmal Blüten des ganze Jahr im Haus, sie ergänzen den Jahreszeitenstrauß auf dem Tisch oder erinnerten im Winter daran. Diese Erfindung hielt sich sehr lange,  in den 1970ern gab es noch einmal eine Blüte der Blumentapeten, die sich von Op und Pop inspirierten. Unser Verhältnis zur Flora an der Wand hat sich wohl geändert, aber hier und auch in  Supermärkten stehen noch Blumensträuße an der Kasse.

Vor der Tankstelle hält ein Kleinbus, eine Art Sammeltaxi und die Besucher des Martinimarkt Weilmünster steigen zu.  Zeit, zu gehen.

bw1Draußen geht es über die Felder. Die Anstiege sind oft kernig hier, Ortschaften werden immer mit Doppelprozenten verabschiedet, die man besser vorsichtig angeht. Danach mäßigt es sich und der Hauptgegner ist der Wind. Senf blüht frühlingshaft und riecht krautig, doch eine fahle Sonne blinzelt hin und wieder zum Abschied – dort am Horizont geht es ins Lahntal.

ba1

Die Martinstour führt an den Gleisen entlang , dann wechselweise über den ruhigen Fluß, Schotter und mäßiger Asphalt wechseln sich ab: der Preis für die Abwesenheit von Kraftfahrzeugen. Und weider hinauf ans Licht, hinauf zu einem technischen Denkmal, eher einem technischen Witz.

bw5

Dann das scharfe Geräusch eines Sportflugzeugs ,einen Klang den ich kenne, nicht der Klang dieser bummelnden Maschinen, die zu vorsichtigen Sonntagsrunden ausgeführt werden. da kommt es schon von Ost und ich hatte richtig geraten, denn ich erkenne das leuchtorangene Leitwerk:

DSCF7213Es ist einer der Eichhorns, entweder Vater oder Sohn – der seine Runde beendet und mir den Weg nach Hause zeigt. ich winke hinauf und schaue, ob die Flügel wackeln……

 

 

 

 

 

 

 

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Übers Land, Spleen & Ideal veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Zu Martini

  1. mark793 schreibt:

    Den Lada Niva verbinde ich sehr mit dem Westerwald, einige meiner Wachvorgesetzten ließen sich in der heißen Phase des kalten Krieges nicht davon abhalten, so eine Bolschewikenkalesche zu fahren.

  2. crispsanders schreibt:

    Der Westerwald agitatorisch unterwandert? das darf nicht sein! Der Niva war dem RangeRover das, was der Dacia dem Audi Sport ist. Oder die Kalschnikow diesem HK Sturmgewehr….Die einheimischen Wachvorgesetzten hatten sicher ein Stück eigenes Holz zu verteidigen und wußten, womit man das billig und zuverlässig hinbekam.
    zudem sei gesagt, daß dieser Wagen das wohl ganz seltene Fahrzeugdesign war, dem man seine Herkunft nicht ansehen konnte

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s