Hinter den Hügeln Hollands – 300

Jetzt bin ich in Heerlen . Das ist eine Stadt  im Südosten Hollands, einer hügeligen Ecke zwischen Deutschland und Belgien. Heerlen ist sauber, Heerlen ist ruhig, als ich einen Kreisverkehr nach dem nächsten umrunde und ausgestorbene Umgehungsstraßen entlangrolle. Die Ampeln springen hin und her – es ist 8h30 an einem Samstag.

a01Wahrscheinlich sieht die Stadt noch genauso aus, wie ihre Planer sie vor 40 Jahren haben wollten. Es gibt viel  Beton von der Sorte, den sie im Ruhrgebiet gerade in die Luft jagen, weil er dort morsch und unrentabel wurde. Hier stehen ganz ähnliche Entwürfe wie eine eins. Le Corbusier wäre glücklich mit Heerlen.

a06Die dekorativen Malereien auf den nackten Flanken dieser Riegel wurde nicht kleinen Gangs überlassen, hier arbeiten Profis.  Gangs gehen in Heerlen einer ordentlichen Arbeit nach.

Über 100 Randonneure haben sich heute (23.3.2019) morgen auf dem höchsten Hügel der Stadt getroffen, der ja eigentlich kein Berg ist , sondern genauso ein Haufen Kohleschutt wie so viele andere in 100km Umkreis. Wir nennen sie Halden, die Belgier Terril. Dieser Haufen hier heißt Wilhelminaberg und es hat den hiesigen gefallen, auf ihn eine (künstliche) Skipiste draufzusetzen. Sie ist überdacht und im Empfangsraum des Gebäudes – eine Art Wintersport-Ambiente-   kann man das Ende der Piste durch eine riesige Fensterscheibe wie eine weiße Leinwand sehen.

Die künstliche Almhütte nennt sich Snow World und der Café schmeckt . Es ist Ende März, so um die 10 Grad warm. Keine Sonne – aber auch kein Wind,  die Stimmung im Frühsücksraum ist gut. Für einen „frühen“ 300er herrschen beste Bedingungen. Gleich, auf der Tour durch Limburg,  Wallonie und Flandern wird es weniger um die Bewältigung der Strecke gehen, als um persönliche Bestzeiten. Bestzeiten auf dem Weg nach Brest.

a03Ich tauche mein Rosinenbrot tief in den Café und als Glücksbringer nehme ich mir eine der schicken Kappen in marineblau mit.

a02Dieser Mann hier hat eigentlich schon alles hinter sich, sein Trikot zeigt es. 7x Paris Brest Paris und wie es aussieht, wird er es auch ein 8tes mal versuchen . Was sind da kleine 300Kilometerchen? Eigentlich könnten sie ihm huldigen wie einem Guru, aber wer soviel auf dem Rad sitzt wie all die Leute hier um mich, muß (zuerst) sein eigener Guru sein.

a07Und dann sind wir mitten im Grünen. EinHinterland in dem es sanft  auf- und  abgeht , voller gepflegter Häusern aus grau-grünem Dolomit. ein paarBekannte wiedergetroffen, andere Gruppen ziehen mit ordentlich Zug davon. Dann auch Chris, der Gefährte vom 200er in Maastricht. Auf dem handgestrickten Pullover aus Ecuador sind jetzt drei Rückentaschen aufgenäht. Langsam zieht er fort, während ich plaudere und knipse. Wir sehen uns vielleicht später.

a09Denn es geht so. Leidlich.  Drei Gläser Wein und schon habe ich einen dicken Kopf. Ich sollte auch mal ausschlafen, aber Geduld, vielleicht platzt der Knoten gleich und das göttliche Schweben beginnt. Einem alten Knaben auf rotem Benotto habe ich mich angeschlossen, nachdem man uns an einem kleinen Kirchplatz spontan kontrolliert hat. Cola, Snickers Mars in die Taschen und weiter.

b1Der Kerl hat eine klasse Position auf dem Rad, unser Tempo harmoniert. An seiner Carbonmaschine ist ihm das Schaltauge gebrochen, das Schaltwerk hat die Kette zerstört. Darum hier Stahl und 9fach. Sag ich doch immer. Nach einer rustikalen Senke zieht sich die Straße schnurgerade hinauf  ins kleine Dörfchen mit der ersten Kontrolle, eine leicht verschnarchte Bäckerei. b2Der Erlöser steht vor alten Schulgebäuden, die nur zwei Geschlechter kennen. Dann geht auf den ersten Ravel. Diese Ravels sind Bahntrassen, die asphaltiert wurden, jetzt sind es Rad und-Freizeitwege geworden. Mir kommen so schneller nach Lüttich .

b3Läuferinnen sind unterwegs. Wie vormals die belgische Staatsbahn sind wir an minimalen Steigungen interessiert.  Da hinten glitt  einer dieser Kohleberge vorbei – ein Schatten am Horizont. Und dann die Vorstadt. In Fléron, wo immer die vorletzte Kontrolle (1Pflicht Chimay blau)  für den 400er von Maastricht war, geht es ab ins Tal. Lüttich wartet.

b12Lüttich, der industriellen Hauptstadt der Wallonie gilt meine Reise. Heute, auf meinem alten Raleigh wollte ich einmal bei Tag und vollem Bewußtsein den Längsschnitt einer Stadt machen, die Bruchstücke zusammensetzen, die in den vielenFahrten, den Blicken von der Autobahnbrücke , den Videoschnipseln von Lüttich-Bastogne zusammenkamen.

 

Eine gruppe Holländer begleitet mich. Wir fahren kreuz und quer, Kanaldeckel, Pflastersteine, Häuser, die schon bessere Tage gesehen haben und Fabrikgebäude: fast alle alt. Schmale Gassen, breite Straßen, alles in wilder Folge.

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Wir schlängeln uns kreuz und quer an Kanälen entlang und über Eisenbahnbrücken, es wird mir fast schwindlig. Die alte Ostseite der Maas verlassen wir – die Stadt aber lassen wir hinter uns.

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Auf  Grünstücken sprießen die ersten Blumen. Eine kleine Fotoklasse ist ausgeschwärmt und schwenkt mächtige Objektive vage in Richtung der Farbkleckse am Boden. Sucht die Blüten.

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Wir navigieren  irgendwie zwischen Kanälen herum, deren Wasser in den letzten hundert Jahren nie sauberer als heute war.  Aber das beste kommt noch. Das Tal eng, die Bahnlinie kann sich gerade mal hindurchquetschen, größere Gebäude passen nicht hinein.

Doch gleich folgen wir der Maas nach Süden, wo ihr Tal breiter ist und der Industrie mehr Platz ließ.  Für dieses spezielle Schauspiel von einem dutzend Kilometern lasse ich die Kollegen ziehen.

b10Denn auf einem brevet muß man sich entscheiden. Wer hier nur auf Zeit fahren will, muß einen gewissen Tunnelblick entwickeln, immer zwischen Vorderrad und Navi, nur in einer Gruppe kannst du gleichzeitig schnell sein und Kraft sparen . Nach jeder Ecke wird angetreten, an jeder Ampel klicken die Schuhe.

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Das Ding, das hier zerlegt wird,  hat schon amtliche Dimensionen. Daß es von einem Bauhaus-Architekten  entworfen wurde, hat es nicht vor dem Abriß bewahrt. Castagnetti Demolition steht auf  Plakaten an jeder zweiten Ecke. Bauhaus ist doch nur ein kleiner Mittelklasse KulturFetisch. Also weg damit: bring me the Disco-King.

b14Auf dem Rad geht durch diese Industrie 1.0 Landschaft wie ein heißes Messer durch die Butter. Langsam genug, noch Details zu erfassen, schnell genug, um nicht daran hängen zu bleiben. Zu Fuß würde ich Stunden brauchen, um dem Betonmüll, den Zäunen und rostigen Oberleitungen zu entkommen;  es würde mich fertig machen.

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b19Genau wie die älteren Männer würde ich mich an eine Ecke stellen und die erste Flasche köpfen, bis das Fußballspiel beginnt ,die Wetten laufen – der Weg hinaus. b18

Über 1oo jahre gibt es schon „la doyenne“ –  Lüttich Bastogne Lüttich –  und in jedem Viertel, durch das der Parcours gelegt wurde war es ein Volksfest. Vor zwei Jahren haben sie ernsthaft überlegt, ob sie tatsächlich wagen könnten, durch St Nicolas zu fahren – der Ausländeranteil, müssen Sie verstehen.

La Doyenne – was denkt denn ihr, wer sich aufs Rad gesetzt hat? Eine soziale Allianz verbindet Akteure und Zuschauer – genau wie heute im Stadion von Standard, vor dem erste Kunden für Tickets anstehen. Castagnetti Demolition. Das Denkmal für die italienischen Bergleute steht in St-Nicolas, mitten auf einem Kreisverkehr. Sie kamen 1946 zu zehntausenden, um die fehlenden Belgier (angenehmere Jobs) in den Lütticher Minen zu ersetzen, nachdem beide Staaten ein offizielles Gastarbeiterabkommen unterzeichnet hatten. Erinnert sich noch jemand an einen Fußballer namens Enzo Scifo?

c1Wo ich das erste frische Grün sehe, mach eine Pause. Ein nomansland hinter der Uferstraße mit kleinen Sportplätzen der Hoffnung, während auf Werbeplakaten Konsumentenkredite angeboten werden.

c4Mit einer kleinen Horde durch die nächsten Vororte, lange Reihen schmaler, Backsteinhäuser mit zwei Geschossen. Nach Stahl kommt Zink, die Autos und Straßen sind von graubraunem Staub überzogen, (der nicht aus Dieseln kommt). Auf Autoscheiben ich die Spuren von Scheibenwischern. Der Ursprung unserer Waren ist immer noch schmutzig, allen Normen und Gesetzen zum Trotz.

b20Wir  unterqueren eine der Betriebsstätten von Arcelor Mittal, dem Herrn der Gefilde und auch wenn sich seine  Herrschft angeblich nur auf Sparflamme bewegt. Die Fackel verlischt, aber es bleibt genug Rauch.Seraing, Saint Nicolas, Flemalle….

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Es schreit nach Erlösung. Und  Erlösung war schon in der Nähe. Um 1406 soll Robert Campin geboren sein, den man den Meister von Flémalle nennt. Er steht am Anfang eines großen flämischen Jahrhunderts, Jan van Eyck soll einer seiner Schüler gewesen sein. Porträts und Marienbilder waren sein Werk. Die Perspektive ist frisch entdeckt – die Flamen lernen sie beherrschen als Boticelli noch nicht geboren war.

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Der Engel verkündet der Leserin die Ankunft des Erlösers. Lüttich gibt uns nach einem letzten Phosphatwerk frei.

Wir ziehen weiter das Maastal hinunter nach Namur, dort soll die Luft gut sein und das Essen reichlich.

 

 

 

 

 

 

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2 Antworten zu Hinter den Hügeln Hollands – 300

  1. monnemer schreibt:

    Ach, diese Bilder…, eine Zeitreise.
    Einer meiner häufigen Wege in den 90ern führte über die Pont de Milsaucy auf die Ile Monsin in so eine vergammelte Stahlbude, die es mittlerweile auch nicht mehr gibt – 2008 hat tiefe Gräben in der Stahlbranche hinterlassen. Dieses abgefuckte Stadtbild hat mich früher nie gestört, sah es doch in den Häfen meiner Heimatstadt genauso aus.
    In Luxemburg sind es übrigens die Portugiesen, die massenhaft dem Ruf von Arcelor (oder wie die ganzen Vorgänger hießen) nach Dudelange, Differdange etc. gefolgt sind.
    Eher Fußballer, als Radrennfahrer.

  2. crispsanders schreibt:

    Nicht von ungefähr steht das Stadion von Standard Lüttich inmitten dieser Preziosen. Natürlich gewöhnt man sich an alle Umgebungen und die Lebendigkeit der Vorstädte von Lüttich steht im krassen Gegensatz zur Monotonie der suburbanisierten holländischen Anlagen. Es erstaunen aber zwei Dinge: der Anblick von Umweltverschmutzung inmitten einer klimatologischen Sauberkeitsdebatte, deren Epizentrum keine 80km entfernt ist. Und das Faktum, daß Industrie 1.0 ohne Schmutz wohl nicht zu haben ist, und niemand die Reste wegräumt. Das war schon ein Einwand der 90er Jahre – not in my backyard
    Darum verwundert es, ob Auseinandersetzungen (zu diesen Themen) die über Mediokratie geführt werden nicht vor allem symbolisch sind. So ähnlich wie intermonastische Diskurse zum Seelenheil im Mittelalter, die von eher satten Teilnehmern geführt wurden, während die (sündigen) Schäfchen hungerten.

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