Der milde Blick zurück nach vorn – IVV 2019

Eroica, Velowino, Inveloveritas, wie auch immer. Private Initiativen werden zu Franchisemodellen, oder eine handvoll Enthusiasten begründet eine schöne Tradition rund um alte Rennräder: die Botschaft hat sich herumgesprochen.

c5Neben alten Traktoren, Oldtimern oder historischen Motorrädern hat auch die Erzählung um das alte Rennrad ihren Platz in der Freizeit-Folklore Europas gefunden. Unter den vielen Mythen des Alltags ist die Geschichte des Stahlrads eher eine Renaissance als ein Abgesang. Die Erzählung , die von Leiden verblichener Helden zu Rade kündet und von sagenhaft primitiven Bedingungen alter Radrennen lebt fort.

Auch wer tausende Kilometer im Jahr fährt bleibt voller Demut, denn er kann über das stählerne Rennrad unmittelbar nachvollziehen, was andere schon lange vor ihm geleistet haben. Kein Motor, keine Aerodynamik, keine geheimen Kraftstoffe.

„Die Pyrenäen mit 24Zähnen, das war das , was wir hatten, wir haben uns keine Fragen gestellt..“ zitiere ich einen Sprinter, der einmal auch das gelbe Trikot trug.

ab1Das Rad hat den unzerstörbaren Vorzug der Schlichtheit – der Aufwand für die perfekte Retrokulisse ist minim, die Nähe zur historischen Rennszene ist viel unmittelbarer, die Maschine spricht für sich.Vor dem Schöpfer sind wir alle gleich.

Dagegen werden bei historischen Sportwagen Konzernabteilungen beschäftigt , Rennwagen fahrfähig zu machen und zu erhalten, vorzuführen um sie wieder einzumotten. Es liegen Galaxien zwischen Zuschauern, Neben- und Hauptdarstellern, deren Adorationswilligkeit geprüft wird und die der Kapitaleinsatz auf Abstand hält.

Anders hier

c01Beim Radsport ist das anders. Es mag zwar seltenerere, kostbarerere und noch unglaubliche leichtererere Maschinen geben: es ist marginal; der Körper entscheidet am Ende, ob es für unter oder über hundert Kilometer reicht. Und der Körper ist sichtbar. Auf einem Rad kann niemand sein Wesen verleugnen oder durch Motorleistung ersetzen.

c2 Kostümierung als Bekenntnis: die historischen Verweise der Trikots machen die Sache sympathisch, schaffen eine historische Nähe. Es gibt kaum einen Sport, der diese direkte Vergleichbarkeit der Kategorien zuläßt. Dafür hat der Amerikaner Lemond einmal einen absolut treffenden Satz geprägt: es tut nicht weniger weh, man wird nur irgendwann schneller. Die Beschränkung auf Stahlräder macht die Teilnehmer noch gleicher.

c7Auch wenn ich nach 200 km genußvoll vom Rad steige, verstehe ich völlig, warum ein anderer Mensch nach 70km glaubt, alle Kreise der Hölle durchlebt zu haben. Denn so ging es mir auch einmal; –  und manchmal kann man schon fragen, ob nicht die durchtrainierten Kilometerfresser ungesünder leben als die Gelegenheitsfahrer. Doch am Ende sitzen sie alle an einem Tisch und lassen sich die gleichen Getränke schmecken.

c6In unserer stark virtualisierten Welt ist auch die Sehnsucht nach Ursprünglichkeit ein starkes Argument. Wie freute sich ein Kollege, als er endlich keine Meßgeräte mehr an seinem Rad sah. Als er es endlich „ganz“ genießen konnte. Genau das dürfte der Punkt sein: unser Alltag ist verziffert genug, dennoch ist der latente Zwang, ständig zu Messen und zu vergleichen eine Geißel, die immer stärker die Freizeit erfaßt.

c9Vielleicht ist die Fraktion der Retrofahrer auch eine (natürliche) Reaktion darauf.

c4Eine inveloveritas ist jedenfalls die beste Gelegenheit, dem Wahn ein Ende zu bereiten, den andere noch beim Ironman in Frankfurt fetischistisch zelebrieren. Grenzen ausloten geht auch auf einem alten Rad wirklich leicht – völlig ohne Leistungsmessung und  Cardiometer. Und vor allem ohne dieser merkwürdigen, selbstoptimierenden Leistungsspirale, deren Ende ein spezieller Autismus ist. Oder ein overkill.

Hier aber wird eine alte Geschichte neu erzählt, um auf ihren wahren Kern zu kommen:

ao2Siegerbild

Es ist deshalb nicht zwangsläufig eine Veranstaltung für Nostalgiker, Kindheitsträume oder alte Männer auf der Suche nach ihrer verlorenen Jugend. Jedenfalls haben eindeutig frischere Altersklassen das alte Rennrad in Poysdorf wiederentdeckt.Vielleicht auch seine coolness.

ag2Anfangs dachte ich bei den eroici mißtrauisch an die Idee des Simulacrums, eines großen „als ob“,  wie es beispielsweise mit alten Landmaschinen praktiziert wird. man restauriert und führt Traktoren vor, ohne den Gedanken, damit je die praktische Bestimmung zu erfüllen. Beim Rennrad ist es anders. Sobald es bewegt wird.

ao1Viele glückliche und erschöpfte Gesichter, die erstmals die 100km Grenze knacken. Und dann es ist ein wohlfeiler Sport, geradezu spottbillig – jedenfalls für alle, die nicht auf eine limitierte, vergoldete Schaltgruppe angewiesen sind.

ab6Möglicherweise  geht die Reise in die Vergangenheit erst darum richtig los. Kaum jemandem ist bewußt, mit wie wenig Spielgeld man sich ein bestens funktionierendes rennrad (oder Randonneursrad) aufbauen kann. Und wie simpel diese Technologie war, die sich in den letzten 25 Jahren in immer neue, dekadente Zweiglösungen totentwickelt hat. Und es gibt sie immer noch in Mengen. Manch alter Besitzer wartet nur auf den Studenten, in dessen Augen ein Leuchten beim Anblick des Rades aufflackert, auf dem er dann die Nachfolge der unvergeßlichen Momente antritt, die es schon vermittelt hat. . .

ao4Poysdorf hat genau diese Waage : keine Rummel um Retrofetische, ein Dorffest, bei dem die Wiener aufs Land strömen um am Abend glücklich (und ein wenig erschöpft) heimzukehren

 

 

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