Neue Zeiten, neue Kannibalen

5Über zu geringe Aufmerksamkeit kann sich das 2Rad in den letzten Jahren nicht beklagen. Als Element der Verkehrswende ins Spiel gebracht, als Statement gegen die Dominanz des motorverseuchten Nahverkehrs haben Räder einen leichten politischen Stand, – besonders im Sommer.

Verklärung und Alltag

2In Europa geben Deutsche gern und viel Geld für Ihre Räder aus, (so 700pro Kopf?), schon seit Jahren. Nur darf man dieses Wachstum nicht für den Vorboten einer Verkehrswende halten. Die A3 ist in dieser Zeit nämlich auch nicht leerer geworden.  Das Fahrrad ist und bleibt ein Freizeitobjekt, das (manchmal) als Nutzfahrzeug genutzt wird. Den Zweitwagen opfert man eher selten einem Fahrrad.

Der Lahnradweg, eine schöne Freizeitstrecke durchs nahegelegene Flußtal gibt in diesen Monaten ein sprechendes Bild ab, wenn sich Kohorten an Pollern, Verengungen und anderen kleinen Hindernissen im Weg stehen.

7Am Ende der Mühen wartet ein gepflegtes Automobil, ein Wohnmobil oder ein Fahrradverleih.

Geld und Spiel

4Drei bis vier Magazine widmeten sich in den letzten Jahren allein dem Rennrad. Dem Rennrad und seinen Entwicklungen, Verfeinerungen und Accessoires. Hübsch garniert mit Reiseempfehlungen, ein wenig professionellem Radsport, dazu bunte Socken an Trikotfolklore. Munter ging es von 10  zu 11 und 12 Gängen, elektrifiziert Bremsen zu Scheiben und Laufräder zu Plastikringen. Dazu kann man stehen wie man will, dieses nicht ganz billige Wettrüsten muß funktioniert haben: warum sonst darüber schreiben?

Eine Fallstudie

https://i1.wp.com/www.hifi-archiv.info/Denon%20Kataloge%20und%20Anleitungen/1979%20HiFi-Programm/04.jpg

(hifi -archiv.info)

In den verflossenen, fast karikatural verherrlichten 70ern (einschließlich 34 Bulli-PS) gab es etwas neues: überschüssiges Geld. Nicht unbedingt für Rennräder, es floß zunächst  in andere Kanäle. Räder waren Sportgeräte einer Minderheit oder Lastenesel für Meschen, die sich (immer noch) kein Auto leisten konnten. Das Spielgeld ging damals in Stereo auf, was zu HiFi erblühte. Oder in Farbfernseher, die wuchtigen, an mehreren Deutschen Standorten hergestellten Wohnzimmerkönige, gekrönt vom Videorekorder.

Das Spiel mit der Unterhaltungselektronik lief mehr als ein gutes Jahrzehnt und es hätte immer so weitergehen können, wäre da nicht ein Kannibale aufgetaucht.

Der PC.

Anfangs noch Spielzeug von Nerds, die gerne in grüner Leuchtschrift eigenartige  Zeichen schrieben, wurde er zum Kultgegenstand, selbst wenn man noch nicht wirklich wußte, was man persönlich davon hatte. Dieser Kannibale fraß das Geld, das sonst in die überoptimierte Generation nächster CD Player gesteckt hätte… HiFi schrumpfte und schrumpfte und wanderte zurück in die Nische, aus der der Computer kam. Nerds und Liebhaber.

 

Sport und Status

In diesem Millenium des totalen Konsumismus hieß das Premium Spielzeug auf zwei Rädern Rennrad. Der ausgemergelte Mensch im Latextrikot auf halbjährlich neuem Carbon wurde zum Idol des Mittelklassespartaners. Wir sahen wie die 10k Marke (Mehrwertsteuer incl.)  geknackt wurde. Das muß nicht ewig dauern.

1Denn : der Kannibale der leichten Rennräder ist schon ein paar Jahre unterwegs. Ohne Krisengipfel der Fahrradindustrie, ohne Diskussion um Ladenetze verdrängt er die teuren Rennmaschinen im aus der cash flow Gleichung der Haushalte . Der Kannibale kommt nicht aus Belgien oder obskuren Tälern Kaliforniens- er fährt in unserer Mitte und wuchs langsam heran, die vermeintlich überlegenen Maschinen zu überholen.

9Die neuen Nerds waren unsere Rentnter, die nach Reichweitenvorteilen suchten. Als E-biker der ersten Stunde wuchsen sie unbemerkt im Schatten der Werbekernzielgruppe 19-49 heran.  Anders als beim Computer, kamen diese early adaptors eher vom Ende des humanen Ladezyklus. Lächerliche Gegner für Generation fit for fun, die immer neue Apps auf ihre Di-elektrisch geshifteten Boliden schnallte.  Doch dieser lächerliche Gegner ist zum Kannibalen der schnellen und leichten Hasen geworden.

01Aus dem sperrigen Gewand des rüstigen Rentners in Alugrau ist er in immer engere Carbonanzüge geschlüpft, um als E- Mountainbike die Kaufkraft einer Generation zu saugen, die es für ein teures technisches Spielzeug bereit hält. Als Vorbote sind schon viele bunte Blätter mit dem Zusatz e- aufgetaucht,  die darüber alles wissen.

3So wird das Rennrad dezimiert und bald wieder in die Ecke der Leistungssportler und der jungen Wilden zurückkehren. Die Verkehrswende kann also warten.

 

6Der Rest wird sich in einer (immer noch nicht ganz) ausentwickelten Freizeitgesellschaft  auf jene verteilen, die sich nur ein Rad leisten können.

 

 

 

 

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