Ins Epizentrum (der dunklen Macht)

a1Rundherum ist es grün, wellen sich die Hügel, fließen die Bäche mit sauberem, klaren Wasser. Die braunen Flecken der kranken und vertrockneten Fichten sind die Ausnahme. Auch vor zwei Wochen, auf 200km rund um das Basaltmassiv blieb das Bild eines sommerlichen, nirgends verdorrten Landes. Warum es also ohne Not verlassen?

Um ins Zentrum der dunklen Macht zu gelangen. Das liegt nur runde 50km entfernt. Für einen eingefleischten Liebhaber der  Rahmenschaltung (allenfalls gerastert), des schlanken Stahls und der filigranen Felgen gibt es das zweirädrige Böse, die dunkle Seite: alles, was in diesem Jahrhundert gebaut und gefahren wurde – letzte Ausnahme bildet die Gilde der edlen Ritter des gemufften Rohrs, der letzten, quichottesken Gestalten, die der Versuchung des Carbon, der 11 Ritzel und Scheibenbremsen widerstanden haben.

So also ziehe ich fort aus dem Idyll,  unverzagt ins Rheintal, in seine Gewerbegebiete, Bahntrassen und Autobahnkreuze, zwischen denen schon manche tapfere Männer auf stählernen Rossen für immer verschwanden.

a0Ohne Gepäck ist das weiße makellose Raleigh wieder ein schnittiges, straffes Rad, das mich geschwind über die letzten Ausläufer des Westerwalds hinunter an den Rhein trägt.

ab1Gemeinsam überqueren wir den langen ruhigen Fluß auf der titanischen Eisenbahnbrücke, durch deren Eisenkreuze stromab in der Ferne die Reste eines unglücklichen Atomkraftwerks zu sehen sind. Nie wird dieser Fluß, (der im letzten Sommer doch erheblich niedriger floß), das Experiment Mühlheim-Kärlich mit seinem edlen Wasser  kühlen müssen.

ab3Auch Gewerbegebiete altern. Als Mahnung für die Vergeblichkeit kaufmännischen Wahns wird hier ein mehrstöckiges Gebäude (von Bohlen empfohlen) abgerissen. Wie Schlingpflanzen umgeben mich die verschiedenen Trassen, Dreiecke, Auffahrten und irrwege.

ab4Unter einem kleinen Steg finde ich einen Durchschlupf mit überwucherten Angaben und fühle langsam den Randbereich der dunklen Macht nahen: Koblenz outskirts. Hauptstadt des stolzen Rheinland Pfalz. Garnisonstadt.  Gleich werde ich dem Feind ins Gesicht sehen.

ab5Ersteinmal über die Brücke kommen, an der die liebliche Mosel gestaut wird. Eine Schlacht entschieden. Dort hinten rechts hinter den Kasernen soll das Hauptquartier liegen. Das Fußvolk der Wächter in schwarzen Shirts weiß nichts vom Kommen des weißen Ritters Raleigh, der die Feste im Handstreich nehmen wird und für blankes Entsetzen in den unterirdischen Kommandoräumen der Weltregierung sorgt.

Denn ein Raubritter war er, Sir Walter Raleigh. Und die dunklen Kräfte, die die Hoheit über den Radsport gewinnen wollen, kleiden sich dunkel, schwarz in schwarz, nutzen offen die Sprache der Unterwelt.

Und dann betrete ich sie, diese Welt.

ab01Eine riesige Halle, verbaut mit eigenartigen kohleschwarzen,schrägen Wänden die schon fast die Vorstellung einer Unterwelt aufkommen läßt, eckig, assymetrisch, verwinkelt und düster.

ab02Doch schnell habe ich das Labyrinth durchschaut und gleich unter der Stelle, an der ein Zauberspruch  die Wand markiert stelle lehne ich meinen flite Sattel dagegen. Infiltration gelungen. Hinter massiven Rohren verschwindet der schlanke Rahmen.

ac1Die Sprache der Macht; ihre Kampfbegriffe stehen übergroß auf den Wänden: „Technologie“ und „Design“. Die Halle ist gefüllt mit gläubigen Paaren, junge Männer sind die Hüter der Stätte – ganz hinten (wo Licht eindirngt) entdecke ich noch ein kleines Café, – die einzige Frau, die hier arbeitet?

Die kleine Armee der Radmodelle steht bereit, ihre Divisionen räumlich voneinander getrennt. In Wandnischen flackern Bildschirme. Der größte Display zeigt in Endlosschleife die wilden Sprünge eines Mountainbikes, dessen Dynamik durch filmische und farblichen Raffinessen noch verstärkt werden soll – eine Menge postproduction steckt darin und dunkel pulsieren beats aus der Wand, die die  simulierten Kundenberatungen übertönen.

ab7Überall stehen Bildschirm quartette aufgebaut, auf denen die Mitarbeiter in schwarz  duzend eintippen und gleichzeitig reden, Menschen fischen die allzu willig ins netz gehen wollen.

ab91Hier wird eine Frau in nahender Extase bedient. Ein Karton erscheint. Das muß ihr neues Rad sein. Routiniert gewährt der junge vollbärtige ihr einen kurzen, erregten Kontrollblick in den Inhalt . Der gescheitelte mit dem frisch gesprossenen Schnauzbart schaut den vollbärtigen vertraut an.  Sie wird in die Gemeinschaft aufgenommen. Nun bitte zur Zahlung; der Beginn einer neuen Zeitrechnung.

ab8Unterdessen schwirren immer neue Räder wie aus einem Bienenstock ein- und aus. Da draußen wartet die weite Welt eines gepflasterten Parkplatzes. In dieser Bannmeile dürfen Kunden das Gerät ihrer Wahl testen. Sie haben geduldig gewartet, um an die Reihe zu kommen.

Ich versuche meinen Gegner einzulullen und lasse mich vermessen. Als einziger laufe ich in Radkleidung herum, es scheint niemand sich mit dem Rad herzutrauen, sommerlich leger aber gepflegt aus den klimatisierten Kombis gestiegen. Ich bin auf 1m83 geschrumpft und meine Schrittlänge ist angewachsen. Das merkwürdige Instrument, das ich mir zwischen die Beine klemme ermittelt 92 cm. Ich passe also noch in die Größe L sagt mir der Bildschirm. der junge Mann den sein braunes Hemd als eine der unteren Chargen ausweist bestätigt, .

ab03Technologie. Beats pulsieren (dezent), Wasserkrüge, durchsichtige Karaffen werden aufgefüllt und abgestellt, dann summte etwas in meinem Trikot.

Es ist der pager: ich darf nun . . . .

ab6Ich habe mir genau das Rad gewählt, auf dem Fiona Kolbinger das transcontinental gewonnen hat, Scheibenbremsen, eletrische Schaltung, die gegabelte Sattelstütze aus carbon, die mit einem Inbus von außen vorsichtig festgezogen wird. Sitzen sie bequem.

Ich bin bereit mich der Herausforderung zu stellen. Es ist ein Fahrrad. Es fühlt sich achtern sehr weich an, als sei die Sattelstrebe angebrochen – aber das ist die Stütze. Gummigleich. Die Position ist angenehm kurz, auch der 110mm Vorbau erzeugt keine große Streckung, die fetten Griffe der Schaltbremsen fassen sich massiv an.

ab09Ich komme auf Touren, kurble, lasse Scheibenbremsen wieder zupacken. Das mit der Schaltung versteht sich von selbst und geht „wie von Geisterhand“, lautlos. Alles superleicht und irgendwie ist auch das Pflaster in Perwoll gewaschen. Es wippt lustig und lenkt sich ein wenig träge. So ist das Canyon Endurace. Stop.

ab08Wir reden noch über Bremsflüssigkeit und diese kleine Buchse unter dem Vorbau zum Laden der Schaltungsakkus. Proprietär, Shimano only. Junge Männer in Shorts drehen weiter ihre Kreise, Frauen sehen ihren Männern zu, überlegen, wie das neue Rad zum S4  passt, zum Steingarten, zum Monatsende – und das ist heute.

a 00 cIm Epizentrum einer deutschen Erfolgsgeschichte. Vorsprung durch Technik und Design, die matten Farben der neuen Kollektion. Alles ist sauber, durchdacht und im Preisleistungsverhältnis unschlagbar- wie die vielen sneaker aus dem fashion outlet. Ich bin den Porsche mit tiptronic und adaptivem Fahrwerk gefahren. Ferdinand Piechs Vermächtnis als Rennrad.

ab07Ich  habe eine riesige Pizza intus und ich fühle mich gut, sehr gut, als ich wieder auf meinen alten Jaguar mit dem echten Ledersattel steige und die Kette straff auf das nächste Ritzel fällt . Schlack.  Ich habe die dunkle Macht bezwungen und lasse sie zurück in ihrem Kerker aus Technologie und Design.

DSCF3008Dort aber roch es nach : nichts.

 

 

 

 

 

 

 

 

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2 Antworten zu Ins Epizentrum (der dunklen Macht)

  1. tinotoni67 schreibt:

    Aber trotzdem schön das es beide Welten gibt.

  2. crispsanders schreibt:

    Macht ja den Reiz aus. Man spürt dann erst, wie klein der Fortschritt ist.

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