Tag der Arbeit: Mannheimer Morgen.

Wenn im Qualitätsfunk die Zeitungen des Tages besprochen werden, fallen Namen voll romantischer Bezüge, die zum Träumen anregen. Was hat es mit dem Patrioten aus Lippstadt auf sich? Wer mag der Kurpfälzer Bote sein? Und was bringt der Mannheimer Morgen?

aao1Gleich werde ich es wissen, es sind die ersten Sonnenstrahlen vom 1 Mai 2019, die auf das kleine Gartentor fallen, das den Weg nach Mannheim öffnet. Der Parcours gleicht den Ausflügen ins Schwabenland, nur geht es gleich in eine der unschwäbischen Metropolen Baden Württembergs -:  Mannheim: pfälzische Arbeiterstadt und von der anderen Rheinseite grüßt Ludwigshafen. Ein ungleiches Paar, interessant allemal, da sie eines der Bollwerke industrieller Arbeit bilden.

Das Eddy wird mich dorthin tragen. Für dieses Rad ist es der erste längere Ritt im Jahr und soll(te) nicht der letzte sein. Wie dieses Vollblut als potentielles Brevetrad läuft, wird sich heute mit üppigen 25mm Reifen andeuten. Mehr paßt nicht wirklich unter die knapp geschnittenen Bremsstege. Alle Eigenschaften sind bekannt: straff, wendig, dabei gut längsstabil.

aa02Es ist frisch, unter den Häkelhandschuhen trage ich ein zweites Paar, in Abfahrten krümme ich mich zusammen und bald ist die Lahn überrollt. Der erste Schritt in den Süden ist kalt.

aa03Heute meide ich die germanischen Wälder und wähle die Variante über Idstein- am Limesturm vorbei , dem nächsten Längengrad. Fast geht es wie von selbst an den mäandernden Zubringern Wiesbadens vorbei, vorbei an den ersten Erdbeerständen (aus Spanien), den Tulpenfeldern, den Wassertürmen, den geschlossenen Supermärkten.

Dann ist der Rhein passiert und ich tangiere Mainz – Tor zum Süden.

aa05Dort hinter der großen Brücke (Theodor Heuss) ein, nein zwei Relikte. Solche „Teilungsbären“ findet man immer wieder in verschiedener Form an unseren großen Verkehrstrassen.

Oft stehen sie einsam zwischen Leitplanken mit  Entfernungsangabe, um den Weg zur Erinnerung zu vermessen. Der Bär von Mainz zeigt ein Motiv aus zeitgenössischem Mosaik, eine dekorative Darstellung, die seit den Römern bekannt war und sicher eine der wenigen Möglichkeiten sein dürfte, Bilder schadlos über Jahrtausende zu vermitteln. Aber was bleibt in 2000 Jahren von Berlin? eine sumpfige Siedlung neben den Resten eines Großflughafens?

Der erste Mai ist als Tag der Arbeit in den Kalender eingeführt worden. Es war der große Tag der Gewerkschaften – weltweit – ; sozialistische und kommunistische Parteien des Planeten, die für sich die Befreiung des Arbeiters in Anspruch nahmen. Befreiung natürlich von seiner rechtlosen Sklavenstellung – es ging nie darum, Menschen von Arbeit zu befreien, im Gegenteil.

a2Für diese Fahrt bedeutet der erste Mai, daß Versorgung sich auf Tankstellen und Gaststätten beschränkt. Eine gewerkschaftsfreie Zone 24/7. Auch wenn die Auflösung klassischer Arbeitsstrukturen fortschreitet, hält der Feiertag noch die Illusion einer großen, geschlossenen Arbeiterschaft aufrecht , die gemeinsam für ihre Rechte und Freiheitsansprüche einsteht. Stelle mal anheim, was davon konkret bleibt, wenn die Stahlproduktion (sehr bald) und die Automobilproduktion (recht  bald) unseren Kontinent bis auf ein paar exotische Sportwagen und Luxusmobilfertigungen verlassen haben. Aber da wäre noch Mannheim (und sein gegenüber).

a4.jpgStatt also glücklich einherschlendernder Arbeiterfamilien oder freudigen Gewerkschaftsjubel („Samstags gehört Vati mir“) mit Wimpel und klingendem Spiel, fallen unterwegs ganz andere Dinge auf:  leere Parkplätze beispielsweise.

a1.jpgRegelmäßig schweift mein Auge über große, graue Flächen in der Frühjahrssonne während ich die B9 hinunterspule. Die Parkplätze unserer Einkaufszentren.

aa12Die Parkplätze unserer Baumärkte und Gartenausrüster.

aa06Die Parkplätze unserer Schnellimbisse und Gewerbeparks und Aufbackfilialen.

aa07Die Parkplätze unserer Autowaschanlagen

a5Die Parkplätze unserer anonymen Werke – auch abwesend verbrauchen Automobile  Platz, an einem solchen Tag erinnert das geradezu an eine Variante des Cargokultes.

Ich erkläre hiermit den ersten Mai zum Tag des verordneten Konsumverzichts.

aa09Vom Rad aus sehe ich die Dinge einfach zu einseitig, ich sollte lieber von den Silhouetten reden, die auch am ersten Mai gebeugt über endlose Folienstreifen stehen, um die Erdbeere, den Spargel oder den Salatkopf zu jagen. AmHorizont, –  für mich!

a3Denn Morgen will mein Markt frisches aus der Region anbieten. Ach und weh ihr Menschen, die keine Schatten werft, ihr seid es nicht, die wir Arbeiter nennen. Ihr seid das upgrade der Baumwollpflücker zu Mindestlohnbedingungen. Ihr seid die Spitze des Eisbergs, der uns die schöne Gurke und die prachtvolle Rispentomate verschafft.

Ihr müßt euch schon selbst organisieren, und davor haben sie alle Angst.

aa10Es läuft flott durch die Ebene über Worms und Richtung Ludwigshafen und selten bin ich so schnörkellos an diesen toten Arm der B9 gelangt, der mir zeigt, daß ich den ersten gordischen Verkehrsknoten (Worms) gesprengt habe.

Pflastersteine sind ihr eigenes Denkmal der Arbeit, jeder einzelne wurde von Hand gelegt und fest eingeklopft und bildet mit seinen Kollegen fortan die mehrhundertjährige Garantie für das Bestehen dieser Straße.

aa11Endlich ist mir warm genug, kann ich die Handschuhe ablegen und die letzten Kilometer nach Frankenthal / km 120 / in Angriff nehmen , mein Merckx ist eine gestreckte Maschine mit steilem Steuerrohr, auf der ich dem Wind eine kleinere Stirn biete. Vorbei an den Motocrosstrecken, an den Sportflughäfen. Sports for all of us. All of us Freedom Riders

aa14aa15Der Freund mit Flema the unique, wartet auf mich und wir gönnen uns eine Lage Red Bull, bevor wir den Rhein über die titanische Steinbrücke überqueren.  .. . . .  . . .Der Mannheimer Morgen naht.

 

 

 

 

 

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4 Antworten zu Tag der Arbeit: Mannheimer Morgen.

  1. monnemer schreibt:

    „Mannheim: pfälzische Arbeiterstadt“ ist ein dicker Hund. So was hätte man (früher) sagenwirmal in einer Kneipe auf dem Waldhof kaum verletzungsfrei äußern können.
    Noch nicht mal nach einer Lokalrunde Red Bull.

  2. crispsanders schreibt:

    Oh!
    Die Sache mit der Rassentrennung kann man inzwischen lockerer angehen.

  3. tinotoni67 schreibt:

    In Zukunft bitte Coca-Cola Energie! 😉 Immer diese Österreicher. Mein 400er auch gut überstanden, ohne Eddy noch auf KOCMO.

  4. crispsanders schreibt:

    Bitte keine Schleichwerbung, auch wenn Rücksicht auf den Sponsor geboten ist. 400: Mit Gerald Seite an Seite Rund um Berlin?

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