Ich höre immer noch Radio

Man muß den Moment auskosten. Noch gibt es öffentlich bestallte Sender, noch gibt es UKW. Internet-Radio: klar, so ein Ding wird angeschafft, wenn UKW „zu teuer“ geworden ist oder warum auch immer für unerwünscht erklärt wird. In einer Kiste gibt es dann immer noch den Weltempfänger mit KW Bändern. Glaubt mir, so ein Ding frißt kaum Strom und ist immer empfangsbereit – zur Not per Mignonzelle.

Klinge ich schon wie der Opa aus dem Atombunker? Schluß mit dem Quatsch. Freudig schließe ich ein Stück Empfängergeschichte aus Fürth an, ergötze mich an den technisch grünen,  frühen Digitalschriften und höre dann auch Literatursendungen. Es gibt sie .

Und ich folge ihnen dann – nicht immer bis zum Ende. Diesmal aber ganz schnell und ohne zu zögern. Denn Horst Krüger kennt jeder. Aus Berlin.

Nein, nicht den von Ideal, die Stimme aus dem Radio, das ist Horst Krüger vom Eichkamp, damals, 1967 UKW Stereo. Er liest seine Erinnerungen vor: das zerbrochene Haus. Und da weiß ich, wovon er redet. Im Eichkamp kenne ich mich ein wenig aus, 1995-2005: Mit dem Rad durch die Siedlung und dann hinten rechts die Fußballplätze. Der Duft von Ahorn und Lindenblüten. Das Flutlicht auf dem Kunstrasen, 6 gegen 6 auf dem halben Platz. Als TeBe -Tennis Borussia noch ein angesehener Verein war im Mommsenstadion gleich nebenan. Hätte das Union Berlin der West-Millenials werden können. 2x die Woche. So ist es ein Nebenschauplatz geblieben für den Charlottenburger Laufclub. manchmal lebts sich im Verborgenen besser.

Damals: 1Windiger Investor, Winnie Schäfer der Fusse, weg vom Fenster – aber gute Jugendabteilung.

Der Horst Krüger, dessen Eichkamp et al. immer noch intakt so dasteht, wie er ihn Anfang der 1930er erlebt, war da schon lange tot. Aber nicht vergessen, wie ich dank Radioarchiv und dem Grundig t7500 brühwarm erfahre.

Wer sich im Kraftfeld Halensee, an der Grenze zu Grunewald, Westend und Kudamm einmal orientieren möchte, der sollte das vor Ort tun. Wer Geschichte nicht anhand von TV-Dreiteilern verdünnt bekommen möchte, der sollte unbedingt horst Krüger zuhören.

Horst Krüger, der also erlebt –  erleben mußte, wie seine braven, fleißigen Eltern und ihre braven, fleißigen Nachbarn und das treue, korrekte deutsche Volk das Wegsehen vor der Wahrheit übt, bis sie ihnen um die Ohren fliegt. Und dann sieht, wie dieselbe Straße sich nahtlos, als sei nichts gewesen, in die neue Bundesrepublik einfügte. Einpassen. Wie leicht das geht und wie schnell das geht, darum gehts im Buch. Die Wut darüber bleibt leise aber spürbar.

Und ich: ich rieche ihn jetzt noch, den ruhigen Eichkamp mit seinen Alleen, den Vorgärten und VWBussen, den anständigen Leuten von heute, die an der grünen Lunge der Hauptstadt leben, in Ruhe ihre Runden drehen, bis zur Krone mit Rad hinauf. Geschichte wiederholt sich nicht, heißt es. Aber sie hat ihre Muster.

Horst Krüger, Das zerbrochene Haus – eine Jugend in Deutschland. 1966, 1976, 2019.

 

 

 

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7 Antworten zu Ich höre immer noch Radio

  1. Twobeers schreibt:

    Auf welchem Sender hast du das gehört? Vielleicht finde ich es ja in der Mediathek (da ich es über UKW verpasst habe).

  2. crispsanders schreibt:

    Das müßte der hiesige hr2 oder hr2 Kultur gewesen sein. Das Buch ist antiquarisch erhältlich, mein Exemplar ist aus der Stadtbibliothek Coburg (aus dem Bestand ausgeschieden). Liest sich .

  3. twobeers schreibt:

    Hab ich in der Mediathek gefunden und höre mal rein.

  4. tinotoni67 schreibt:

    Die guten und braven Deutschen sind wieder da!?

  5. crispsanders schreibt:

    Wohnen alle im Wolfsburger Umfeld.

  6. Twobeers schreibt:

    Diesen Kommentar fand ich unter einer Vorstellung der Neuauflage des Buches:

    „In Hessen wird der HR2, seit Anfang der 1950er eine Art Institution in Sachen Kultur und Bildung, vom Rundfunkrat zu einem Dudelfunk klassischer Musik umfunktioniert. Was Alfred Dreggers CDU nicht geschafft hat, die AfD vehement fordert – „die Abschaffung der Kulturparasiten“ (auch der Ausdruck „Kulturmarxisten“ wird verwendet, da man sich nicht mit dem Nazibegriff „Kulturbolschewisten“ eine Blöße geben möchte) -, das schafft ein einfacher, „aseptischer“, demokratischer Verwaltungsvorgang. Mit einem Federstrich wird das gesamte Archivmaterial dieses Programms in den Orkus befördert. Wer sich noch an Horst Krügers Radiosendungen erinnert, hat seine atemlose Intonation, seine dahinfliegenden, „entflammenden“ Sätze immer noch im Ohr. Aber wehe, dieser öffentlich-rechtliche Hörer unternähme den Versuch, diese Sendungen noch einmal hören zu wollen. Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass etwas aus diesen Rundfunkarchiven der Öffentlichkeit zugänglich gemacht würde. Bezahlt hat die Allgemeinheit ja jeden Monat dafür. Jetzt ist es noch einfacher: Das gesprochene Wort, dessen Produktion immerhin noch einige Menschen ernährt, also Kosten verursacht, wird durch Mozart und seinesgleichen ersetzt, die ohnehin keinen Anspruch mehr auf Tantiemen haben. Horst Krüger würde heute vielleicht noch für die NZZ schreiben – „Berichte aus Deutschland“, gut, dass man sich in Frankfurt seiner wieder erinnert hat. Danke!“

  7. crispinus schreibt:

    vielen dank für diese Bereicherung! man ahnt es, es wird davon leider auch nicht besser.im gegenteil: „Empört euch“ – das war ein bestseller der Nullerjahre, – ie hoffentlich nicht nur für Nullen waren.

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