Werksbesuch bei Wippermann – 200/2

aboo1Da ziehen Sie davon – unsere Mitfahrer. Gleich werden sie das Tal verlassen und den langen Anstieg nach Kattenohl in Angriff nehmen. 200hm  – Der Sonne entgegen.

Wir müssen unten bleiben und nach einem kleinen Bolzen suchen. Wo, wenn nicht hier? Immerhin eines der Weltzentren der Kleineisenindustrie. Die gelbe Post sagt, einen Radladen soll es in Eilpe geben – eine Viertelstunde entfernt. Die Sattelstütze sitzt noch stramm, auch wenn sie nurmehr virtuell von einem Bolzen gehalten wird – –  also versuche ich, den guten alten Brooks zu mit dem Gewicht einer Feder zu belasten . Es scheint zu gehen .

Aber auch ein klitzekleiner 200km Brevet ist so nicht zu machen. Nun muß sich zeigen, was von den 1001 Eisenwerken zwischen bis Hagen übrig ist. In Eilpe soll es einen Fahrradladen geben – ein Hoffnungsschimmer am Ortsausgang. Wir setzen also alles auf Plazierung und schlängeln uns über den guten, sonnigen Asphalt.

aa7Wir streifen an den Häusern vorbei und durchkämmen aus Augenwinkeln die Hinterhöfe. Seit meiner Hagener RTF hat sich nicht viel geändert. Gefühlt ist nur jedes 5te Gebäude in rentabler Verwendung. Geschlossene Läden, leere Fenster, verlassene Fabrikantenvillen. Verglichen mit einer alten russischen Kaserne sind noch sehr viele Fensterscheiben der aufgelassenen Gebäude intakt.

ac2Auch nach dem 2ten Krieg wurde massiv in Backstein gebaut. An einer Fabrikhalle, die abgerissen wird, der Schornstein ist lange schon ein Rumpf, imponiert allein schon das dicke Mauerwerk. Niederreißen scheint oft die einzige Lösung zu sein, dunkelkarmin schimmern die Backsteine aus heroischen Zeiten: sie wurden von Hand gesetzt.

aa4Eilpe. Über den aufgegebenen Teil der Bundesstraße erreichen wir den Ortseingang, unterqueren den Zubringer zur A45, dringen über Ampelkreuzungen und Einkaufsflächen in den (verglühten)Kern vor  – und stehen dann vor einem geschlossenen Fahrradladen- S’ist Wintersaison. Versandkartons stapeln sich drinnen, auf dem Türschild nicht einmal eine Telefonnummer. Im Netz auch nichts. Nein danke Siri, tut mir leid Alexa. Ich geh dann mal hinters Haus und kehre erleichtert zurück .

ac1Und dann Kopf hoch:  gleich nebenan – eine Schlosserbude. Aber der kleine Laden:Samstags geschlossen, jedoch eindeutig metallverarbeitende Geräusche; das ist ein Kreischen aus dem Anbau. „Roy, da sind noch welche drin!.“ Geschlossenes Rolltor, aber kleine Türe  seitlich,– offen. Beißender Geruch, Schweißdrahtnebel, Metallspäne „Paßt mit den Reifen auf“. Wir zeigen kostbares Titan vor und bitten um Hilfe. Es wird eine schlichte Mutternschraube von 3cm.

aa210er Schlüssel klemmt edelste italienische Schmiedekunst.

aa3Bittesehr. Ein paar Euro für die Kaffeekasse. Der Brevet geht weiter, die Sonne lacht und Eilpe ist ein netter kleiner Ort aus dem die berühmte Wippermann Kette stammt.

b09So sieht eine Fabrik aus! Auf den Werksbesuch verzichten wir zeitbedingt. Vielleicht greifen wir nächstesmal zur Connex- Kette. Wir müssen jetzt hinauf nach Kattenohl, wo noch der Schnee liegt und man diesen großen Blick über die hundert Täler hat. Da, wo wir noch hin müssen.

 

 

 

 

 

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4 Antworten zu Werksbesuch bei Wippermann – 200/2

  1. randonneurdidier schreibt:

    Baumarkt, Schlosserei… ein Radladen war wirklich nicht vonnöten. Eine kurze Schraube und eine passende Mutter – das reicht. Bekommt keinen Schönheitspreis, dafür hält die Sache. Bravo! All the best Dietmar

  2. monnemer schreibt:

    Weiß ja auch nicht, wie es bei Wippermann so aussieht (die produzieren mit Sicherheit nicht unter diesen Umständen), aber es ist noch gar nicht so lange her (90er-Jahre), dass ich unzählige dieser auf der letzten Rille in verfallenden Gebäuden vor sich hin wurstelnden Stahlbearbeitungsbuden in ganz Europa von innen sehen konnte.
    Viele von dieser Sorte in Belgien, Lüttich, Flémalle, Overpelt, Charleroi usw., aber auch sonst wo, an Rhein und Ruhr sowieso. Die Krönung war ein Brennschneidebetrieb in Essen – die Arbeiter, die man im dichten Qualm nur schemenhaft erahnen konnte, wateten durch knöchelhohe Brennschlacke zwischen schiefe Stapeln Grobblechen mit messerscharfen Ecken und Kanten herum, Gluthitze an den Brenntischen, irgendwo im Halbdunkel hantierte einer mit dem Magnetkran wühlte sich durch die Bleche auf der Suche nach dem Passenden, jedesmal ein ohrenbetäubendes Donnern, wenn er aus 1m Höhe den Magnet löste, eiskalter Pausenraum mit Löchern in den Scheiben, überall Taubenscheiße, die Sanitäranlagen ständig überflutet – eine Art Vorhölle. Sehr eindrückliche Einblicke in Arbeitswelten, die ich nicht missen möchte.
    Die erste Hälfte des Cimino-Films passt da wunderbar.

    Übrigens war das ein Cliffhanger vom Feinsten im letzten Beitrag und man genießt wie immer lesend mitzufahren!

  3. crispsanders schreibt:

    Tolle Beschreibung der Welt unter den Sheddächern und völlig überzogenes Lob für ein unwürdiges Stilmittel, das eindeutig der Schundliteratur entstammt. Fortsetzung folgt.

  4. monnemer schreibt:

    Ein Sattelklemmbolzen hat von Natur aus wenig Glamour. Unwürdiges Stilmittel hin oder her: so war er mal voll im Rampenlicht. Das ist ihm zu gönnen.

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