Soulor, Spandelles und das Käse-Karma / 2

Du kommst an. Der letzte Kilometer ist eingeläutet – nur ohne Zuschauermassen.  Keine Werbekarawane, kein Hubschrauber über Dir, dem die Blicke von unten folgen wie einem Magneten. Nicht einmal dein kleines Café hat geöffnet. Kein Café, kein Käse.

Aber der Soulor ist kein schmaler Grat, die auslaufenden Bergrücken lassen Platz für ein zweites Café. Ich rieche das Kaminfeuer, von einer schnee-schaurigen Bö herübergetragen. Ein Windfang fürs Rad ist da, drinnen zwei drei Gäste und der Blick ins andere Tal. Eine fahle Sonne wärmt die handvoll Gäste, die ihr Mittagessen beenden.

Mit einem Gruß an die Helden von einst (Fundstück am Ausgang des Cafés), mache ich mich aufgewärmt auf den Weg zurück ins Tal. Und es ist kein Spazierritt, denn heftige Böen tragen mich immer wieder plötzlich zur Seite. Gut, daß um die Mittagszeit absolut niemand unterwegs ist.  Das Abtauchen in wärmere Luftschichten ist immer ein Genuß.

Die neue Speiche am Hinterrad hält, wie gut. Felgen müssen auf der holprigen Strecke einiges mitmachen und die Hände schmerzen vom Dauergriff. Auch gut eingestellte Bremsen brauchen Kraft. Doch noch ein Hubschrauber: ein schwerer Transporthubschrauber der Armee fliegt seine Kreise, ich frage mich, wie sich das unter solchem Wind anfühlt und genieße den Schutz der Mauer in der Sonne.

Der Wirt des Paßcafés hatte mir zum Spandelles ein paar Details geliefert. Der Spandelles ist eigentlich eine Privatstraße, die Höfe und Chalets verbindet. Ein kleiner Weg, der zum Teil noch vor kurzem ungeteert war und nicht von der (nationalen) Straßenmeisterei versorgt würde. Da  kein Schnee geräumt wird, gilt er als „geschlossen“.  Heute sind allenfalls ein paar Schneewehen oben, sonst nichts.

Die Sonne hat das Tal wieder eingehol, ich rolle aus und ich fühle mich um meinen Spandelles betrogen. Wenigstens ein Versuch, eine kleine Erkundung muß sein.

Ich biege in den Paß ein und es geht rasch aufwärts.

Dann öffnet sich das Tal ein wenig, der Blick geht zurück auf den Gegenhang, in dem sich andere Höfe staffeln. Ich höre Schafe und sehe auf der Straße ihre Spuren. Das Postauto ist gerade vorbeigekommen und rollt mit leise quietschenden Bremsen zu Tal.

Dann sehe ich das ganze Panorama, die verstreuten Höfe, die aufragenden grünen Hänge und oben, weiter hinten auch den baumlose Paß. Davor schiebt sich an einem Bergkegel noch der dunkle Streifen der kleinen Paßstraße. Möge die Tour sie noch lange verschonen.

Leider nicht heute. Eine Schafherde später beende ich die Erkundungsfahrt auf halbem Paß und lasse die Kirschen weiter blühen. Denn im Tal wartet die Essenz, welche diese Bergschafe aus den grünen Hängen der Pyrenäen gewinnen. Es ist der aromatische, harte Käse den man aus ihrer Milch gewinnt – jeder weitere Laib versorgt den  Käufer mit frischem Karma: Erhaltung der Bergwelt.

Vorhin bei der Anfahrt hatte ich diesen Hof bemerkt, in dem vier Hunde angekettet in der Sonne saßen.

Ein Mädchen im HardrockCafé-TShirt und Gummistiefeln schlenderte eimerschwenkend über den Vorplatz. Jetzt biege ich mit Schwung in die Einfahrt und  alle Hunde springen gleichzeitig auf. Gerade ausserhalb der Reichweite der Ketten schieße ich hindurch, als zwei weitere, freilaufende aus einer anderen Ecke auf mich zustürzen .

Ich steige vor dem Hauseingang ab, bitte höflich aber bestimmt um Ruhe und warte auf einen Menschen. Zwischen Haus und Scheune liegt ein kleiner Gemüsegarten, um das Eisentor Rosenbüsche, Iris und Flieder. Eine alte Dame in geblümtem Kleid taucht dort auf und die beiden (großen) weißen Hirtenhunde springen wedelnd auf sie zu.

Ich zeige auf die Hunde und rufe: „die zwei hier hätten mich beinahe gefressen“

Die Dame ist wenig beeindruckt „Ach was, die sind noch so jung, deren Beißer kommen durch ihre Waden nicht durch…“

Sie führt mich durch den kleinen Garten die Treppe hinunter: die Schatzkammer ist ein kleiner Keller mit dem typischen, beißendem Geruch. Hier wartet der Lohn. Hunderte Käseleiber dicht an dicht gestapelt in einem kleinen Raum. Kuh oder Schaf: das ist die Frage. Schaf muß nicht sein, Schafskäse aber doch.

aassons

Draußen kommen sie auf ihrem Weg zum Soulor vorbei, die lokalen Radpatrioten des Val d’Asson – diesem halbwilden Tal im Süden von Pau. 20km rauschende Wildnis: kein Supermarkt, kein Bäcker, kein Fleischer mehr da. So verraten sie mir im kleinen Café von Arthez d’Assons, wo ich mir als einziger Mittagsgast die Zeit nehme, den Lokalteil ausgiebig zu studieren.

 

April 2019

 

 

 

 

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