Die Pastorale – inveloveritas 2019

a15Manche halten die Pastorale für die gelungenste von Beethovens 9 Symphonien. Sie stammt aus seiner Wiener Zeit und es ist leicht denkbar, daß es ein Sonntag im Weinviertel war, der für einige Sätze als Vorlage diente.

Heute ist ein Sonntag im Juni, und es wird wieder ein warmer langer Tag. Wir sind in Poysdorf nahe Posysbrunn. Nördlich von Wien, von der Höhe aus sieht man die Nikolsburg und Mikulov in Tschechien. 500km bin ich auf dem Rad hierhergefahren über die letzten 2 Tage. Mein Teamkamerad vom Team Stuttgart, Tino, hat es sogar auf 627 gebracht. Die Qualifikation für Paris Brest hätte er damit locker in der Tasche. Aber wir wollten nach Wien – oder fast.

aa1.jpg Und heute nur eine kleine Runde ums Weinviertel drehen. Kurzweilige 140 oder „epische“ 210 stehen zur Auswahl. Für mich liegt die Würze in der Kürze.

Am abend vorher noch die Gesundheitskontrolle:

„Wie ist Dein Puls?“

„60“

„Das muß die Aufregung sein.“

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Der Sommer ist  groß, ohne Mühe kommen wir aus dem Bett und steigen auf unsere nackten Räder. Heute eine Shorts mit gut gefettetem Ledereinsatz: sitzt wie eine zweite Haut – und die brauche ich.  Plötzlich wirken die Anstiege so flach, das Rad wie ein Spielzeug.

Die Pastorale beginnt.

Erwachen heiterer Empfindungen bei der Ankunft auf dem Lande

aa2Auf dem Marktplatz sammlen sich die Starter der längsten Runde. Es hat gute Gründe, im Sommer um 6Uhr zu beginnen: die Sonne grüßt und die Luft ist einfach. Wer hier steht, weiß das. Letzte Durchsagen des Veranstalters „…….sehr selektiv.!!“. Ab

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durchs Dorf.

aa6Das Leben ist leicht und die ersten Kilometer auch.  Vorn geht das Rennen bei der ersten Steigung augenblicklich los.  Wir  schauen uns die Kette der bunten Trikots entspannt an.

aa8Poysdorf ist von sanften Hügeln umgeben, Wein wird rundum angebaut , es geht durch kleine Dörfer und sehr diskret haben die Veranstalter orangene Richtungspfeile auf den Boden gesprüht. Nach zwei Verfahrern  passe ich besser auf.

a13Unterwegs werden noch Bekannte vom Vorabend gegrüßt: Moin Goldrad!

Erinnerung an den Vorabend:

Lustiges Zusammensein der Landleute

In Poysdorf gelangt man nach einer gepflasterten Steigung gleich zum Zentrum des Geschehens: ein mit Bäumen und Häusern umstandener Platz, nicht zu klein, nicht zu groß. Rundum Stände, in der Mitte die Bänke und dahinter mittig eine große Bühne.

ab3Dort werden die Räder von den Teilnehmern hinaufgeführt und einzeln untersucht: Startnummernvergabe. Es sind natürlich viele graue Männer unterwegs, manche sehen ambitioniert aus, alle tragen  ihre Lieblingsfarben.

ab4Aber auch ein anderes Publikum entdeckt die inveloveritas. Jünger und (auch) weiblicher. das gefällt umsomehr, als man den heroischen Ernst aus der Sache nehmen darf. Er ist ohnehin nur bei Bruchteilen vorhanden. Die anderen wollen nur spielen, sammeln und saufen.

ab5Habe mich gut unterhalten, die vielen Varianten an Puch Trikots genossen und hier und dort einige kompetente bekannte aus dem Forum wiedergetroffen.

aa3Das schönste an allem war die heitere Stimmung eines Dorffestes, das nicht zum Rummel ausgeartet ist und die umgängliche fast fürsorgliche österreichische Art. Man fühlt sich einfach gut.

Szene am Bach

aa9Wir halten nicht in einem Bachtal, sonden auf einem Bergkegel, der weithin sichtbar von einer Burgruine gekrönt ist. Falkenstein beherrscht das gesamte Land. Dorthin führt eine kernige Naturstrecke. Oben sehen wir: der Wind hat gedreht und eine geschlossene Wolkenbank rückt näher. Nicht weiter schlimm wenn man vergißt, daß unsere Anfahrt heute mit Rückenwind möglich wäre.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAMan soll die Dinge nehmen wie sie kommen und hier kommt ein sensationelles zweites Frühstück. Ein unbeschreiblich gutes Rührei und jetzt schon warme Küche. Vielleicht vorgehalten für die 70km Runde , die erst in 2 Stunden startet? Wir lassen uns nicht lumpen, denn 500km verursachen Appetit für mehrere Tage.

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Als wir den Ort verlassen, folgt uns die Wolkenbank dichtauf und schiebt einen Schwall schwüler Luft vor sich her.

a1Den Berkegel hinunter und  wieder hinauf und Richtung Norden an die Grenze. Liechtenstein von Nikolsburg hat dieses Denkmal des Größenwahns seinem Sohn errichten lassen.

a2Dahinter grüßt eine kleine, südmährische Stadt, die einst zur  Herrschaft zählte . Tschechien erkennt man an interessanten Wassertürmen die von weitem  die Form eines riesigen Lollis haben.

a3Zwischendurch kleiner Pannendienst für den jungen Mann, der mit 12 Jahren dabei ist auf einem blauen Gitane, Tour de France Siegerrad 1979-1984. Wir machen uns gemeinsam auf den Weg zur nächsten Labe.

a4Dann wieder westwärts auf einem Grenzradweg: sehr gut, und erholsam , dichte Hecken und hier höre ich wieder den Pirol. – wie im vergangenen Jahr. Es  bleibt schwül, die Wolkenbank zeiht vor uns dahin, wir haben sie umfahren!!! Early Birds.

Gewitter, Sturm

Kreuz und quer durch die Felder, die Bauern ernten schon erste Kirschen, , noch ein Schotterweg und die zweite Station ist erreicht. Mitten in den Reben. 70km bereits und es fühlt sich wie 30 an. Ein Flensburger neben mir verschluckt sich.

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So genießen wir einen Tropfen, während sich im Hintergrund – also dort, wo wir herkamen eine Gewitterfront entlädt. Blitze durchzucken senkrecht die bleigraue Regenwand. Sie sorgt für eine Naturkatastrophe auf der 70er Runde. Episches Drama.

Wir Hirten von den längeren Distanzen stimmen unterwegs freudige Lieder an, ganz wie Beethoven es in seinem letzten Satz der Pastorale vorgibta12

Hurtig überwinden wir die eingestreuten Schotterpassagen und Wildpfade,  alles Beläge, die mit Conti 25ern fahrbar sind: auch Pannenopfer sahen wir nicht mehr. Zwei drei Tropfen vielleicht, Dörfer mit Getreidespeichern auf denen das allgegenwärtige Raiffeisenwappen prnag. Dann kam die letzte gemeinsame Schwierigkeit des Tage in Sicht, der Buschberg bei km 110.

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Hier sind die zwei Radome, die aus den Wipfeln ragen nur zu erahnen. Berliner werden sie gut kennen: es stehen auf dem Teufelsberg identische. Ein verbindendes Element. Mein üppiges Frühstück zahlt sich aus, die Beine drehen leicht den 4 km langen Anstieg hinauf, auf dessen Gipfel kühle Erfrischungen warten. Es ist eigentlich der Wahnsinn, wie gut es uns geht.

Frohe Gefühle nach dem Sturm

Und wir lassen es uns gutgehen. Schnitzel, Salat, Bier und Mineralwasser, für mich bitte noch ein Kaffee. Im Schatten von Kiefern sind Liegestühle aufgebaut, die Holztische sind einladend, der mechaniker sieht sich Tinos rad an, das hinten Seitenschlag hat.

a14Huch! eine gerissene Speiche. Das war wohl letzte nacht der Aufsetzer. Bei 36 Speichen sind solche  Dinge eher unbedenklich, Tino wird die gesamte Distanz abspulen. Gerade als die Schnellsten der 140er Rund eintreffen machen wir uns auf.

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Und hier trennen sich unsere Wege – ich werde Zeit brauchen meine Sachen zu packen, wieder ans Rad zu schnallen etc. etc. Dann ohne Hast den letzten Kleinzug nach Wien zu bekommen. Aber den Gedanken an die Heimfahrt verdrängen wir. Vorsorglicher Abschied und dann mit Rückenwind Kurs Poysdorf: was für ein Genuß. ac1

Ich wittere meine Chance und nutze sie. Mein Vorsprung auf die 140er Runde ist nur noch von Eddy merckx persönlich aufzuholen. Die Windrichtung stimmt. Nur noch 2km. Großartig , denke ich nch und wähne mich im Ziel. Da geht es aber die Kellergasse hinauf, die ultimative Pavé -Bergwertung mit anschleißender Geheimkontrolle. Ein brutaler, technisch sehr anspruchsvoller Anstieg, der über das Classement entscheidet.   Beobachter am Straßenrand warten auf einbrechende Radsportler. Hier wird Tino in eingien Stunden die letzten Versprengten der 70er Runde überrollen . . . .

ac2Poysdorf!

 

 

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3 Antworten zu Die Pastorale – inveloveritas 2019

  1. sl1959 schreibt:

    Was soll ich sagen, vielleicht so: Morgenstund hat Goldrad im Mund und vor allen Dingen: Den glücklichen Helden schlägt keine Stunde! Und das gilt dann wohl euch, den Helden der Strasse, der Hitze, des Windes …und des Durstes!

  2. Tim schreibt:

    Ich zitiere mal einen anderen österreichischen Musiker:
    „Ich habe mich verschluckt? Du dich? Ich mich? Oder, oder wir uns?“

    War sehr nett neben Dir zu radeln! :o)

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