Masta

Sie haben ihn aufgebahrt. In seinem Rennoverall liegt er in seinem Sarg, der rote Helm obenauf, mitten im Stephansdom. Niki nazionale: er war schon ein gerader Michl sagt eine Zuschauerin. der Berliner hätte gesagt: kalt wie ne Hundeschnauze. Niki Lauda, Sohn aus gutem Hause, erzbürgerlich aufgewachsen, kühl, berechnend aber gleichzeitig von völlig irrationaler Risikobereitschaft. Jetzt endet er mit den Würden eines Bischofs, ausgerechnet dieser bekennende Atheist, dem die letzte Ölung den Kick zum Überleben gibt: „mit mir nicht“, dachte er da noch. Jetzt haben sie ihn.

b masta 4Was so ein Brevet für Überraschungen birgt. Ich kenne diese Kurve. Ich kenne sie, seitdem ich diesen Film aus dem Jahr 1955 gesehen hatte, da wäre ich minus 10 jahre alt. Hier genau biegt der Grandprix Kurs von Spa von der Nationalstraße nach Stavelot ab, rechts hinauf Richtung Start und Ziel, auf eine kilometerlange, kaum gewundene Gerade die an der Haarnadel von La Source endet.

Ich rede dabei vom alten Kurs, und  insbesondere vom Jahr 1973. Da hatte die Formel 1, der diese Strecke in „Grand Prix“, John Frankenheimer 1966, ein Denkmal setzt, den Kurs bereits für zu gefährlich erklärt. Der letzte GP von Spa auf der 14,1 km langen Strecke fand 1971 statt.

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 Kurz vor Coo: Chenard&Walcker, Sieger in Spa 1925, Sieger in Le Mans 1923……

Natürlich war der Einwand auch damals schon völlig berechtigt und heute wäre ein Rennen unter den Voraussetzungen von 1973 kaum vorstellbar. Wie viele Rennstrecken Europas verlief der Kurs über ganz gewöhnliche Landstraßen in einer abgeschiedenen, grünen Idylle, ohne nennenswerte Auslaufzonen, direkt an den Vorgärten der Anwohner vorbei. Dagegen muten einige Wüstenrennbahnen der heutigen Formel 1 wie Indoorspielplätze für Kindergeburtstage an.

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Aber es war der Beginn einer anderen Zeitrechnung für den Rennsport und einen guten Anteil daran hatte auch Niki Lauda . Ohne seine Persönlichkeit wäre die Grand Prix Drivers Association wahrscheinlich ein  loser Verbund von Hasardeuren und Söldnern geblieben, die die Organisatoren von Rennstrecken wie dem Nürburgring nie zu konstruktivern Erneuerungen gezwungen hätten. Auch wenn es ihn selbst dennoch fast das Leben gekostet hätte, wieviele Leben anderer Fahrer dieser Kopf so gerettet hat, kann man glücklicherweise nur vermuten.

Rennsport war zu Zeiten Laudas und noch bis in die Ära Schumacher in Deutschland nicht gerade politisch korrekt. Gerade nach der Ölkrise galt diese Vergnügen als mörderisch, leichtfertig und verschwenderisch. Die mediale Berichterstattung beschränkte sich auf meist viertelstündige Rennberichte, wenn es um Formel oder Sportwagen ging, der Rallyesport, landschaftlich reizvoller, bekam im zweiten Programm etwas mehr wohlwollende Aufmerksamkeit.

Dabei reden wir in den 1970ern von einem sehr breiten und bunten Angebot an Rennsport. von Formel 2, Prototypen, Sport- und Tourenwagen bist zur Formel 1 reichen sich oft die gleichen Fahrer das Lenkrad. Zwar gibts Werksteams, aber Fernseh- und Sponsorgelder fließen bei weitem nicht so uferlos wie noch heute.

Veranstaltungen wie die 1000km von Monza, dem Nürburgring oder eben Spa werden von der Elite der Fahrer bestritten, die Rundenzeiten sind in Spa sogar unterhalb der Formelrennwagen. Schon 1960, zu einer zeit als 180PS starke 1500ccm Motoren die Lotus und Ferrari antreiben, wird auf diesem Kurs die 200kmh mauer geknackt: im Durchschnitt. Seit 1971 reden wir von Durchschnittsgeschwindigkeiten von 260kmH. Das jahr 1973 markiert einen Endpunkt, an dem auch Niki lauda beteiligt ist.

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Beim 1000km rennen ist das Feld zwischen Prototypen und Sportwagen geteilt. Drei Anwärter gibt es auf den Sieg, die ihre Formel 1 Motoren in leichten Fiberglaskarrosserien einsetzen: Ferrari, Matra und Gulf aus England, ein Chassis, in dem der dominante Formel 1 Cosworth verwendet wird.

Porsche, BMW, Opel und Ford treten mit modifizierten Sereinfahrzeugen für die Tourenwagen Europameisterschaft an. Der junge Niki Lauda teilt sich mit dem deutschen Talent HansJ Stuck das Cockpit eines Alpina BMW. Beide sind ehrgeizige Fahrer, die parallel in der Formel 1 um erste Punkte kämpfen. Lauda kämpft um mehr: er hat einen gewaltigen Kredit zurückzuzahlen, mit dem er sich in die Cockpits von March und dann BRM eingekauft hatte. Lauda ist ein sogenannter pay driver, ein Millionärssohn vielleicht, aber ein zielstrebiger und ehrgeiziger. Also fährt er auch gegen Bezahlung Tourenwagen.

 

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Das Training zu den 1000km von Spa beendet der Belgier Jacky Ickx  (Bild: Giet) auf der Pole Position, er hat dabei den Rundenrekotd verbessert. Durchschnitt: 263 kmH. Spa ist der schnellste Straßenkurs der Welt, nur die künstlichen Geschwindigkeitsovale der USA erlauben höhrere Durchschnitte.

 

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Einer der wichtigsten Gründe für diese Speed-rausch ist die Gerade, die ich mich gerade hinaufarbeite: Masta. Nach der Kuppe von Eau Rouge geht der Kurs in einem langen Schwung über Burnenville und Malmedy langsam bis zur Kehre von Stavelot bergab: viele Kilometer lang. An der Stelle, die ich gerade passiert habe, dürfte jacky Ickx also mit ca 360kmH oder Jo Siffert mit 380kmH entlanggekommen sein. Auf einer Landstraße, die gerade mal 6m meter Breite hat . . ..

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Niki und Striezel Stuck gewinnen ihre Kategorie nach 62 Runden, sie erreichen zivile 210kmH auf dem BMW 3,2 CSL, einem Auto mit rudimentären, kleinen aerodynamischen Stabilisationsmitteln, wie man leicht sehen kann. Für Lauda, den man als rational und akribischen Techniker bezeichnet, wird dieses jahr 1973 entscheidend sein. Er setzt sich an die Spitze der BRM Fahrer der Formel1 und Enzo Ferrari wird diesen Spieler in sein team holen. Der Rest ist Legende.

b mastaIch dagegen quäle mich mit kaum 20kmH diese endlose Gerade hinauf, während erste Tropfen ansetzen, den Kurs noch gefährlicher zu machen. Sportwagen sehe ich immer wieder und fast alle tragen englische Kennzeichen. BMW, Porsche Ferrari, Triumph, Aston-Martin aller Epochen. Die Engländer sind die großen Mythologen des Automobilsports, das steht fest.

b masta2Wenig später auf dem Ravel hinter Malmedy entdecke ich das gut verborgene Refugium. In Reihe stehen vor kleinen Chalets diverse Lotus und TVR, bereit, am nächsten Abend Erinnerungen an den Geschwindigkeitsrausch des Kontinents wieder auf die Insel zurückzubringen. Für mich sind es noch 160 km. Auf einem Fahrrad.

 

 

 

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Eine Antwort zu Masta

  1. alex schreibt:

    Danke für den schönen und rückblickenden Bericht. 😉

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