Ein Jäger aus Kurpfalz – zur Velowino

1. Ein Jäger aus Kurpfalz,
Der reitet durch den grünen Wald,
Er schießt das Wild daher,
Gleich wie es ihm gefällt.

Refrain:
|: Juja, Juja, gar lustig ist die Jägerei
Allhier auf grüner Heid’,
Allhier auf grüner Heid’, 😐

2. Auf! Sattelt mir mein Pferd
Und legt darauf den Mantelsack,
So reit’ ich hin und her
Als Jäger aus Kurpfalz.
Refrain:

(1 Volkslied)

b1Man lernt nie aus,. Die föderale Hoheit unserer Schulbildung wirkt nach, wenn  wir feine, aber bedeutende Unterschiede  der Landes erst im Intensivtourismus erfahren können. Neulich, nachdem ich diese Brücke überquert hatte, fragte ich freundliche Menschen, ob ich jetzt in der Pfalz angekommen sei. Sie warfen mich nicht in den Neckar, an dessen Ufern wir standen.

b3Unsichtbare Linien durchziehen unsere Landschaften,  definieren den Wechsel von Dialekten, Konfessionen, Leibspeisen. Der Begriff vom Weißwurstäquator ist kein launisches Wortspiel: auch in Zeiten homogener Fastfood-Versorgung markieren Wurstsorten reelle kulturelle Grenzen.;

(Ganz wie vor 300 Jahren, als >wes Brod ich eß, des Lied ich sing< galt und Mannheim stolze,  kurpfälzische Residenz war  -und Ludwigshafen ein bescheidenes Bauerndorf).

Vom Spundkäse jedenfalls hatte ich weder in der Schule noch im Leben je gehört, bis ich ihn endlich sah – aber erst einmal aufsitzen, Pedale einrasten und durchatmen. Es ist ein guter Morgen.

a1Aus vergangenen Expeditionen war bekannt, daß Ludwigshafen und Mannheim nur wenige Kilometer trennen, aber dabei eine Landesgrenze überwunden werden muß . Im heutigen Versuch folge ich den gleichen Spuren, bin aber historisch besser informiert.

Von der Fleischwurst zur Weißwurst

Der Sommertag beginnt hell, diesig, mit sehr leichtem Wind, als das Batavus in Schwung kommt. Das Frühstück war gut, der Tee blumig. Dieses Rad erfährt in den nächsten zwei Tagen seine Bewährung auf der Strecke, denn es geht nicht nur bis Mannheim, sondern am folgenden Morgen zur Velowino, eingedeutscht: Weinheim.

aa1Das Batavus „professional“  ist mit Teilen aus den Kellerkisten aufgebaut. Der Rahmen von Größe 60×57 rollt sehr lebendig und straff, auch wenn der Radstand ganz entspannte 100cm beträgt. Die Reifen meiner Wahl sind 25er Contis, also auch da Komfortzone.

Der Unterschied zu anderen Modellen liegt wahrscheinlich bei einem anderen Wert: das Innenlager nämlich liegt 28cm über dem Boden, das sind immerhin 1,5cm mehr als bei vielen Konstruktionen.  Bei den 7,5 bar mit denen ich gestartet bin, wird das spürbar : -aber nicht unangenehm, denn Geradeauslauf und Stabilität sind tadellos.

a5Lebendig verfliegt die erste Stunde. Vergessen Morgenkälte und kühle Nebel vom April. Heute wird von Beginn an Schatten gesucht. Aus dem goldenen Grund hinaus führt der Weg über Heftrich, durch den Wald auf die Höh‘ , hinunter nach Oberseelbach. Mehr Höhenmeter, weniger Kilometer. Idstein umfahren.

Und zurück auf die gute alte Bundesstraße 8.   Im Laub verbergen sich Gebäude; eine Containersammlung, sie nennen es Erstaufnahmelager. In Unterhemden und Badeschlappen werden Bollerwagen gezogen, mit Plastiktüten auf  ins nächste Dorf. Wir rollen weiter. Hinunter, hinauf, Ampeln, Kreisverkehre, Reisebusse.

aa4Letzte Waldstücke – Nadelbäume atmen aus-  und dann im Sinkflug durchs freie Feld , an Wiesbaden vorbei runter zum Rhein. Holundergeruch aus Feldwegen. Ganz weit hinten  kleine Bleistifte von Fliegern.  Erbenheim, Igstadt, Bierstadt, Fort Biehler. Rechts oben grünblau der Taunuskamm und weiter vor mir, milchig, vage Umrisse von Mainz. Schon durch Mainz-Kastel durch, doppelspurig an den ersten Erdbeerständen vorbei. Da ist der Rhein.

….

Kurze Tankstellenpause nach drei Stunden – den Rucksack abnehmen, einmal durchstrecken und recken.

Der letzte Tag im Mai. Sattes Frühjahrsgrün, auf das eine große Welle warmer Luft Sommerhitze verteilt. Ein Sprung von 15 Grad nach oben, genau jetzt, da die Blätterdächer gut geschlossen sind.  Nach Worms über die Weindörfer und  Bundesstraße: Kurs Süd auf den Treffpunkt Rheinbrücke zu.

a4Am Rhein stauen sich motorisierte Kolonnen. Alle haben frei, alle wollen an die gleichen Orte. Ich gleite vorbei, suche meine Position am Unterlenker, hart neben dem dicken weißen Strich der großen Straße. Ein Rucksack ist auf Kurzreisen praktisch, erhöht aber den Druck auf die Sitzknochen, und wird auf Dauer fühlbar. Schmerz verlangern und neue Position suchen. Entschädigung: der Sommer ist noch jung, alles sieht so leicht aus, helles Blau, helles Grün. Der Himmel und mein Batavus verschmelzen kurz.

a3Die Luft hat noch keine Zeit gehabt, sich über dem Teer zu stauen, eine leichte Brise geht durch die Alleebäume. Chausseen Chausseen – ich gewinne ihnen eine neue Schönheit ab, die Schönheit der Schattentupfer. Kettensirren. Das alles bei einem gefühlten Tempo um die 30, die dritte Trainingsfahrt dieser Woche.

(Gedanke, der verfolgt wird: statt einen großen 600er Brevet zu  meistern, mehrere flotte Portionen von ca 150km, so geht es mit der Regeneration schneller, das Wundheitsrisiko ist geringer etc. etc.  – on verra)

a7Links der Odenwald, symmetrisch von den Stümpfen der Kühltürme in die Ferne gerückt. Dort geht es heute noch hin, zur Einschreibung bei der Velowino.

b3Die Velowino in Weinheim ist eine der  hübschen, sorgfältig organisierten Veranstaltungen, auf der Renräder vor 1990 erwünscht sind. Das Muster der eroica wird gern angeführt, und es ist fein, wenn die Idee sich in unseren Breiten fortsetzen läßt. Es muß nicht immer Italien sein, Schönheit und Exotik liegen manchmal in Sichtweite.

De rote Worscht

Da ist schon: Worms,  – – ich sehe Dich.

aa6

Jetzt führt mich ein Ortskundiger Mannheimer unter das mächtige Brückenhaus aus dem Sandstein, der von Mainz bis Heidelberg viele großen Bauten schuf . Ein eigenartiges dunkelrosa, (ich meine auch Aschaffenburgs Bischofsresidenz ist aus dem Material). Aber das ist weit fort, zum zweiten mal geht es heute über den Rhein  – nach in Baden Württemberg, der Odenwald kommt immer näher.

aa8Erst aber kreuz und quer durch Felder, die der Mannheimer „das Ried“ nennt. Eine kleine Po-Ebene, ohne Reis und Malaria, gut für Erdbeeren. die Bewohner gelten als genügsam, anspruchslos mitunter einfältig.

a8aa7Kurz vor dem Ziel nochmal ein Eis vom Italiener der zweiten Einwanderungswelle (ca 1960 nC) sacken lassen. Es ist wirklich einer. Innen die Leinwandreproduktionen von Ölgemälden, das italienische Satellitenfernsehen, furnierte Möbel des 20ten Jahrhunderts. Und gutes Eis. b1

Sie haben gerade den Stand aufgebaut, als wir eintreffen im schattigen Burghof. Der Empfang ist herzlich, es gibt salben, Magnesiumpulver und die Startnummer. Mutig für die lange Runde  (130km) ab 6h30 gemeldet. Alles frisch befestigt .

DSCF7633Morgen soll es durchaus wärmer wärmer werden ……

 

 

 

 

 

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2 Antworten zu Ein Jäger aus Kurpfalz – zur Velowino

  1. monnemer schreibt:

    Einstrophige (Fäkal-)Version, die jedes Kind zuerst lernt:

    1. Ein Jäger aus Kurpfalz,
    der hat die Kuh am Arsch geleckt,
    jetzt stinkt er aus dem Hals,
    jeeeetzt sinkt er aus dem Hals.
    (Ende)

    Angelehnt an das Sprichwort, dass wer mit dem Teufel frühstücken will, einen langen Löffel braucht, wäre noch anzumerken, dass wer jemanden von dieser Rheinbrücke in den Neckar werfen will, einen langen Arm braucht.
    Ansonsten gut aufgepasst und ich habe mich bei der Lektüre sehr amüsiert, ganz wunderbar!

  2. tinotoni67 schreibt:

    Falls du nächstes Jahr wieder fährst, könnt ich ja mal rumkommen!?

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