Die Golf Generation beim Elektro- Glasperlenspiel

Schubladen sind etwas Schlimmes, Vorurteile auch, Gruppenbezeichnungen sowieso. Aber als Verlagsleiter wäre ich allein schon vom schlichten Buchtitel begeistert gewesen. Jeder, absolut jeder Deutsche verstand (ungefähr) was gemeint war.

ag2.jpgSofern jemand aus dem Westen stammte, damals, als Generation Golf erschien.

Egal und weiter. Geburtsjahrgänge über ein Konsumprodukt zu definieren (ein erfolgreiches natürlich) macht die Basis umso größer. Auch Du gehörst dazu, eine Wahl hast Du nicht.  Stellen wir uns dem Problem.

Volkswagen, Nachfolgefirma einer politisch initiierten Mobilitätsbewegung, war so gut wie pleite. In blinder Gefolgschaft zum ursprünglichen Konzept hatte man fast die Konvergenztheorie bestätigt und ein Unentschieden im Wettlauf der Systeme erreicht. Ein VW 1500, das war im Grunde der Wartburg aus Wolfsburg. Bieder, trist, überholt, allem technischen Fortschritt verschlossen.

Ich werde nicht vergessen wie ein Nachbar, der Güldenring Zigaretten rauchte (DM2), mir stolz den“zweiten Kofferraum“ seines neuen, braunen VW 1500 vorführte. Das war kaum 3 Jahre vor dem Golf, denn ich kannte die Zigarettenmarken im Automaten: Lux, Lord, Overstolz, Astor, Güldenring, HB, Ernte23, Reval. Die ohne Filter für meinen Vater.

Der Golf aber betrat nicht als Solist die Bühne. Ein ganzes Baukastensystem hatte der VW-Audi Konzern um die Plattformen von Audi 50, 80, VW Scirocco Passat und Golf geschaffen.

Der Erfolg des Generationenvaters war anfangs keine ausgemachte Sache. Man unkte ob der Schachtel, denn man wähnte gerade die getreuen Käfer I – V käufer als so strukturkonservativ, daß sie dem großen Wolfsburger Hause nicht verzeihen würden, dem nibelungentreu bis zum letzten Mann verteidigten Heckmotor-Luftkühlungsprinzip abzuschwören.  Es kam anders.

Was man objektiv feststellen muß: die erste Generation des Golf war, wie die übrigen Baureihen formal gelungen. Dem Erfolg stand somit auch von der Seite nichts mehr im Wege. Die folgenden n -Generationen waren dann die Varianten eines Entwurfs, dem eins gelang: die mobile Mitte der deutschen Gesellschaft zu formen.

Der Weg dorthin:

Schon der zweite Aufguß wirkte pummeliger und weniger straff. Aber Erfolg hat immer recht und das, was die erste Serie an Annhemlichkeiten bot konnte die zweite bestätigen, ja übertreffen.  Nur nicht hübscher geworden. Jedoch: was mir als Zeitzeugen der Generation Golf II an Äußerlichkeiten mißfiel,  hätte ich ganz anders deuten müssen.

Begreifen, daß Design kein Selbstzweck ist. Auch wenn man sich über Geschmack, Form und Ästhetik endlos streiten kann, es war gerade die Tatsache daß der ursprüngliche Entwurf ein paar Kilo Falten gewonnen hatte, an Zierlichkeit verlor, der dem Erfolg Dauer verlieh. Es war eben nicht die Vorgabe: mach mir ein noch schöneres Auto sondern : mach jetzt ein Auto, das erwachsener wirkt. Mach ein Auto, das wie wir ist.

Da kommen für einen Entwurf  ganz ander Kriterien ins Spiel;  es geht um Attribute: Erwachsen, das sogenannte Seriöse. Größe, Ruhe, Schwere –  eben irgendeine Form von Souveränität statt Sturm und Drang. Und so war der zweite Golf  – von allem etwas mehr. Die Heckleuchten waren die einzige formale Erfindung des Entwurfs.

Weiter mit „social design“. Jeder spätere Golf wird eine leicht angewachsene Variante des vorigen, nach dem 4ten habe ich aufgehört zu zählen. An diesem Punkt wurde es möglich, um ein Automobil herum eine Generation zu erzählen. Für einen Markenformer, der Jahr um Jahr um die Ungnade des werten Kunden bangt eine Vollendung. Die Geschichte der VW und die Geschichte der Deutschen schwammen synchron. Bis zum fatalen Tag , an dem Kalifornier an den Abgasen schnüffelten.

Ein Zäsur, erst mählich, dann immer klarer.  Das zuverlässig wärmende Feuer des großen Gesellschaftsmotors bekam im Dieselskandal einen unschönen Anblick. Plötzlich sahen alle den Rauch, und keiner wußte , woher. Die VW glich dem Politbüro, aus dem niemand einen Schießbefehl gegeben hatte. Im Zentralkomitee der Volkswagen gab es keinen Führungsbefehl zur Umweltmanipulation.  Bis heute – und keiner glaubt es.

So durchleben wir einen neuen deutschen Herbst, einer eigenartig schwebenden Zeit in der die Träume der vergangenen Generation zur Disposition gestellt werden. In der etwas, man weiß nicht recht wie, zuendegeht, während viel von globaler Zukunft geredet wird.

Denn was einmal großer kollektiver Traum war – nicht der Sozialismus, sondern die  (unbegrenzte) eigene Mobilität- wird schon lange hart von der Wirklichkeit der real existierenden Mobilität gebremst. Man muß nicht unbedingt Klimaaktivist sein, man kann es ruhig tiefer hängen.

Die täglichen Staumeldungen, die wachsenden Jahresstau-Kilometer (ein Wort wie ein Stau) machen nicht nur den Betroffenen den irrsinnigen Preis der eigenen, automobilen Bewegungsfreiheit deutlich. Selbst wenn sich nichts, oder nicht wirklich viel da draußen ändert.

Aber das Binnenklima ist ein anderes . man sorgt sich doch irgendwo. Es ist eben alles nicht mehr wie früher, wo dem einem Golf bald der Nächste folgte und fast alles im Leben immer komfortabler wurde. Diese Generation denkt vorsichtig, es steht viel auf dem Spiel.

Zur Zeit sind es Glasperlenspiele um elektrische Antriebssysteme, die gleich aus mehreren Paradoxien einen Ausweg weisen sollen: Umweltbelastung, Verkehrsüberlastung, Zukunftsfähigkeit.  Schon wird die Abschaffung des Verbrennungsmotors behauptet. Seht her, scheinen sie zu sagen: wir können auch anders. Aber wollen wir?

Die Golf-Generation sitzt am Steuer der Gesellschaft. Sie träumt privat vom Ur-Golf und fährt in Ihrer Freizeit gerne Rad, inzwischen öfter elektrisch. Anders als die Väter des ersten Golf hat sie keine Absatzschwierigkeiten und plant alles über 5 Jahre.

Während dabei die eine oder andere Glasperle aus Wasserstoff, Solarenergie oder anderen Zauberelementen an ihren Augen vorbeizieht,  entscheidet sie täglich über Flottenmanagement, Lieferketten, Logistikzentren und Drehkreuze der Luftfahrt. Die Zahlen geben ihnen recht.

Golf not dead –  just smells funny.

8 11 2019

 

 

 

 

 

 

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3 Antworten zu Die Golf Generation beim Elektro- Glasperlenspiel

  1. mark793 schreibt:

    Ich habe damals mit dem Golf II auch erst mal gefremdelt, bevor er für mich zum eigentlichen Golf wurde. Aber längst geht mir das bei fast jeden Modellwechsel bei den gängigen Marken so, dass sich der Neue erst mal mühsam gegen den Vorgänger durchsetzen muss.

  2. Twobeers schreibt:

    Danke für diese Gedanken am Samstag!

  3. crispsanders schreibt:

    Der Golf II ist ja der „eigentliche“ Golf, der Erste noch ein EndSpiel mit vollem Risiko. Brüche bei Modellwechseln werden immer seltener, vielleicht weil da ein Potenzial ausgereizt ist, vielleicht auch, weil ein Paradigmenwechsel ansteht.
    Sehe da eine recht gute Spiegelung anderer Zustände.

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