Der Mais und die historische Dimension

ca33Es ist Oktober. Hier ist das nur an blaßgelben Maisblättern zu erkennen, die an sehr alte Zigarettensorten erinnern und auf Erntemaschinen warten. Die Vegetation ist überall sattgrün, Insekten summen horizontal über die Wiesen, dem Geräusch nach gibt es hier recht große Arten. Zweihundert Kilometer südlich von Bordeaux klingt der Sommer langsam und subtropisch aus. Nächte mit 18 Grad, Tage mit Regenschauern und dann wieder 12 warme Sonnenstunden. Überall steht im Département Pyrenées Atlantiques der reife Mais und wartet auf die Ernte. Der Jahresgewinn eines Hofs.

ca02Hügelkämme folgen einander in Wellen, Hänge mit dichten Waldstücken öffnen sich auf ausgedehnte Wiesen und Maisfelder. Wiesen rund um den Hof, Mais in der Ebene. Diese Pflanze wird in der Gegend schon seit jeher, also vor Einführung von Pestiziden, Insektiziden oder anderen Helfern angebaut. Vermutlich seit Christoph Columbus.

ca13Manchmal  steeh vor alten Häusern noch primitive Kornspeicher ,einfache, meterhohe Gitternetzkonstruktionen in denen die Maiskolben als Futtermais für das Vieh, Hühner und Enten aufbewahrt wurde. Heute bringen die Bauern die gedroschenen Körner hängerweise in die großen Silos der Kooperative.

ca11Mit dem SNEL durchkreuze ich die von kleinen und allerkleinstenStraßen durchzogene Gegend, in der man schnell die Orientierung verlieren kann: Wegweiser mit immer neuen Ortsnamen, die manchmal nur drei Häuser bezeichnen. Gehöfte liegen rundum verstreut. Geflügel punktiert scheckig die grünen Flächen. Gänse und Enten für die begehrte Pastete und das Magret, Hühner für den Topf und das tägliche Ei.

ca1Ein weiteres stattliches Haus. Manche, die vor Jahren endgültig zu verfallen schienen (- große Familien werden auch hier seltener )- werden aber erneuert. Die Substanz hält lange.

ca14Oft sind diese Häuser mit Flußsteinen gemauert, die unter altem Putz durchscheinen. Diese runden und harten Steine werden über die verschiedenen Gaves aus den Pyrenäen angeschwemmt. Solche Gebäude tauchen plötzlich hinter einer Biegung auf, von der Windseite durch dichte Bäume geschützt. Eine Palme dient als Zierbaum vor dem Eingang, die Ummauerung ist häufig von Agaven, Calla und Iris dekoriert, das  gesamte Jahr über Blüten ums Haus.  Auch Hortensien sind beliebt und Oleander wird gern auf die Grundstücksgrenze.

ca12Hier fließt der alte Grenzfluß unter meinem Snel hindurch, für die Alten hier ist es die Trennung zwischen den Königreichen Frankreich und Navarra, dem Béarn und dem Land der Franzosen.

Hier der Luy de France, der auch die Demarkationslinie zwischen der okkupierten Zone und Vichy bildete. 1941.

Eine Sprachgrenze dazu. Noch die Generation meiner Großmutter nannte Franzosen „lou franciman“ und unterhielt sich durchgehend auf béarnesisch, einem occitanischen Dialekt. Ein Sohn du pays, der  Soziologe Bourdieu untersuchte den „Ball der Junggesellen“ im Béarn als Verhandlungsort alter ländlicher Hierarchien.

400 Jahre also, nachdem das Land um Pau Frankreich einen seiner beliebtesten Könige schenkte, Heinrich den 4ten. Der wünschte seinem Volk jede Woche ein Huhn in den Topf. Seine große Leistung war wohl die Vermeidung eines verheerenden Konfessionskrieges, wie der, der die deutschen Länder 30 Jahre zerfetzte.

ca01

All das wissen die wilden Büsche und Bäume nicht, die hier immer schon wuchern wie ein sanfter Dschungel. Die Steigungen sind hart, ein ganz unvermutetes Intervalltraining kommt mir zugute, während ich von Dorf zu Dorf ziehe. Die alten Kirchtürme und unveränderten Dorfbilder ziehen den Wanderer unvermeidlich in die Geschichte.

ca21Weit fort scheinen die endlosen Siedlungen der Vorstädte, die teilweise kümmerlichen „lotissements“, reduzierten Nachentwicklungen des nordamerikanischen contract housings. Dieser Stein ist massiv, gemacht , um zu bleiben.

ca15Die Moderne wird oft nur in Form von Maschinen sichtbar.  . . .“von dem Preisgeld kaufte ich meinen Eltern einen Traktor“, sagte maillot jaune Robert Cazala. „Und damals (1960), als wir im Kreis nur zwei Traktoren hatten, wollte das etwas heißen.“

Wer die vielen Zeichnugnen von Jacques Sempé kennt, weiß, wie er das typisch französische Dorf als kleines satirisches Idyll zeichnet. Die Gestalt der Dörfer selbst ist oft unverändert geblieben, aber es verschwinden die Pfeiler des gallischen Rundlings: Metzger, Bäcker und schließlich der Besitzer des Cafés. Ein Klischee mit zwei Seiten.

DSCF4451.JPGIn Caupenne, kurz vor der Ebene der Adour habe ich die Nordgrenze meiner Runde erreicht. Schloß, Kirche, Kriegerdenkmal und Schule.

ca5Mein Rad lehnt an die alte Mauer, ich esse meine Nußschokolade „ivoria“, während Laster vorsichtig die Kreuzung überqueren. Ich sehe hier um 19Uhr keine Menschenseele. Die kleine Turmglocke läutet, die Landstraße wartet.

Noch ein paar schnelle Kilometer und schonmal ein kleines Bier für später. Nur ein kleiner Schnörkel in die Tiefe des Landes, aber wieviele Eindrücke….

ca6Der letzte Hang des Tages liegt vor mir.

 

Dieser Beitrag wurde unter Übers Land, Mehr Licht, Spleen & Ideal abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Der Mais und die historische Dimension

  1. Uschi schreibt:

    Sehr schön geschrieben

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s