Der letzte Tag: Berlin-Poysdorf 3

Early Bird

Der Morgen beginnt gegen 4, es sind Amseln die uns wecken. Noch keine Sonne, aber ein rosiger Schein deutet den kommenden Tag an. An uns ist alles klamm, auf der Haut liegt ein unsichtbarer Belag aus Sonnencreme, Straßenstaub und Schweiß.

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Die Sachen sind schnell gepackt. Schnelles Radreisen ist sehr übersichtlich. Die letzte Banane, noch ein Riegel, Studentenfutter: ein Frühstück im Sattel. Es geht los.

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Das Land ist weit und leer, noch ist der Wind nicht da. Eine kleine Stadt im Tal. Die Tageszeitungen sind verteilt, alles schläft, nirgends der Duft von Kaffee oder Backwaren. Ein erster Anstieg. 12 Prozent steht auf dem Schild. Kann nicht stimmen, denn ohne Pulsrasen geht es hinauf . Bald schon der nächste – lang und zäh.

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Was nicht mehr so geht, ist mein linker Schinken, mein schwacher Flügel, trotz aller Pflege und Hege. Irgendwann kommte die Sonne von hinten links und damit ist auch der Wind ist zurück (von vorn). Es wird zäh, sehr zäh.

Da fehlt definitiv Druck auf dem Pedal, und nur der hilft gegen Sattelschmerz . Sobald es auch nur leicht abwärts geht, rolle ich im Stütz hinterher. Tino ist nur noch ein Punkt auf der nächsten Kuppe. Mein Gesichtskreis beschränkt sich auf drei Meter. Alles andere verschwindet.

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Wieder eine Baustelle mit Rüttelasphalt und am Horizont ein Dorf, – eine Stadt gar?

Wir wagen uns an die Durchfahrt – Hoffnung auf Kaffee und Kalorien. Ein Städtchen mit Fernstraße, regelmäßiger Autoverkehr und an der Kreuzung: eine Tankstelle. Kurz nach halb 7, sie ist offen.

Guter Rat

Ungewaschene Fernfahrer im Inneren. Auch wir sind ungewaschen, aber Hunger riecht anders. Toni spendiert mir einen Kaffee, der Automat nimmt nur Kronen, ich suche eine Landkarte. Orientierung gewinnen: ich muß dringend wissen, wo wir sind.

So gehts nicht weiter Tino, ich werde zum Treibanker. Wir denken dassselbe. Ich habe eine Landkarte der Umgebung gefunden, eine, auf der die Handwerker und Werkstätten inserieren und zeige sie der Kassiererin. Sie zeigt mir mit einem Kuli wo ich bin. Tino sagt, von hier sind es noch etwas über 200km bis ins Ziel. Nennenswerte Städte unterwegs? Keine. Ein Bäcker wäre etwas wunderbares. Das ist der Unterschied zum Brevet, alle  70km gibt es ein Relais. ich muß aufhören zu jammern, eine kürzere Route gibts nicht.

Wenn ich hier wieder zu mir komme und durchhalte, sind das noch 12Stunden. Wenn nicht 13 oder mehr. Ankunft nach 19h und in Poysdorf sind dann schon alle betrunken. Ich möchte nicht als Leiche durch Poysdorf getragen werden. Als Pflegefall mit erstarrtem grinsen und getrocknetem Schaum im Mundwinkel.

Tino zückt das Smartphone, ich sehe auf die Karte. Die nächste Stadt heißt Kolin, die Bahnstrecke führt von Kolin nach Brünn. Das ist die Lösung. Toni sagt: Der Zug kommt um 8h25. Bis Kolin sind es 20km, von Brünn nach Poysdorf  ca. 70. Machbar, auch für einen Treibanker, oder

Als Tourist.

a21Wir haben nicht viel Zeit für den Abschied. Tino gehts gut, er wird dem track folgen bis Poysdorf. Ich werde jetztTourist und ihn dort empfangen. Sein tracker sendet – addio Tino, wenns nicht aussichtslos wäre, wäre ich gern mitgefahren.

Der Kaffee wirkt enorm, aber  noch viel besser ist nach 400km zum ersten mal das Gefühl von Rückenwind zu haben. Rückenwind und glatter Asphalt. Ich fliege nach Kolin und Kolin ist die schönste Stadt der Welt.

a23Rathaus, Stadttheater, Burg, Kirche, Bürgerhäuser und ein stattlicher Bahnhof mit besetztem Schalter. Es bleibt Zeit für eine kleine Morgentoilette hinter den Umbau-Sichtschutzwänden und ich kann mich unter die Passagiere auf Gleis 2 mischen.

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Die Atmosphäre erinnert sehr an die gute alte Deutsche Reichsbahn (um 1992), leider auch die abgerissenen Schuppen im Hintergrund, die von der kommenden Zeit künden. Hier wohl gemächlicher als der Milleniums-Durchmarsch ins ICE Zeitalter, den wir daheim bitter zu bereuen beginnen. Er hat viele Züge und Gleise gekostet, viel Personal redundant gemacht und zum Glück ist der Regierung Schröder die Privatisierung in letzter Sekunde nicht gelungen (01er Blase), sonst sähe es bei uns so aus wie mit den englischen Wasserwerken. Infrastruktur ist privat kaum zu bekommen, nicht mal ein ElektroAutoLadenetz.

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Auf den Gleisen warten Wochenendurlauber auf den Express nach Budapest. Die Frauen haben  manchmal ganz eigenwillige Kleider an, Buntes mit glitzerndem, es gibt noch Nähmaschinen. Der Zug ist voll, nicht überfüllt, die Waggons gut klimatisiert. Alles unterhält sich, die Landschaft fliegt vorbei,  Ähren biegen sich im Wind – wir folgen einem Tal bis Brünn. Ich döse vor meinem treuen Stahlroß.

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Da ist Brünn: eine Kathedrale: ich muß hin, auch wenn die Beine im Anstieg höllisch brennen und sich die Straßenbahnschienen gefährlich in den Weg schieben. War die Berliner Tram  nicht von Tatra ? – eine Industriemetropole mit historischem Kern.

Wieder dieses Gefühl von 1992, von Brachen im heißen Wind,  rostigen Eisenträgern,  alter Idustrie neben neuen Bürokomplexen. Und in der Mitte die alte Stadt. a27a28Und das ist nur einer von drei Märkten

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Und das ist ein Trolleybus. Ich muß rechts hinaus.

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Ins Ziel

Die Flaschen sind voll, die Kappe ist naß und der Wind kommt heiß von vorn aus Österreich. Mein Magen ist voll, die Beine drehen wieder. Wie es jetzt Tino geht?. Der Randstreifen der Bundesstraße ist schmal, noch 40km bis zur Grenze. Dort eine Tankstelle, Flüssigkeit und Kalorien. Die linke Wade wird von Lasterabgasen geflämmt.

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Dann die letzte, zähe Steigung vor dem Ziel. Zuerst aber in die Herberge, ein kleines Weingut in herrnbaumgarten. Dort steht ein Rucksack, dort wartet eine Dusche. Es waren doch nur 500km. In Poysdorf ein Sommerbier und noch ein Sommerbier und auf dem Tracker nach Tino sehen. 17h 18h 19h oha!

Und Tino kam dann um 19Uhr, um sein erstes Bier zu empfangen. Tosender Applaus für Team Stuttgart, Erste Etappe geschafft.  Morgen sind wir wieder am Start.

 

 

 

 

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6 Antworten zu Der letzte Tag: Berlin-Poysdorf 3

  1. randonneurdidier schreibt:

    The early bird catches the worm , Manno mann, Dass der schöne Brooks dein Hinterteil so malträtiert hat. Gemein! Da musste der Tino das Ding halt allein machen. Die Klassiker Tour kannst Du ja im Wiegetritt absolvieren,.

  2. crispsanders schreibt:

    Iss aber ein authentischer Regal titanio: stet jetzt 2mm mehr nach unten. Neuer Tagt neue Hose sag ich noch ….

  3. tinotoni67 schreibt:

    Warum fährst du auch im Langarmtrikot bei der Hitze! 😉 Das Zielbier war echt geil!

  4. monnemer schreibt:

    Glückwunsch und tolles Bild vom Team Stuttgart! Und wenn die Humpen nach solch einem Ritt noch souverän gestemmt werden können, ist der Pflegefall mit erstarrtem Grinsen noch Zukunftsmusik.

    Wenn’s zwickt, dann hier immer links. Links mittig, links hinten, links unten.
    Bei links unten neulich, fiel mir eine Zeile aus dem frühen Englisch-Unterricht wieder ein: a giant with feet of clay (irre, was einem so durch den Kopf geht, wenn man am Ende ist).
    Und dabei wünschte ich mir nichts mehr, auf einem solchen Rad zu sitzen. On Giant with feet of clay.

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