Advent auf Nebenstrecken

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– nach drei weißen Tagen rückt das Sturmtief nach. Am 3. Advent erlebt der Schneemann seinem letzten Sonnenaufgang. Letzte Blätter fallen jetzt, steigende Temperaturen schaffen Gelegenheit, sich aufs Rad zu setzen, den Wind kreuzen, die hellsten Stunden dieser kurzen Tage nutzen.

ad2Das Schmelzwasser rinnt die Straßen hinunter. Schutzbleche sind jetzt wichtig. Ohne zu wissen, wohin es gehen soll, bin ich erst einmal aus dem Wind gedreht. Also den Norwest im Rücken nach Südost. Vor mir liegen erste herbe Höhnemeter, aber der Blick zurück auf eine grauweiße Wand aus Graupelschauern erhöht die Freude an dieser Wetterbarriere , die gleich überwunden ist.

ad31Erstmal oben eine Übersicht gewinnen über den 3ten Advent. In jede Richtung 12 Prozent, graue Schlieren( gestern noch weiß), hinter mir über 350m weiße Streifen, vor mir keine. Also nach vorn. Hinter mir der Westerwald, tiefer unten die Lahn. Der Wind läßt Falken wilde Kapriolen schlagen, Krähen kommen dazu, Rennerod leuchtet  auf goldgelbem Schild: 12 km.

ad3Und es ist Glück . Der Himmel reißt auf, die Sicht auf den Feldberg wird frei, ein großes blaues Auge über mir weist in die gute Richtung. Nach Süden, über die Lahn hinweg, da also muß ich hin.

ad5Löhnberg. Am Burgfrieden, der das Tal aufschließt bin ich schnell vorbei. Die Straße glänzt im Gegenlicht und ich bewege mich geschützt . Die Weil rauscht munter und voll Schmelzwasser dahin. Es glitzert  in der Wintersonne.

Ich sammle Ruinen ein. Reste einer kleinen Bahntrasse liegen neben mir, vom Gegenufer deutet sich der Bahndamm der alten Weiltalbahn an. An Lagerplätzen werden Autos abgestellt,  – nur Besichtigung kein Verkauf.

am3Die Ruinen der Automobilindustrie setzen das gleiche Moos an, wie die letzten Gleise und Verladerampen der toten Erzgruben im Wieltal. Als man von solchen Fahrzeugen träumte, als solche Wagen noch Jungenbanden in Trance versetzten. Die Scheiben sind beschlagen, – dahinter warten Erinnerungen: wie mein Onkel das kleine Ausstellfenster aufdreht und lässig die Asche seiner HB auf die A3 schnippt. Ich rieche die Mischung aus Lösungsmitteln, Textilien und Leder, höre die Musik aus dem Cassettenrecorder, höre wie die Tür der Erinnerung mit sattem Nachhall ins Schloß fällt.

Roll mein Raleigh roll weiter .

ad6Kein reiches Land, das hier, nur voller Erz, Schiefer und Kalk. Und Marmor. Die Musik der Mühlräder ist verstummt, meine Melodie-Ketten kommen aus dem Asphalt. Eine Hirtenflöte aus den massiven Klangmauern von Zawinuls Geräten schwebt darüber, oder die kleine Flöte über den Gebirgen von Streichern am Ende der ersten Brahms. Zawinul, Brahms und mein Raleigh. Der Wind wechselt die Seiten, mal fliegen wir davon, mal drückt es heftig in den Unterlenker. Wieviele Kilometer waren es wohl in diesem Jahr?

Ich zähle die Dörfer. Bis Weilmünster ist es nicht weit.  Dort wartet eine sichere Herberge.ad7

Hier an der großen Kreuzung steht die bekannte und ersehnte Total „tout-va-bien“ bonjour. Entdeckt beim 300er aus Gießen 2018 ist sie ein strategischer Punkt aller Fahrten in den Hintertaunus geworden.  Entscheidend ist das Sortiment. Cappuccino und Croissant können alle, Baguette mit Hähnchenbrust und Salat schon weniger.

Auf einer gepolsterten Sitzbank in der Nische lege ich  Helm und Handschuhe ab, richte mich ein. Umrühren, Blick auf die Kasse, Zeitschriften und alle Regale. Alkohol und Zucker sind beliebt, der Tabak lagert immer hinter der Theke. Manchmal geht es nur um ein Päckchen Zigaretten und dann schnell wieder mit kurzen Jeggins ins wartende Auto. Dann tritt ein Paar auf, beide mit Hüten ähnlich wie sie Angler tragen, beide  in  grünlich-grauer Outdoor Kleidung. Sie sieht glasig zu ihm auf, während er, wallender Bart und Zopf, mit gebieterischer Geste nach kleinen dunkelgrünen Flaschen greift. Dazu Dosenbiere und Tabak. Wanderstiefel .

Ich sehe nach draußen und suche das passende Auto. Es ist ein alter Pritschenlaster, 7 Tonner  – ein plakettenfreier Dieselmercedes, mit Holz beladen. Steht auf der anderen Straßenseite und die Sonne scheint schräg durchs Führerhaus. Darin als Umriß  zwei Hunde. Sie hüpfen auf und ab und blicken Richtung Tankstelle.

Gleich sind sie wieder bei euch und ich frage mich jetzt noch, wo es dann hingeht. Rückzugsorte gibt es genug hier. Statistisch sind wir ein reiches Land. Es ist der dritte Advent und so gut wie nichts los im Weiltal. Nun ist Zeit weiterzufahren, denn die Sonne versinkt kurz vor 5.  Eine Karte in passendem Maßstab habe ich hier vergeblich gesucht – also mit memory navigation.

df_dk_0010001_5515_1907Ein Labyrinth aus dem ich wieder hinaus muß, über die Falten der Bachtäler nach Norden zurück. Ernstbach, Kerkerbach. . .  ich vergesse einige. Solche Messtischblätter sind fast unendlich präzise, sie geben alte Ortsnamen und Naturdenkmäler preis. Auch sind die alten, also wichtigen Wege verzeichnet man genau.

Solche Blätter sind über hundert Jahre alt und schlafen in Fototheken. Ein engamaschiges Netz von Stahlstichen überzieht das gesamte Land, wird nach und nach von elektronischen Netzen abgelöst, die in Echtzeit arbeiten und eigentlich noch viel mehr  verzeichnen könnten. Aber werden sie das? Werden sie jemals mehr wollen, als Kaufinformationen liefern?Ist das Netz ein großese Palimpsest, ein Sarkophag der Information, die in 1000 Jahren von einer neuen Zivilisation wieder entschlüsselt wird?

Wir wissen es nicht. Weniger  noch wissen wir , ob die kleinen Eisenbahnlinien, die für den Abbau der Bodenschätze angelegt und dann im Nahverkehr genutzt wurden, jemals wieder auferstehen, wenn den Individualmotoren der Brennstoff ausgeht. Der Wind bläst an.

ad8Auf zum härteren Teil des Tages, zum eigentlichen Training, denn nach 2 Stunden sind – auch mit Pause- die Speicher einigermaßen leer. Bergauf gegen den Wind, Höhenkamm um Höhenkamm. Sich gleichmäßig verausgaben. Immer wieder auf den Abfahrten erholen und dann von vorn beginnen. 8 Grad im Plus sagt eine Volksbank auf ihrer prähistorischen Digitalanzeige. Aulenhausen, Weinbach, Aumenau. Böiges Plateau.

Die gesperrte Straße hinunter zur Lahn: nach zwei Monaten überzieht Laub die Teerdecke .

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Von oben kommen jetzt Formationen neuer Wolken, im Bachtal sehen mir Schafe und 1 Hund nach. Noch ein Anstieg und noch einer, sich langsam leerfahren, die ganze treue Körpermaschine. Sie lohnt es einem. Hinein in die Wolkenbank.

ad91Und dann beginnt der Regen: nur noch 7 Kilometer; es reicht um naß zu werden, es reicht, um sich auf leuchtende Kerzen am Küchentisch zu freuen, samt Christstolle.

 

 

 

 

 

 

 

 

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2 Antworten zu Advent auf Nebenstrecken

  1. Twobeers schreibt:

    Ihr hattet schon Schnee? Bei uns war und ist alles grün.

  2. crispsanders schreibt:

    Nur ein Intermezzo, jetzt ist es leichter Frost. Der Winter beginnt erst in zwei Tagen, da kann auch nordöstlich noch viel passieren . Macht die Kilometer solange es warm ist .

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