Ein Jahr zurück

christoph märz 1966-4Kein Jahr ist wie das andere.   Veränderungen sind komplex und diffus, so daß man sie kaum einordnen kann. Wir sind oft zu dicht dran, um Größenverhältnisse abzuschätzen; Auch die  eigene Radbiographie ist  eine Folge von unmerklichen Schritten, die sich nicht an die Jahreszahlen halten. Zwei Schritt vor, drei zurück.

Das Buch von Haralambon, das ich übersetzen durfte, enthielt einen sehr schönen Schlüssel. Ähnlich der Malerei beschreibt er Radfahren als  „cosa mentale“. Also macht gerade das, was nicht in Daten und durch Messung erfassbar ist, die Sache eigentlich aus, unterscheidet den champion vom Mitbewerber, macht aus 50km ein unvergeßliches Erlebnis oder aus 400 das Gegenteil. „How do you measure the capacitiy to endure pain?“ fragte Sean Kelly, der irische Eisenbeißer, „how do you measure fatigue?“ fragte Tom Ritchey, der Inbegriff des radbesessenen Kaliforniers. Wie messe ich Glück oder Erfahrung? frage schließlich ich als winziger Asteroidensplitter im großen Planetensystem  ums eingespeichte Rad.

a04Eine Gewißheit bestätigt sich über die Jahre – auch bei ständiger Praxis nutzt sich dieses spezielle Gefühl nicht ab. Kein Radmarathon, kein Brevet gleicht dem anderen; nie steigt man zweimal in denselben Sattel,  allein weil der eigene Körper ein launisches Wesen voller Überraschungen ist.

Dabei weder mit Höhenrausch und Tiefenkoller zu rechnen ist gut –  alles nehmen wie es kommt. Entscheidend ist die Überwindung.  Pulsmesser, Wattmeter oder Kalorimeter können Alarmfunktionen auslösen – mehr nicht. Sie lenken ab

Viele wählen ein Rennrad, um sportliche Ergebnisse zu erzielen, um sich selbst und andere zu übertreffen. Sie sehen Technik – vor allem die Neueste – als notwendige Bedingung :da ist die Welt der Messung zuhause. Spätestens mit dem Überschreiten des Zenits (in meinem Fall wahrscheinlich vor 25 jahren) weiß ich nicht, was am registrieren abnehmender Werte noch befriedigend sein kann. Manche lassen das Rad stehen, wenn die Ergebnisse nicht mehr stimmen.

a06Es sollte und muß ja etwas anderes an die Stelle rücken: nenne es Erleben. Das Erlebnis von  Geschwindigkeit, Verausgabung, Erschöpfung  bleibt völlig unabhängig von messbaren Größen. Ich kenne Menschen die nicht das Glück haben ser gesund zu sein, für die ist die Autobahnbrücke ein Mont ventoux

Solange das Rad mir   – wie das Meer den Seglern – diesen Erlebnisraum eröffnen fahre ich weiter. Dann wird ein Jahr zu einer Kette von snapshots, die mir von alleine zufliegen und weiterspinne.

Ich bin bei km 450 in der Eifel, es schüttet richtig los. Ich durchpflüge braune Schlammkaskaden, die aus den Wiesen durch die  Senke laufen.  Als Schemen liegt die Ruine von Monreal hinter dem Schleier aus Wasser, Motorradfahrer warten in Bushäuschen – da erkenne ich die Strecke wieder, die ich an einem sonnigen Morgen durchfuhr. Es regnet hier und ich sehe gleichzeitig die Morgensonne im Mai. 530km: Bei Bad Breisig merke ich erst an der warmen Kakaotasse , daß meine Fingerkuppen schon taub sind, während mein Ohr den singenden Akzent der Verkäuferin hinter der Theke wahrnimmt. Auf der Bonner Uferpromenade duftet der Ahorn, dessen Sirup  den feuchten Dunst schwängert . Champagner in der Luft – Km600 .

b08Mitten in der Nacht, gegen 3h im Knüllwald, auf einer langen, sanften Steigung. Der Knüllwald liegt tief in Germanien, östlich der A7. Hier waren die Römer wohl nie. Die Milchstraße hat sich über mir  ausgebreitet, Kieselsteine auf schwarzem Sand. Auch Anfang Mai kommt es noch nah an den Gefrierpunkt. Den Mond wartet hinter der Kuppe auf mich,  vorher schon schalte ich meinen Scheinwerfer aus. Das Licht der Milchstraße reicht durch die Tannen,  leise rollen die Reifen über den schmalen Asphalt, die Kette summt ihr Lied: Wildschweine schlafen fest.

Ich bin in tausend Momenten des vergangenen Jahres zuhause, fast beliebig kann ich ganze Strecken im Kopf nachfahren: auch die Menschen wirken darin näher als sonst im Leben, ganz wie in einem Traum. Die Fahrten haben sie näher gebracht.

as1Mittendrin greift das Leben ein. Nach den Sternen sehen und wund auf dem Sattelboden aufgeschlagen.  Aus Berlin Wien Berlin wurde Berlin Bautzen Berlin: auch eine schöne Tour. Den Radsommer zerschnitt eine Rückenverletzung,  Für einen kleinen Paß und die Tour de France hat es gereicht.

Und dann kommt der Tod um die Ecke. Als alles vorbei war , wurden die Stunden auf dem Rad auch meine Therapie. Inzwischen geht es wieder, aber bis nach Weihnachten fuhr ich jeden morgen aus dem gleichen Krankenhauszimmer hinaus. Ab 5Uhr morgens immer die gleichen Bilder und die Hoffnung , kurz wieder einschlafen zu können. Wann geht die Tür endlich zu?

a02Es überlagerte sichnoch die Umgebung, in der sich Patrick Modiano literarisch bewegt.    Die Pariser Explorationsgänge seiner Romane sind ausnahmslos mit Verlustsyndromen verbunden. Das Paris der späten 50er, der 60er – die streunenden Gestalten  in immer neuer Form, die auf der Suche nach verlorenen Menschen sind. Ich stehe im Café, rühre im Schaum, erinnere mich. Sie spielen Burt Bacharach und ich warte auf den Sensemann, der sich noch einen Tag (oder zwei) Zeit nimmt. „Aznavour ist tot – mochtest Du ihn?-  Ja..“

Ich habe jetzt die vielen snapshots, Paßphotos und aufgerissenen Briefe, die mir ein Leben verdichten. Alles unterfüttert von hunderten aufbewahrter Ausschnitte aus „Le Monde“, die nie mehr jemand lesen wird. Ich habe sie weggeworfen, ganz wie die Mietabrechnungen von 1998.

aap1Einerseits ist also ganz klar, was dieses vergangene Jahr geprägt hat. Was es nun beudeutet , wenn ein Buch zugeschlagen wird? In meinem Buch wird das nächste Kapitel begonnen  – die Tage haben einen neuen Wert.  Auf dem Rad, den Landstraßen, unter den großen und kleinen Himmeln  – mir fällt dazu ein: Es ist ein neues Jahr für Paris-Brest-Paris, oder welches kleine Abenteuer auch immer.

 

 

 

 

 

 

 

 

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2 Antworten zu Ein Jahr zurück

  1. Radelpapa schreibt:

    Traumhaft und märchenhaft schön geschrieben, dankeschön.

    Thomas

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