Den Faden weiterspinnen

Ein post-scriptum zum Winterbrevet 200/19

(nicht über Rennräder)

eine factory

Die Factory Valleys sind noch nicht ganz verlassen, der Eindruck, den sie machten hält vor. Vom Rad aus erfaßt man Strukturen besser, schätzt Größenordnungen anders ein als auf einer Karte. Mit anderer Intensität. Das Verhältnis von Stadt und Land, Natur und Industrie, die Fläche, den Raum den eine Sache für sich in Anspruch nimmt, wird spürbar. Das Auge des Randonneurs fährt mit.

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Hochregallager, Parkplätze, Zubringer und Stadtränder. Das Verhältnis von Außen und Innen. Die Umrundung eines neuen Gewerbegebiets  dauert mit dem Rad manchmal  länger, als das Abfahren eines Stahlwerks samt Werkssiedlungen. Die Umrundung eines Einkaufszentrums manchmal auch.

DSCF8909Die Produktion war nicht nur wegen ihrer Lage im Tal verdichtet, sondern auch aus Notwendigkeit – Wege kosten Geld. Produktivität braucht kurze Wege, schnelle Abläufe.

DSCF8917Bei der Durchfahrt so intensiv genutzter Produktionsstandorte wie den Tälerketten zwischen Ruhr und Wupper fällt neben der Anzahl von Gebäuden ihr Leerstand auf. Es ist ein natürlicher Reflex, wenn wir das Verlassene und Abgerissene als Verlust empfinden, als etwas, das vermieden werden sollte. Nicht von ungefähr vermuten wir in leerstehenden Häusern Unheimliches. Allein: warum geschieht nichts? Weil es sich nicht mehr lohnt. Denn wir sehen den Rest einer Situation aus dem Jahr 1900.

In der Textil/faserindustrie herrscht vor 100 Jahren enormer Produktivitäts- und Konkurrenzdruck. Nach der Erfindung erster synthetischer Fasern um 1910  (Viskose)  suchen Unternehmen, die das Patent erwarben Marktanteile und gleichzeitig Größenwettbewerb in der Produktion. Das Potential der Fasern war riesig, gleichzeitig sanken mit steigender Produktion die Kosten. Im Jahrestakt wurden Verfahren verbessert und neue Patente ersonnen. Der Direktor – nicht selten Erfinder –  wohnte oft neben seinem Werk, ein fast organischer Verbund.  Werke wuchsen, Täler füllten sich.

csm_1021930797_56a84a09ffVon Viskose über Vistra zum vollsynthetischen Diolen, Perlon und Lycra findet ein globaler Konkurrenzkampf  statt, an dem in Deutschland Hunderttausende beteiligt sind – denn die verarbeitenden Webereien sind dazu zu rechnen. Diese klassische Industrie mit ihren Backsteinmauern, Werkstoren, dem Rauch, Dampf und Lärm, Säurefässern und Werksbahnen –  ja, es ist eine massive Belastung der Umwelt – verschwindet ab der ersten großen Ölkrise 1973 nach und nach vom Kontinent. Heute steht in Österreich die letzte große Anlage Europas. Ist die Schrumpfung ein Verlust?

Foto-von-den-Abrissarbeiten-aufgenommen-im-April-des-vergangenen-Jahres_w760Die riesigen Zellwollekomplexe, gegen die sagenumwobene Schlösser Spielzeugmaßstab haben, wurden / werden vielerorts völlig abgerissen. Hier das Werk in Premnitz, bis zum Ende der DDR der Hauptstandort – auf Anlagen der 1930er. Was der Luftkrieg nicht erreichte machen jetzt Bagger. Mittlerweile ist von diesen Gebäuden nichts mehr zu sehen. Man wünscht sich nun neue Ansiedlungen (MAZ).

Meine Touren und Brevets sind nicht selten von solchen Hinterlassenschaften geprägt. Dabei regen die Ruinen die Phantasie oft mehr an, als aktive Unternehmen. Im Tal der Vèdre bei Verviers stehen Industrireruinen, die wie Olympiastadien wirken. Unsere Ruinenromantik geht heute nicht so weit, Landschaftsparks mit Pseudoresten von Werken zu errichten, wie das im 18ten Jahrhundert für Burgfriede un Zinnen der Fall war.

Das Innenleben der Gebäude war einfach zu grausam, um es irgendwie zu idealisieren.

cottonmills innen

(Spinnereien in England)

Vor-der-Westfalenhütte-Dortmund-1928-1933 Erich Grisar

Ein Seufzen über untergegangene Reiche und ehemalige Größe ist also fehl am Platz, auch wenn die integrative Kraft von Unternehmen („Wir Kruppianer“) reell war.

Es geht um die Energie, die diese gewaltigen Veränderungen antreibt.

Das Kern des Reaktors heißt Produktivität. Alles, was alten und neuen Strukturen und Prozessen der Herstellung zugrundeliegt, ist Folge einer Erhöhung der Produktivität. Sie allein ist das wichtigste Gestaltungsmoment der factory valleys. Darum werden sie aufgegeben, verlegt, oder neue errichtet. Das sind nicht allein die geringerene „Lohnstückkosten“ (billigere Arbeit), da kommt vieles zusammen. Und je weniger die Gesamtproduktivität von der reinen Arbeitsproduktivität menschlicher – körperlicher –  Arbeit abhängt, je weniger „human clay“ notwendig, desto schneller ändern sich die Verhältnisse,Neue Verfahren, neue Anlagen neue Erfindungen. Premnitz (s. oben 1945-1990) gibt es nicht mehr, so sehr uns das Gebäude, die leere Hülle heute gefallen würde; Viskose und ihre Nachfolger sind an anderer Stelle einfach produktiver herzustellen, ein Urgesetz der Globalisierung: wir haben es akzeptiert, denn wir ziehen daraus den Vorteil, auch die  preisbewußten Endverbraucher.

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Andere Hallen werden errichtet, für neue Zwecke, nach anderen Parametern. Von der Produktion verschiebt es sich zur Verteilung von Endprodukten. Das bedeutet nicht unbedingt kleinere Flächen, die Ware macht eine Zwischenlandung und will verwaltet werden. Auch diese Produkte hier sind mehrheitlich Kinder der Viskose, des Fadens aus dem Wuppertaler Werk. Es sind Endprodukte einer Textilindustrie, die zurücksendet, was einmal erzeugt wurde. Logistische Umschlagplätze.

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Auf dem Luftbild mitte unten, rechts vor dem Parkplatz, ist der Namenszug noch schwach lesbar. Der Flächenverbrauch rechnet sich über die Umschlaggeschwindigkeit der Container, die mit Sattelschleppern an die ganz nahe Autobahn 2 gebracht werden, die ich an dieser Stelle am 19. Januar um ca 15h30 passiert habe. Bönen in Westfalen, mitten im Grünen.

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Die für mein Auge eben schon angenehme Kolossalarchitektur alter Fabrikgebäude (Materialien, Formen, Proportionen) hat der linearen Zweckform Platz gemacht. Noch wird farblich versucht, die lähmende Monotonie der Form zu lockern. Aus Lagerhallen ist kein Schmuck zu machen. Mein Erschütterung über die Leerstände, meine Zweifel angesichts der Abrißbirnen vor Eilpe, die Geistervillen: sie sind eine Luxus-Diskussion. Eine optische Täuschung des Flaneurs – pardon: Randonneurs.

aa1Denn die Lage der Fabriken in ihren kleinen Tälern war keine ästhetische Wahl. Hier gab es  Eisenerze, hier konnte mit dem Schiff die Energie (Kohle) und die Ware transportiert werden. dazu lebten dort Menschen, die wußten, wie man aus einem Klumpen Metall eine feine Fahrradkette macht. Heute rauscht die Autobahn auf Stelzen hoch über den letzten Schornsteinen. Das Tal ist zum Handicap geworden und Produktion (intra muros)  ein ganz dünnes Drahtseil,  auf dem nur noch wenige einen Platz finden.

b16Das futuristische Manifest wußte nichts von Kunstseide, von online-Handel und von Frachtflugzeugen. Es hat die Geschwindigkeit zur dominanten Lebensgröße erklärt – und wurde realisiert in Glasfaserkabeln oder Bestelldatenmanagement. Marinetti und seine Freunde hatten etwas erkannt, und erhoben es zum ästhetischen Prinzip. Sie dachten in Dampflokomotiven, Automobilen und Rennrädern, aber nicht in TFP: totaler Faktorproduktivität. Sie wollten eine sichtbare, spürbare, erlebte Dynamik – eine Ästhetik der Moderne. Sie bekamen Wirtschaftsprozesse.

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Die Futuristen wollten fantastische Beschleunigung – wir haben sie bekommen und nennen sie Wachstum. Radfahrer sind ein wichtiges Symbol des futuristischen Beschleunigung:  Körper die sich in den Wind neigen, die untentwegt rotierenden Beine, der dynamisch rollende Schwung. Das hatte was.

Nun aber sind wir zu Zuschauern geworden. Privilegierte Entschleuniger. Wir sehen auf unserem Weg mehr – wenn wir wollen. Unterwegs habe ich gesehen, aber zuwenig begriffen, das Urteil wird im Vorbeifahren zu stark von den Sinnen geleitet (was ja auch in Ordnung ist). Verstehen kann man nachher dennoch mehr, wenn man dem Faden der Viskose nachgeht wie in einem Labyrinth. Wenn man dem Faden folgt durch die Täler hinauf zu den Autobahnkreuzen, wo transformierten Fäden aus aller Welt weiter mit Hochgeschwindigkeit in alle Richtungen verteilt werden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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2 Antworten zu Den Faden weiterspinnen

  1. tinotoni67 schreibt:

    Ich muss noch langsamer werden, vielleicht kommen mir dann auch so tolle Gedanken. Ob ich die dann aber so zu Papier bekomme?

    • crispsanders schreibt:

      Nicht langsam: in Maßen entschleunigt. Dann fällt einem auch der name der wichtigsten Premnitzer Faser ein: DeDeRon. Millionen von Tragetaschen und Kitteln (die mit den Mustern) werden noch lange seine Haltbarkeit bezeugen.

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