Welche Inflation?

DSCF3660Während der Duchtschnittspreis eines Herrenrades (oder Damenrades) schon lange die 1000 Euro Marke durchbricht, ein kompetitiver Radschuh über 300 Euro kosten soll, darf, könnte, und man für eine „ordentliche“ Radsporthose nicht unter 100 rechnen sollte –  gibt  es sie andereseits noch, die billigen guten Dinge.

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Ich gehöre zu der Generation, die erleben durfte, wie die üppig ausgestattete Herder Buchhandlung im Haus an der Gedächtniskirche, Rankestr./ Ecke Tauentzien, verkauft und dann von Hugendubel neu bezogen wurde. Mit stark verdünntem Sortiment, einem sehr angenehmen Café, kuscheligen Sitzecken und dem faszinierenden Blick  auf das Treiben unterhalb der Platanen, hinter denen der Breitscheidplatz liegt. CDs gab es auch noch, nur plötzlich viel weniger. Und noch weniger Personal. Das war 1996.

Vor Erscheinen der 5fach CD (oben) hatte es schon den ersten Preisrutsch gegeben.  Der einst über das neue Medium staunende Musikträgermarkt (das diesen ab Weihnachten 1983 gerettet hatte) war zunehmend saturiert, die digitalen Produktionskosten schnell gesunken. Menschen, die sich mangels Geld CDs brannten, wurden damals Raubkopierer genannt. Es gab skurille Kriminalisierungsverscuhe von Tauschbörsen – man hatte zwar digital produziert, aber die digitale Ökonomie wohl nicht ganz begriffen.

Doch der nächste Kannibale wartete schon.

a1Eine intakte Sammlung von 5 Makrolonscheiben (Halbwertszeit 400 Jahre) ist heute niemand mehr 85 Mark Euro oder Dollar wert. wie das Etikett oben andeutet. Wenn überhaupt gerade mal ein zehntel. Das wichtigste digitale medium ist ein Saurier. Faszinierend, was heute an Datenmengen durch ein kleines Kabel passt.

Digitale Warenwirtschaft und vor allem Streaming heißen die Killer, die seit Jahren die (intakte) CD aus dem Warenkreislauf verdrängen. Lange nachdem Tauschbörsen, die mühselige files durchs Telekom-Modem flutschen und der mp3-player Welle fluteten wieder verebbt waren, wird der markt nun definitiv über Angebote erschlossen, die sich mit Smartphone-abos synchronisiert haben. Jeder 1 smartphone, jeder 1 spotify, jeder 1 netflix. Keine Inflation.

dat3Was will einer dann noch mit 5fach CD? Ganz einfach: Sich aus der neuen Opferrolle befreien. Sich seine eigene Musik „sichern“, um in der sprache der Zeit zu bleiben.

Bei normaler Behandlung werden diese großartigen Einspielungen der Klaviersonaten mit Mitsouko Uchida mich überleben. Dito die CD Player, von denen es immer noch Millarden gibt. Ich kann sie also jeden Tag abspielen, bis kein Saft mehr fließt.

Andere Hörer werden dagegen ihr streaming abo jährlich reaktivieren müssen, weil sie sich von diesen überflüssigen Dingen getrennt haben, die ihnen die Sicht aufs wahre Leben versperren. Und dann feststellen, daß sie gewisse Dinge vielleicht doch lieber ihr Eigentum nennen würden. Zu spät.

Weniges mag so entbehrlich scheinen, wie CDs von Mitsouko Uchida mit Mozart Sonaten. Es ist nur Nahrung für die Seele, für die aber ein unermeßlicher Schatz:  siehe KV 332.

 

 

 

 

 

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