EiS aus Wuppertal – 200

1979 (40 Jahre zurück) war  – denn wenige erinnern sich an den Lotus 79- vielleicht kein besonderes Jahr. Für unser fotografisches Gedächtnis allerdings schon. 1979 bekommt der amerikanische Fotograf Lee Friedlander den Auftrag, die sogenannten factory valleys zu belichten. Es wird ein Buch daraus, das Industrielandschaften in Pennsylvania und Ohio zeigt, dazu die Arbeiter an ihren Maschinen und Schreibtischen.

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Friedlander begibt sich dabei genau an die Plätze, die kurz darauf von der Rezession getroffen werden. Die Region erhält den beinamen Rust-Belt und gilt heute als Stammwahlreserve von Trumps „America First“ .

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Kunst und Geschichtsmoment gehen eine zufällige Allianz ein, der wir dankbar sein können. Sie zeigen den Beginn der westlichen Deindustrialisierung. Die rauchenden Hüllen aus Stahl und Backstein bekommen ein Gesicht: sie werden zu  Ahnen der Krise.

Man überquere dazu bei Lüttich (BE) die Maas und schaue nach rechts.

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Wer diesem amerikanischen Track weiter folgen möchte, der sieht sich vielleicht einen monumentalen Kinoklassiker an: The Deerslayer von Michael Cimino. Er beginnt und endet genau dort, in einem rauchenden Tal Pennsylvanias.

b00Von dort in die rauchenden Täler des Ruhrgebiets, Schauplatz anderer „Revolutionen“, Schauplatz des ersten Brevets im Jahre 2019.

a5Genau wie im letzten Jahr bin ich mit Roy unterwegs – der wuchtige 300er Diesel hat zwei Räder vom Bergischen an die Wupper verfrachtet. Wir haben uns  mit Lachs gemästet , denn es wird Kalorien brauchen: Minus 4 zeigte die kleine LCD vom Armaturenbrett…

a1Wuppertal 2019 gleicht Wuppertal also 2018 fast aufs Haar. Pünktlich zum Brevet über 200km sind die Temperaturen wieder unter Null, vor der Bäckerei stehen vermummte Pseudogelbwesten, die sich hüpfend warm halten, während andere zum Empfang der kleinen gelben Kartons Schlange stehen. Fast 100 Anmeldungen bringen Leben in die Bude.

a3Der Schornstein der drei Ms raucht in die blaue, kalte Luft.  Ein einsames, cremefarbenes Mercedes Coupé steht  von Frost überzuckert an der Tankstelle und träumt vom Frühling. Wir schlängeln uns die Wupper entlang , streifen das Raufasertapetenwerk und biegen dann auf die erste Höhe ab.

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b04Das als Unterschied zu  den Tälern Pennsylvanias: mit der kleinen Landstraße geht es  gleich in die ursprüngliche Landwirtschaft über – Zäune, Dörfer, Kirchen. Dinge , die vor den Schornsteinen den Alltag bestimmten. Von der Globaliserung 1.0 zurück in die Agrarepoche.  Auf einmal bilden wir eine Kette bunter Punkte, die sich immer weiter über die gefrorenen Hügel auseinanderzieht.

a4Mein Part heute ist neu, ich fahre für die Scuderia Roy. Da unsere Maße recht ähnlich sind, war es nicht schwer, aus der schönen Sammlung seiner Räder eines für herauszusuchen. Für trockenes Wetter hatten wir abgemacht:   schöner Klassiker ohne Schutzblech. Auf einem 200er hat man die Chance dazu. So bewegen wir uns im Feld auf den schmalsten Reifen und den filigransten Rohren.

Scuderia Roy

b02Roy ist mit seinem frisch aufgebauten Peugeot in gunmetal grey  auf den sensibelsten Reifen des Weltmarkts unterwegs: 25er Veloflex. Der filigrane Rahmen aus extradünnem 753er Reynolds sieht so noch renntauglicher aus. Als Kontrast dazu habe ich sein perlmuttweißes Colnago unter dem Sattel, dessen emblematische schwarze Kleeblätter mich zum Kreuz As küren. Erstmals auf einem Colnago unterwegs und dann gleich mit einer CarbonGruppe und Bremsschalthebeln. So weit so fein.

Vorzug der Brevets bis 300km ist die Fahrt mit leichtem Gepäck ; niemand muß gegen alle Witterung und Fährnisse gewappnet sein, die Ermüdung fällt noch nicht so stark ins Gewicht – darum kann  ruhig zum klassischen Rennrad gegriffen werden. ; zumal auch deutsche Nebenstraßen weitaus besser rollen, als man immer so Richtung Verkehrsminister hört.  Und es rollt sich schön in den stillen Wäldern des Samstagmorgens -wenn nicht hier und da tückische Eisbahnen wären.

b05Es geht hübsch auf und ab. Hinter Halver dann ins Tal. Obacht in den langen Kurven. Bald  fallen die Randonneure in die erste Kontrolle ein. Die Bäckerei hat alle Hände voll zu tun. Wer sich schnell einen Stempel holt, kann über 10 Minuten gewinnen – aber die meisten suchen gern die Wärme und einen heißen Schluck Café.

b06Wir sind hier  in Dahl – gar nicht weit von Hagen entfernt. Der Café tut gut, auch wenn die Eisfinger der ersten Kilometer schon längst vorüber sind. Nach einer halben Stunde auf dem Rad hat mein Körper den Thermostat geöffnet. Jetzt kommt Roy, der mit allen tricks noch eine Nußecke ergattert hat .Nun wollen wir den Sattel doch noch um 5mm über den kleinen 59er Titanrahmen ziehen. Beidseitig setzen wir die 5er Schlüssel an, um die Titanstütze vorsichtig herauszuziehn. Und da knackt es deutlich.

a7Der Klemmbolzen ist abgeschert – durch, aus und vorbei. Im Hintergrund fährt ein roter zug vorbei, drüben leuchtet die gelbe Post. sonst sind die Läden geschlossen. Schnell hinüber um nachzufragen, wo der nächste Radladen ist. Ausgerechnet im alten Tal der Eisenindustrie bricht der kleine Bolzen. Bricht auch der Traum vom Winterbrevet?

(das war jetzt mein erster „cliffhanger“  – ein ganz schlechter dazu – aber ich bin jetzt zu müde und sonst wird die Sache einfach zu episch)

 

 

 

 

 

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Eine Antwort zu EiS aus Wuppertal – 200

  1. randonneurdidier schreibt:

    Wuppertal-Hagen-Dahl, wie oft bin ich diese Strecke gefahren, mit dem Rad, mit dem Auto… schöne Fotos, charakteristische Worte. Und zum Klemmbolzen beim gepulverten Colnago-Titanio kann ich nur sagen: „nach fest kommt ab“. Jetzt bin ich gespannt, wie es weitergeht.

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