Mit dem roten Racer

Manche Räder warten auf ihre Stunde. Das rote Koga, mit etwas über 40 jahren eins der älteren Räder im keller, stand dieses Jahr schon viel zu lang in der Ecke. Jetzt gab es einen Anlaß. 160km für . ..

diesen Umwerfer. Klar, der funktioniert – ein Shimano 600 hat immer funktioniert. Aber ist er nicht ein ulkiges Stück Metall? Oder Blech plus Alu? Diese ganz eigenartige Mischung aus vernieteten und verschraubten Elementen, darauf ein Plastikhäubchen mit Begrenzerschrauben mit eingeprägter Aufschrift: uniglide. Der Uni-Gleiter. Es ist eine der ersten Varianten dieser Serie, so um 1977 entstanden.

Irgendwo absurd und cool, aber macht bestens seine Arbeit, die Hebelverhältnisse sind offenbar sehr gut. Nur Flugrost trübt das Gemüt. Allein, auch für noch so abseitige Kleinteile gibt es inzwischen einen Markt, den wir dem Internet zu verdanken haben.  Ganz in Deiner Nähe taucht ein hübscheres Exemplar dieses Umwerfers auf und die kleine Sammlerseele hüpft vor Freude ;  en selle!

Die Kornblumen winken vom Straßenrand, der Wind steht auf Nordwest, kühl und sonnig. Der Sommer kommt aus dem Norden, die Wolken fliegen dahin, und wenn sie sich vor die Sonne schieben wird es empfindlich kühler. man muß Skandinaven nich tum ihren Sommer beneiden.

Die ersten Momente auf einem Rad, das man lange nicht gefahren ist sind  verwunderlich. Der Körper wird neu vermessen, die Winkel zur Pedalachse, die Neigung des Lenkers, die Bremsgriffe. Dann erinnert er sich, mein Körper.

Das Roadracer ist ein (OR565mm) kurzes, komfortables Rad, das Rad des Amateurrennfahrers;  die 23mm reifen mit 7 bar fühlen sich gerade richtig an, ohne harte Stöße rollt es gedämpft ab, die alte 52×42 Übersetzung erlaubt über Umwerfer  harmonische Übergänge. Hinten der touristische Kranz mit 14 bis 28, das ist die Kombination. Mit 120mm Ausfallerbreite ist dieses Modell sogar noch für einen 5fach Kranz gebaut, mit ein paar Tricks wurden es aber 6.  Die Hebel müssen genau stehen, dann surrt die Kette zufrieden.

Auf nach Süden: der Rückenwind hilft über erste bekannte Wellen, ein kleiner Gravel im Bachtal liegt hinter mir. Das Rad einsitzen, schön kann ich auf dem „Rolls“ die Position ändern, ein wenig vor, ein wenig zurück. 30km wie nix.

Andere Fahrer  sind unterwegs oder machen schon Pause. Ich folge der Berufs- und  Einkaufsstrecke B8, die heute, am Sonntag nicht so übervoll ist. Der Belag ist mittelkörnig und sehr gleichmäßig – ohne Frostplatzer oder Lasterspurrinnen, die viele Landstraßen zeichnen. So kann man leicht der Linie am Rand folgen.

Der strategische Punkt der B8 heißt Waldems/Esch. Hier endet die lange, schnelle Gerade durch den Goldenen Grund, einer langgestreckten Talmulde von offenbar hoher Ergiebigkeit;  die Ausläufer des Taunus rücken näher zusammen. Im Ort gehen Straßen in alle Richtungen auseinander. Rechts hinauf nach Idstein und links hinauf nach Glashütten und Königstein, die alte Frankfurter Straße. Mein Ziel aber liegt geradeaus.

Der Weg führt über Heftrich nach Eppstein, in ruhigen Wellen geht es gemütlich auf und ab. Bald ein Waldstück – im Nebenweg döst der Förster hinter dem Lenkrad- bald eine kleine Steigung.

Radfahrer kennen den Abschnitt sehr gut –  Marathon Idstein, Marathon Hattersheim, alle Vereine der Umgebung nutzen sie. Und da ist schon einer:

Gesellschaft mit Crossrad auf der Sonntagsrunde.Smalltalk unter Radfahrern und die Kilometer vergehen im nu. Eppstein naht –  geblitzt rausche ich durch  –  ein kurzer Espresso: bonjour Total, eine SMS, das Ziel der ersten Etappe kommt näher. Hofheim im Taunus  –

Nach einem letzten Anstieg wartet die Höhle des Sammlers. Werkzeugschränke , Räder, Rahmen, Laufräder und Kleinteile ;  die Freuden alter Rennräder werden geteilt. Zum Umwerfer der aussieht, als sei er 2 Wochen alt kommen noch Lenkerstopfen . So  mache ich mich (glücklich(/beschwingt) auf den Rückweg, gegen den Wind.

Der Blick schweift über die Felder hinunter nach Frankfurt, während ein großer Düsenvogel seine Reise mit einer weiten Schleife antritt. Wer hier wohnt, ist dem Rhein-Main Kessel entkommen und genießt aus Distanz die Stadt, deren Skyline an einem klaren Tag sichtbar ist . Er sieht die Flieger kommen und gehen, leicht versetzt zum Flugkorridor. aircraftspotter.

An der Tankstelle(re-bonjour!) versorge ich mich für die nächsten Aufgaben. Bis hier waren es 70km zum Einrollen. Den Gegenwind, der jetzt auf der Landstraße wartet, will ich nicht. Berge dagegen eher.

Bei Esch (s.o) setze ich Kurs Nordost in den Taunus hinein. Der Paß des Tages nennt sich  Tenne, Danach geht es abwärts ins Weiltal, so läßt sich der Wind kreuzen. Die Weil fließt vom Feldberg aus nordwärts, schlängelt sich durch die Wälder bis Weilburg. Die 20km nehmen wir gern dazu.

Die Tenne ist einer der bekannten Anstiege im „östlichen Hintertaunus“, im Norden des des Feldbergs. Es gibt mehrere Strecken hinauf, ich wähle den geraden Weg über Steinfischbach, ein Dorf in der Senke, bekannt für einen exzellenten Gitarrenbaumeister.  Noch einen Anstieg und dann die Kreuzung zur Tenne

Hier bin ich auf 480Metern angelangt. Der Stempel in der Mitte ist ein überdimensionierter roter Stuhl – Werbung für einen Tischler. Der Blick geht von hier hinüber zum Rheintaunus, geradeaus ist irgendwo Idstein, links hinter den Höhenzügen Wiesbaden. Es ist ein Blick zurück.

Vor mir liegen die Spuren unserer eigenartigen Freizeitvergnügen. In einer abschüssigen Kurve zeichnen sie die Kollision eines entgegenkommenden Motorrads mit dem nach rechts in die Leitplanken ausweichenden Autos. Die Markierungen der Polizei zeichnen das Bild des Dramas in Hieroglyphen ab. Links ist schematisch ein Motorrad abgebildet, darunter ein großer, rostroter Fleck. Weiter oben Spuren von ausgelaufenem Kühlwasser. Da stand dann das Auto.

Menschen, die in ihrer freien Zeit mit dem eigenen Leben spielen. Für mich geht es in die Abfahrt, vorbei an Riedelbach. Mit Sonne im Rücken ins Weiltal.

Just perfect. Mit dem Benzingeruch eines 250GT in der Nase.

Just perfect. Die Baustellen des Sommers – exklusiv

Der Total Tankstelle in Weilmünster geben wir drei Sterne (von 3). Die junge Dame hinter der Theke verliert die Ruhe nicht, findet sogar noch Zeit knusprige Baguettes nachzureichen, während die Rationen an RedBll, Dosenbier Kola und Kippen munter über den Tresen gehen. „Aber nur eine Caprisonne!“ wird das Kind angeherrscht.

Nun der Nachtisch

Für den letzten Teil der Tour einmal etwas Neues probieren: südlich von Weilburg fließen lahn und Weil zusammen. Der Lahnradweg (in lila) beginnt hier und wer genau hinsieht entdeckt in orange unter Odersbach die strategisch wichtige Brücke. Sie ist nur für uns Fußgänger geschaffen. Gleich darunter in der Lahnbeuge ein Campingplatz und dicht daneben durchs Dorf der Weg hinauf, gleich mit 12%.

Aber die Kalorien hatten genug zeit, die Muskeln antworten und es macht an diesem späten nachmittag fast schon Spaß, ganz gleichmäßig am Lenker zu ziehen und das 26er Ritzel zu treten. Denn danach , nach den tannen, nach einem letzten Blick auf den ruhig dösenden warmen Fluß wird es eigentlich geschafft sein.

Bringing the Bike back home.

7 . Juli 2019

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2 Antworten zu Mit dem roten Racer

  1. mark793 schreibt:

    Dieser Tage sah ich am Rheinufer die Damenversion des roten Racers, Rahmenform Meral, mit einem Flatbar statt des klassischen Bügels. Auch sonst wieder viel Stahl unterwegs, überwiegend von jüngeren Leuten gefahren.

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