Nachts hindurch: Berlin-Poysdorf 2

Eine lange Gerade führt auf und ab, ab und auf immer tiefer in die Nacht. Der höchste Bergkegel – hinten, am Horizont –  ist am Gipfel erleuchtet. „Mordor“ tauft ihn Tino. Dann wird es wirklich dunkel. Das weiße Band der Straße leuchtet noch schwach. Mal ist die Luft frischer, mal schwüler, je nachdem , ob es ein Bachtal  oder eine Ortschaft war. Wir rollen, zwei Glühwürmer auf Rädern.

Die letzte offene Tankstelle zieht vorbei. Aber das weiß man erst später, viel später

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Durch Waldgebiete (es duftet nach Harz) stetig aufwärts. Nur der Mond ist Zeuge dieser langen Kilometer. Alle zehn Minuten ein Auto: unsere Lichter sind gut sichtbar. Die Kalorien aus Jablonne sind da, ich genieße gleichmäßige Anstiege, besonders wenn der Wald den Wind blockt. Die Kalorien sind da und machen die Beine leicht.

Wir kommen durch kleine Siedlungen. Eine Kirche, ein paar Häuser und das typische, rosagelbe Xenonlicht. Kleine Kornspeicher, alte Hallen schiebn sich als dunkle Schatten vorbei.

Manchmal ein Duft von Holzfeuer, lustige Geräusche von trinkfesten Stimmen. Ein kleines Städtchen, es geht steil hinauf. Auf dem Plateau ist die Bushaltestelle. Ein Mädchen wartet mit dem Smartphone, das ihr Gesicht anleuchtet auf den Nachtbus, wir winden uns durch eine Baustelle hinaus aus dem Zentrum, vorbei an der Pizzeria, zurück ins freie Feld. Eine Bahn kommt noch. Ein kleiner Triebwagen mit erleuchteten Fenstern der vorbeisaust, elektrisch leise. 23 Uhr vorbei.

Der Weg führt über Hochplateaus, Obstbaumalleen über die der Wind weht, dann wieder hinab in die Wälder. Wie schön, einen kleinen Track mit bunter Landkarte zu sehen. Openstreetmap heißt das Zaubermittel. es ist unglaublich dunkel hier unten, aber es geht gleich wieder hinauf. Wiegetritt, damit schont man die Rückseite.

Die Lichter einer Stadt hellen den Horizont auf  und wir suchen auf den geflickten Nebenstrecken nach der guten Spur. Im Zickzack über Teerflecken, hier kommt heute niemand mehr vorbei, wir können uns die Seite aussuchen. Dann die nächste Abfahrt in die Kühle eines Flußtals, das Rad vibriert, aber es ist nur der schlechte Asphalt.

Ich warte unter der Laterne, es geht in drei Richtungen. Da sehe ich den strahlenden weißen Lichtpunkt. Tino kommt aus dem Dunkel wie ein Fisch aus der Tiefsee. Irgendwo mit dem Rad aufgesetzt, er ist für eine Sekunde eingeschlafen.

a9Weiter, wir müssen Meilen machen, die Nacht schenkt sie uns. Das Wasser ist wieder alle. Da an der Straßenecke eine Kneipe; davor steht draußen ein langer Holztisch und auf ihm im Wechsel: Wodkaflaschen, leere Gläser, Bier, Zigaretten. Zwei drei Männer, einer mit Schluckauf. Drinnen ist es stickig, eine Thailänderin sitzt an der Theke und rechnet auf Papier etwas aus.

„Water?“ sage ich und sie macht beim dritten Fragen eine kleine Kopfbewegung in unbestimmte Richtung. Der junge Mann mit basecap, der vor ihr an der Theke sitzt, hat die Augen nicht vom smartphone genommen.

Ich blicke in die Richtung „toilety“ und sehe zwei Türen. Die eine läßt ein orangenes Licht hindurch, das von einer Reihe Spielautomaten kommt, die ins Dunkel hinein ein paar menschliche Schemen anblinken. Die andere Tür führt dem Geruch nach in die richtige Richtung. Es sieht auf den Kacheln aus wie nach einer Saalschlacht: Blutstropfen, nasses Klopapier überall Scherben? und Wasser und noch mehr Blut. Ein kleines Waschbecken – ich versuche den Hahn nicht direkt zu berühren und zeige Tino den Weg. das Wasser ist kühl und gut, ich hänge meine Teebeutel ein, während der Mann mit dem Schluckauf sich entschuldigt.

Wir rollen weiter, hinunter zum großen Fluß. Zwei Männer wanken unter den Laternen den Weg hinunter.Sie stützen einander, um nicht umzufallen. Nach der Brücke eine Bushaltestelle. Unter diesem immer gleichen Licht sitzen dort Jugendliche mit diversen Getränken. Sie sehen uns an, als seien wir sturzbesoffene Irre auf dem Weg in die Anstalt.  Wir rufen ihnen zu und machen uns in den Anstieg aus dem Tal. Nymburk lese ich auf einem blauen Schild.

Oben: nüscht wie Jejend und immer der Wind, der über die Ebene kommt und in den Bäumen raschelt. Weiter Tino! Weiter Christoph!

Im Vollmond sehe ich die Leuchtzeiger meiner Uhr, Mitternacht ist längst vorbei, kleine Pflegepause. Laß uns noch eine Stunde machen (oder zwei)  und dann einen ruhigen Platz suchen. Erst über diese Baustelle, eine Brücke über die Eisenbahn, wir balancieren mit den Rädern,  Hunde schlagen an. Die Zäune halten dicht. Und hop! in den Sattel zurück.

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Die 400km marke rückt näher, der Tracker blinkt auf der Tasche, der Bordcomputer liefert alle Daten nach.

Noch einer große Straßenkreuzung noch ein paar Meter, dann ist es soweit. Das Dorf hat eine Doppelreihe Bäume, hinter der die Häuser zurücktreten. Es durftet nach Linde, aus den Augenwinkeln ein Kriegerdenkmal. Das könnte es sein. Der Boden ist trocken wie in der Lausitz und schräg hinter dem Denkmal ist eine kleine Holzveranda mit Bänken, die breit genug sind: eine Pension,  Menüschilder stehen draußen.

Tino verschwindet in einem Rettungsbeutel, ich roll mich auf einer Bank ein und ziehe noch einen Pullover über. Es geht. In zwei Stunden wird es hell, von weitem rauscht eine Autobahn, unablässig.

 

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Eine Antwort zu Nachts hindurch: Berlin-Poysdorf 2

  1. randonneurdidier schreibt:

    da ist sie wieder, die einzigartige Stimmung bei Nachtfahrten im Neverland. Hunde, Menschen, Lüfte, Schlaglöcher, Vollmond. Wunderbar beschrieben hast Du das. Und mitgenommen hast Du mich. Danke dafür.

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