Freitags für da future, Samstags auf the road

Zur Erinnerung. Ein wenig Dauerfrost, eine ordentliche Prise Schnee und mehrere Sturmtiefs – der Winter 18/19 war eigentlich ganz so, wie er in gemäßigten Breiten sein sollte. Nicht zu hart und nicht zu weich. Dennoch spricht nichts dagegen, wenn meine Tochter Freitags für/wider  das Klima demonstriert. Es gibt manche Gründe.

a05Also auf den Unterricht verzichtet, um gegen die globale Erwärmung der planetarischen Atmosphäre zu demonstrieren. Im Unterschied zu den Ostermärschen (Schwerter zu Pflugscharen) oder Golfkriegsdemonstrationen (Kein Blut für Öl) ist es erfolgversprechend, wenn eine Generation sich überlegt, ihr Verhalten den eigenen Zukunftserwartungen anzupassen. Klima hin Klima her – die Kollateralschäden einer intensiven Umweltverschleißung sind schon länger sichtbar.

a06Im Unterschied zu den vorgenannten Bewegungen, liegt das Erreichen der Wunschziele sogar in der Macht der Demonstranten. Sie wissen, daß ihr eigenes Verhalten den Konsum fossiler Brennstoffe steigert . Verzicht und Mäßigung könnte ein Weg sein, auch, um en passant den Sieg des totalen Konsumismus aufzuhalten. Norbert Bolz kann man immer noch lesen.

Dennoch brauche ich zu meinem Schutz ein neues Paar Winterstiefel fürs Rad. So stark ist mein Glaube an die Erderwärmung dann doch nicht, daß ich das altgediente Paar fröhlich in den Sondermüllcontainer entsorge.

a12Dünn sind darum Fachhändler gesät, die überhaupt Winterstiefel führen. Schließlich legt man sich ungern 10 paar verschiedener Schuhe ins Regal, die bei ausgepreisten 200+  (UVP, UVP!) nur Staub anlegen. Dünn sind aber auch Kunden gesät, die schon genauer hinsehen was es wo gibt und auch mal völlig erfolglos 150km fahren . Skistiefel  findest Du an jeder Ecke, wer Winterstiefel sucht, braucht sie wahrscheinlich wirklich.  die Fahrt nach Gießen war eine Lehre.

a01Darum heute, Samstag den 2.März 2019 westwärts ins Rheintal.  Koblenz. Dort  – und nur dort –  kann ich hoffen, mehr als drei Modelle zur Auswahl zu haben. Ich folge der alten Handelsstraße, die Frankfurt und Koblenz verbindet.

b12Dazu ein Meilenstein, den Erzbischof Clemens von Trier kurz vor der Säkularisierung aufstellen ließ. Dann habe ich mit dem Enik den letzten Höhenzug überquert, der den westlichen Westerwald vom Rheintal trennt. Es ist feuchtkalt – Ab hier wird der Weg leichter und wärmer.Ich brauche drei Minuten, bis ich wieder auf die Straße komme, und weniger als eine Stunde für den Rest.

a02in Arenberg überhole ich noch den Weihnachtsmann. Sie nennen es Fasching. Eine viel ältere Tradition als die aktuellen Klima-Schuldzuweisungstänze in unterschiedlichen Kostümen. Hier haben sich ein paar Demonstranten neben einem lokalen Klimaburner-Hotspot aufgebaut. Es geht rasch bergab: in einer halben Stunde sollte ich unterhalb der Festung Ehrenbreitstein den Rhein sehen. Dann über die Brücke und eine verdiente Pizza, der Mittag ist lange schon vorbei.

a4Hier steht sie. Der Chef empfiehlt das unübersehbare weiße Gebäude am Kopfende des Marktes. Der Teig ist dünn und knusprig, Schinken, Feigen und  gehobelter Parmesan vom Laib. Ein gezapftes Bier versotg mich mit Mineralien und B-Vitaminen. Dieses ideale Essen kostet kaum einen Fünfer mehr als ein Fastfood Menu. Ein wenig ist es wie mit dem Klima: wir haben die Wahl.

a1Koblenz  ist aufgeräumt und hübsch. Mittelalterliche Relikte und der Gruß ans Deutsche Eck, das in wenigen Monaten stark belaufen sein wird. Heute läßt sich flanieren –  parke kurz im Klostergarten.

a3Daumen rauf Koblenz

a6Bigger ist better titelt das kleine, feine Ludwig Museum seine nächste Ausstellung. Es muß Ironie sein. Alex Katz ist ein klassischer moderner Maler –  will heißen: figurativ. Wie viele Pop-Künstler (Wesselman, Wahrhol, Rosenquist) ist Katz von Werbeplakaten fasziniert, am. engl.  billboards. Größe und Schlichtheit.

b13Und in die Welt der billboards geht es jetzt. Vor den Toren der Stadt steht ein Einkaufzentrum, wie es die Welt noch nicht gesehen hat. Vor über dreißig Jahren war das keine schlechte Prognose: nur daß sich vor den Toren Koblenz die Zentren vermehrt haben wie auf einem schlechten Trip.

a8Zwischen Bahngleisen, Zubringern und stückwerkigen Relikten alter Wege.  Fremdkörper. Die großen farbigen Kästen in der Ebene suche ich mit dem Auge. Ich sehe das schmutzige Gras am Rand der Straße, das sich im fahrtwind biegt, die Plastikfetzen in den Baken und verstreut in den Kurven;  Leitplanken, Leitplanken, Leitplanken. Es rauscht ununterbrochen.

a7Im Auge des Orkans ein kleiner Radweg. Das Rauschen läßt nach, die zeit steht ein paar Sekunden still. „hej, schön daß Du hier bist!“

Die großen Kästen ringsum lassen sagen, das internet gefährde ihr Geschäftsmodell. Das Geschäftsmodell des Ausflugs ins Gewerbegebiet scheint am Monatsbeginn eher gut zu laufen. Ist es das, wogegen die Kinder Freitags protestieren?  Der nächste generationenkonflikt nach ’68? Fällt hier das Urteil über Feinstaub, Wegwerfleben und Mikroplastik ? Eine kampzone wäre es schon. ich sehe keinen Protest, eher noch unzufriedene Gesichter an Ampeln. Ein paar Radfahrer wehen mir entgegen – sie ziehen sich auf Gehwege zurück.

b1Ich weiß es nicht. Die Waschanlagen laufen für 9Euro90 gegen das böse Wintersalz, die schlechten Geister des Winters mit der rotierenden Bürste verjagen. Eine riesige, synthetische Himbeerwolke umfängt mich.

b2Dort ein Relikt, einen anderen Meilenstein, der von der guten alten B9 zeugt . Köln, Koblenz, Mainz – – – bis ans Ende der Welt, einer Welt voller großer bunter Flaggen und Billboards.

b3Samstag, 2 märz.

b5Schweißgebadet bin ich aus der riesigen Halle gekommen, das Personal vom BikeXXL-Discount arbeitet im tshirt für Mindestlohn. Schuhe anprobiert, keinen gekauft. Aus der lärmenden Menge geflohen . Immerhin weiß ich jetzt, was nicht geht. Die Suche geht weiter.

b4Der Westwind bläst mich phänomenal nach vorn, Richtung Rhein. Dort wartet eine Entdeckung: die große Eisenbahnbrücke im Kolossalstil.

b6Die Brückenpfeiler sind ganz ähnlich wie die Relikte der berühmten Remagener Brücke. Beiderseits der Eisenbahn führt ein kleiner schmaler Steg, den man nach den Torhäusern befährt.

b8Die Bohlen rappeln unter den Reifen, Schiffe ziehen unter mir hinweg. der Rhein hat wieder den alten Pegel

b9Stromabwärts erspähe ich den alten Kühlturm. Dort sollte einmal der schnelle Brüter hin, der Atommeiler von Mühlheim Kärlich. Es war eine Protestbewegung, die ich hier anfangs vergessen habe. Die Bewegung mit der roten lachenden Sonne auf gelbem Grund. Eine sehr jugendliche Bewegung, ähnlich Fridays for Future. Brokdorf war die große Schlacht, danach entstand allmählich die Grüne Partei. Die grüne Partei regiert jetzt seit 20 jahren hier und da mit, lauert um die 12% auf den nächsten Koalitionspartner . Grün ist FDP 2000 sagte Theaterpolitiker Schlingensief 1998. Grün ist für Klimawandel – aber auch für Braunkohle oder sehr große Flughäfen  undsoweiter. Grün ist nur eine Farbe; BIGGER IS BETTER.

Der Rhein liegt hinter mir, jetzt kommt die Wildnis, Germania hinter dem Limes. Mein Enik, das gute Rad rollt und  freut sich, denn der Frühling kommt. Ab in die Wälder.

 

 

 

 

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