1 Zaungast auf den letzten 100 Kilometer des tprno1

Hinter Arette komme ich also nach dem Waldstück gerade um die Ecke, für ein paar letzte Kilometer durchs grüne Weideland des Piémont. Da schießt er auf mich zu, der bunte Helm, die Mähne und die irisierende Sonnenbrille. Die flamboyante Erscheinung erlaubt keinen Zweifel.

Natürlich ist er es : Nico Deportageo Cabrera; er muß hier, tausende Kilometer von Chicago entfernt, auf der Pyrenäendurchquerung sein; Und dann wird mir alles klar.

la tprno1 vous souhaite la bienvenue.

Ich wußte, daß dieses Rennen im Oktober stattfand, die remindermails auf dem PC kamen in regelmäßigen Abständen. Aber ich hatte schon im letzten Jahr den Gedanken verworfen, mich um „transpyrenean race No1“ zu bewerben. Ein doppelter Raid Pyrénéen und  Zugaben auf Schotter und Geröll, das ging zu weit. .  .

„Also ist er dabei“! –  schoß es mir durch den Kopf und winkte ihm entgegen. Er war wohl genauso überrascht wie ich, hier an einem warmen Oktobernachmittag irgendwo einen Fremden zu treffen, der ihn mit dem namen seines Inst@gr@m accounts ruft. „@IndigoNico! “

Er staunt nicht schlecht –  seitdem er mit Kumpel Chas Christiansen die Paarwertung des TCR 2018 gewonnen hatten, muß er eben überall damit rechnen, von Radfahrern erkannt zu werden. Er hält an und das Staunen geht bald in ein breites Lächeln über. Wir reden drauflos und steigen wieder auf. Er redet, als hätte er seit Tagen niemand gesprochen.

Vor 6 Tagen sind die Teilnehmer gestartet und fast hätte er nach einem Sturz schon am ersten Tag aufgegeben. Mit der Brust gegen einen Zaunpfosten geprallt und vom Stacheldraht die Shorts eingerissen. Der Riß ist verheilt, die Brust schmerzt noch. Aber jetzt ist die Sonne da und er ist froh, weitergefahren zu sein.

„It took the competitive spirit out of me and I just decided to do it in my own tempo. Was hard but now the sun is out and I am trying to make it ready to the finishers party“. 117 km auf direktem Wege bis zur Küste, bis Biarritz eigentlich noch weniger.

Aber der Kurs folgt nicht dem direktem Weg, sonst wären wir über die D 918 zurück nach Arrette gefahren, wo ich gerade herkam. Stattdessen geht es einen Feldweg um einen einsamen Hof herum, steil hinunter über lauter Eisenrinnen  – um dann wieder auf der D 918 zu landen. Genau an der 117km-Marke! –  – .

Ich muß über diesen absurd schwierigen Umweg lachen, aber er folgt einem  vorgeschriebenen parcours. Denn so schreibt es die Veranstaltung vor: fester parcours für alle Teilnehmer vor Kontrollpunkten, der Rest zur freien Gestaltung. Nico folgt seinem Track, der in schwarzen Richtungspfeilen auf grauem Display erscheint .

Die letzte nacht verbrachte er in la Mongie unter dem Tourmalet, heute über Soulor, Aubisque und Marie Blanque hergefahren, die klassische Strecke der Pyrenäendurchquerung. Der sechste Tag des Rennens.

An der Pierre St. Martin war er am ersten Tag. Das Rennen startete um 5h morgens in Biarritz und der Paß (von dem ich  gerade komme) war erster Kontrollpunkt, CP1. bei naßkaltem Wetter waren sie über St Engrâce und den Col du Soudet  hinaufgekommen. die einzige Variante, die ich noch nicht kenne.

Sein rechtes Pedal ist vom Sturz angeknackst, aber meinen tip, in Arrette gleich nach dem Fahrradladen zu sehen kann er nicht annehmen. Der Hinweis zählt schon als fremde Hilfeleistung, „the spindle seems ok,“ wie er sagt.

Wir rollen noch eine ganze weile nebeneinander her, strikt nach track und unterhalten uns. Er ist entspannt und gut gelaunt, vielleicht freut es ihn, wenn ein wildfremder mit ihm quatscht. Vielleicht motiviert es auch.“The first one made it in about four days…“

Sein Rad ist sponsored by sram, die grün eloxierte Kette knirscht ordentlich, sie muß hinten 12 Gänge bis 40Z packen. Ein Spezialaufbau von squidbikes: die dicken Reifen hätte es nicht gebraucht sagt Nico, der Anteil an Schotter war nicht so hoch, „in fact, only in Andalusia,“ . . .

Dann geht es in einen weiteren kleinen Paß, den ich noch nie gesehen habe, ein weiteres Hindernis auf dem Weg nach Mauleon oder Tardets, statt der D 918 zu folgen also brav wieder aufwärts.

Mir wird klar, daß dieser Parcours keineswegs die schnellste Möglichkeit sucht, ins Ziel zu kommen und sage es Nico. Auf ungefähr halbem Anstieg nehme ich meinen Abschied vom jungen Radkurier und Musiker mit dem breiten Lächeln. während uns weitere Teilnehmer überholen. Hier zieht er gerade los.

und jetzt, wo ich dieses Bild sehe, begreife ich das Unwahrscheinliche. Nie hätte ich diesen Mann auf der Welt irgendwo getroffen. Nichts würde mich, den alternden, knurrigen grouch mit diesem tätowierten Abenteurer je auf der Welt zusammenbringen. Wenn es nicht das Rad gäbe und den Wunsch, jede Herausforderung darauf anzunehmen.

Dann kommt ein Fahrer näher, der mich auf französisch anspricht. Er stammt aus Bayonne, fährt also ins Ziel nach Hause. Er ist müde und verhehlt das nicht. Das Tempo der drei vier fahrer die ich gerade gesehen habe ist in der Tat gesittet und für mich sehr aerob: daran sehe ich , wie erschöpft sie sein müssen. Cap n047 erzählt weiter, ein richtiger Redefluß setzt ein, über die Etappe, das Rennen und seine Familie:

Zum Glück gab es auch nicht so viel „gravier“ , mit seinen 25mm Reifen hätte es geklappt. Aber insgesamt sei er nur noch froh, bald zuhause zu sein. Vor allem der erste Tag: den Anstieg zur Pierre St. Martin über St.Engrace beschreibt er als „traumatisierend“.

Ein schwarzer Klein-SUV kommt von hinten heran, auf dieser Zwewrgstraße verwunderlich, noch verwunderlicher aber das Kennzeichen 01 – Département Ain. Also ganz im Norden. Mit verdächtigem Blick werde ich von einem jungen Mann gemustert. Ein Mietwagen, tatsächlich, das sind die Veranstalter .

„Bitte fahren sie neben mir, nicht zu nah, „sagt capno47. „???“ Wissen Sie, drafting ist streng verboten und sie kontrollieren es. Jede Form von fremder Hilfe. ich fahre auf die Gegenspur des Feldwegs. „und von hier?“ geht es?“ „Jaja!“ lacht er. Der kleine SUV ist in richtung Paßhöhe weitergefahren,  zwei Fahrer sind zu erkennen. Drafting bei 10kmH,  – darauf muß man erst einmal kommen. Oder Teilnehmer bestrafen, die sich sechs Tage geschunden haben, um als Platz 25ff ins Ziel zu rollen – ich mache aus meiner Meinung kein Geheimnis.

Der Franzose zuckt mit der Schulter und lächelt und ich wünsche ihm alles alles Gute. Auf dem tracker sehe ich Wochen später, daß er noch einige Vorfahrer überholt hat. Ein Pferd, das den Stall riecht, vielleicht auch die gute heiße Schokolade, die es in Bayonne gibt.

Ich fahre zurück und denke vor allem an das kleine Bier, das ich mir gönnen werde, gleich, wenn ich nach diesem runden Tag heimkomme. So ein schönes Land. Alle, die ich sah wirkten keineswegs heroisch. Nie sah ich ein siegesgewisses Lächeln oder einen zielstrebigen Blick Richtung Olymp,-  man kennt das ja aus Verkaufsprospekten, mit Lagerfeuer und Zelthintergrund. Sie wirkten eher so, als seien sie froh, etwas hinter sich zu bringen, froh, schon bald erleichtert aus ihrem Lycra zu steigen und ein richtiges Essen, ein richtiges Bad oder ein richtiges Bett zu finden. Aber sie kommen wieder und die schnellsten werden es wieder in etwas mehr als 4 Tagen schaffen. 1300km Berge.

Höfe, hinter deren Mauern die letzten Rosen des Jahres blühen ziehen vorbei.

Noch ein Fahrer und noch einer – fast im Minutentakt.  Und dann zuletzt noch ein nettes Lächeln von einer jungen Frau im tprno1 Mode.

Das war Rose Mc Govern. Bonne Route!

 

 

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