Neue Wege zum Ruhm

aa4Um auf dem Rennrad berühmt, reich, oder vielleicht beides  zu werden, sind Extremdistanzrennen eher ungeeignet. Diese Menschen sind zu unsichtbar, zu selten und verstreut. Man wird sie kaum wahrnehmen, vor allem kaum darstellen können.

Genau das war irgendwann auch das Problem der Tour de France. In den ersten 20-30 Jahren fanden Etappenstarts gegen 3h30 morgens statt, damit die Strecke von 300 bis 400km an einem Tag bewältigt werden konnten. Die Reporter warteten an den Kontrollstellen, einige folgten den versprengten Fahrern per Auto.

aa5Solange ein Bericht zum nächsten Morgen in der Zeitung stand (die ja die Tour de France organisierte), war das kein Problem. Als dann Radio und Fernsehen folgten, schrumpften die Etappen, die Liveübertragung begann am frühen Nachmittag. Das eigentliche Rennen richtet sich inzwischen nach den Sendezeiten, Starts finden in voller Mittagshitze statt. . .

Fahrten oder Rennen über extreme Distanzen sind ein Gegenentwurf.  Es beginnt bei den Randonneuren, die zwar keine Rennen fahren, aber doch Strecken und Zeiten vergleichen und geht bis zu den Ultradistanzrennen, den Kindern des GPS Zeitalters. Beide verbindet sie der Glaube an die große Distanz, weil erst dort individuelle Leistung richtig zur Geltung kommt.

Die Möglichkeit dieser Rennformen sind bekannt: sie stammen aus den Anfängen : vor 1890!

Nun fand das TCR zum siebten male statt, diverse Länderdurchquerungen schon seit Jahren. Zeitungen geschweige denn Teams von Fernsehkanälen  sind nicht dabei. Was wissen wir von ihnen? Wenn man es genau untersucht erstaunlich viel. Die Teilnehmer führen Buch. Über twitter, über strava über spezielle Plattformen, mache über Blogs.

DSCF0939Es ist kaum Geld in die Veranstaltung involviert, Preisgelder schon gar nicht. Es ist eher so, daß es um das Minimum an Support und Struktur geht und reiner Selbstversorgung. Die mediale Struktur, die nicht mehr als Folge sondern (pervertiert) Voraussetzung für Ruhm, Aufmerksamkeit und Geld ist, fehlt darum.

Das Verhältnis Anstrengung zu Aufmerksamkeit kehrt sich um: Die Leistungen der Mitstreiter sind gewaltig, ihr Mediengewicht winzig. Es muß einem dazu nur klar sein, daß auch der 150te Teilnehmer des Transcontinental Race mehr Kilometer und mehr Höhenmeter in kürzerer Zeit bewältigt hat, als ein Sieger der Tour de France. Als jeder Sieger der Tour de France – ohne dessen athletische Fähigkeit in Frage zu stellen.

aa2Dennoch verschwinden diese Rennen und Sportler nicht im nichts – es gibt neue Wege zum Ruhm. Es gibt neue Formen der medialen Erzählung, feinere, klügere, direktere.

So wird immer mehr sichtbar vom Everest des Sports, der sich zum Beispiel transconrace nennt.  Tracker,  GPS-navigation, microcameras,  die Smartphones von Freunden, Zuschauern und Teilnehmer, die Kameras einer Handvoll Fans an den Kontrollpunkten . Wir bekommen von ihnen Bilder aus verschiedensten Quellen.  Wir sehen die Schnitzeljagd von strava, sogar die Wattmessung in Echtzeit.

aa3Da entstehen wirklich neue Formen des Erzählens,  ohne Embedding oder Medienpläne. Ohne Pressestäbe und Wortbausteine. Wozu auch. Niemand fährt von Paris nach Brest, um ein Produkt zu preisen. Es sind beinahe private Formen, die mir eine ganz andere Art der Identifikation ermöglichen, eine viel persönlichere Art von Ruhm. Der Ruhm des Kristof Allegaert, der Ruhm der vielen anderen Starter und Abenteure und Sportler, denen wir ein Gesicht und unsere Sympathie geben können. Uneingeschränkt.

Je lauter und gleichgeschalteter die „alten“ Medien sich mühen, das Podium in unseren Köpfen zu besetzen, desto interessanter werden dotwatcher und freie Beobachter. Erst so wird das Potential unserer neuen digitalen Welt ausgeschöpgft. Als frische, neue Quelle für die Abenteuergeschichten unserer Zeit. Für einen Ruhm der mit dem , den wir sonst verkauft bekommen wenig zu tun hat.

 

 

Dieser Beitrag wurde unter Übers Land, Mehr Licht abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Neue Wege zum Ruhm

  1. alex schreibt:

    Die Idee zu einem anderen Titel: die anderen Helden !

  2. crispsanders schreibt:

    . . .mit dem Willen, ihre Geschichte selbst zu definieren.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s