Als Tourist durch Frankreich

Touristen!  , –  – das sagt sich nicht mehr ganz so leicht. Eingeführt als Bezeichnung für privilegierte und vermögende Reisende, denen die schuftende Bevölkerung bei der Feldarbeit hinterhersah, bezeichnet dieser Ausdruck ab dem 20ten Jahrhundert (zunehmend abwertend) motorisierte Arbeitnehmer, die sich Ihren Rechtsanspruch auf bezahlten Urlaub erfüllten: lärmend, präpotent, anspruchsvoll.

a1Die zwei Touristen, die ich diesen Sommer aufgelesen habe gehören weder in die eine noch die andere Kategorie.  Zwischen dem Buch Stendhals und dem Werk von Adrian/Humm liegen zwei Jahrhunderte. Beide besuchen dasselbe Land: Frankreich mit Ausnahme Paris. der erste fährt mit der Kutsche von Stadt zu Stadt , die anderen schreiben das Drehbuch ihres RoadMovies . 1838, 2018. Die Jahre dazwischen  bedeuten weniger als man glaubt.

Stendhal läßt Frankreich von einer Figur bereisen, die er natürlich erfunden hat. Kein neugieriger Adliger auf grand tour, sondern ein handlungsreisender in Sachen Stahl dient ihm als Berichterstatter über den Landesteil, der schon damals nur wenige interessiert: die Provinz. Das ist die Welt außerhalb eines Radius von 90 Meilen um die Hauptstadt. Stendhal schreibt dieses Buch, weil sich paris um die Provinz im Grunde einen Teufel schert, außer wenn es einen Familiensitz darin gibt.

Ähnlich unbekannt ist die Provinz, die unsere beiden Zeitgenossen bereisen. Sie haben sich einen alten Peugeot gekauft und fahren im gemächlichen Trott über die alten Landstraßen von Stadt zu Stadt: Opfer der Autobahn, der neuen Infrastruktur. Stendhal beschreibt ein Land zu Beginn der Industrialisierung in dem es überall Eisengießereien, aber noch keine Hochöfen gibt. Adraian und Humm machen eine Reportage über das Leben nach Schließung der Hochöfen und Manufakturen, einen Bericht über ein Frankreich der Deindustrialisierung. Sie fällt mit dem Beginn der Regierung Macron zusammen.

Stendhal kent die Mechanismen, die eine neue Kaste reich machen. Gewinner der Revolution,  Nutznießer des Bonapartismus und Überlebende des ancien régime formieren sich als frühe Kapitalisten neu. Als privilegierter Beobachter einer Epoche, denkt der Handlungsreisende über neue Stahlbrücken nach.  Scharfsichtig eine kurze passage über Vorteile, eine Aktiengesellschaft zu gründen statt Schuldscheine auszugeben. Dazwischen die regionalen Typen, ihre Vorlieben zu Tisch und ihre Strategien beim Verhandeln.

Adrian und Humm bereisen das Ende dieser Geschichte der  Industrialisierung, ohne Ruinentourismus zu betreiben. Sie beschreiben Menschen, die sich zurechtfinden, das Beste draus machen und ihre politischen Optionen klar erkennen. Menschen ohne Illusionen : Landwirte, Sägewerksbetreiber, Bäcker die alle ein tiefes Zugehörigkeitsgefühl zum Land verbindet. Ihre Provinz wollen sie icht aufgeben, umso bitterer empfinden sie, daß man die Provinz dagegen wehrlos der Globalisierung ausliefert.  So wie vor der Revolution der König die Provinzen ausbeuteten

An einem Ort treffen sich unsere Touristen mit zweihundert Jahren Abstand wieder. Der Handlungsreisende in seiner Kutsche, die Bummler im 204 werden gleichermaßen von besonderen Gebäuden angezogen, vor allem Kirchen. Stendhal überzieht seinen Charakter aufs unwahrscheinlichste, wenn er ihn vergleichende Betrachtrungen zu Romanik und Gotik machen läßt. Der 204 der  Journalisten hält vor den letzten Schöpfungen le Corbusiers und begibt sich ins innere der Abtei, wei ein Team von Höhlenforschern.

Der alte Tourist in den Jungen in zwei Punkten voraus: seine Perspektive ist souverän. Er zieht historische Vergleiche und fällt Urteile, die Sprache ist scharf und wendig, es wird sich nicht an Einzelheiten aufgehalten. Die „zwei Kinder unserer Zeit“ dagegen versorgen uns mit vielen Alltagsdetails eines Nachbarlandes, die von den Klischees der Werbekarawanen aus Tourismus und falschen Provinzkommissaren verdeckt werden. Die Einsichten des Älteren werden von den Fakten der Jüngeren nicht widerlegt, sie reichern sie an.  Zwei Bücher für Touristen.

Ich gebe die Titel der Bücher mit vollem Namen an und weiß nicht, ob sie je übersetzt werden.

Stendhal, Mémoires d’un Touriste I, 1838, Maspero 1981

Adrian&Humm, le Tour de la France par deux enfants d’aujourd’hui, Editions des Equatuers , 2018

 

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