An den Trafotürmen entlang

a03

Diese einsamen Gesellen scheinen den Himmel zusammenzuhalten –  –  –

Der Wind pfeift durch Leitungen und stimmt vielstimmig sein Liedchen an, wenn ich geduckt auf dem Strobl an ihnen vorüber ziehe. Das Tief rückt näher und wird gleich den Lichtstreif am südlichen Horizont verdrängt haben . Der Februar endet mit einer kräftigen atlantisch-kühlen Strömung .

Schnell über die Höhen ziehen, an den Höfen vorbei, durch die stillen Dörfer, die an diesen kleinen Türmen hängen. Diese Trafotürme sind Riesen, die den Liliputanern in ihren Häusern Strom spenden. a05 Anderswo feiern sie Karneval an jeder Ecke, hier sind die Möglichkeiten eher dünn gesät. Beim Lampe  ist schon lange das Licht aus, auch wenn noch Strom dranhängt.  So eine Gegend hat dafür jede menge kleiner Nebenpfade und Feldwege, über die sich der Wind kreuzen läßt. Ganz ungestört.

a04Hier steht das Rad des Tages an einem Rastplatz, der zur Verschönerung einen Bildstock gestiftet bekam. Schnell geht es weiter, bevor das Schutzplastik einen Zweck erfüllen muß.

a02

Auch wenn die Lokalbahn stillgelegt wurde, auch wenn zwei von drei Schaufenstern der kleinen Stadt in ihrer Ästhetik der späten DDR gleichen, der standhafte Turmsoldat wird hier noch gebraucht und leitet tapfer Mittelspannung auf Haushaltsspannung  über.

Außer reichlich Wind tut sich nichts, der Atem geht gleichmäßig, der Körperthermostat arbeitet gut und das Rad zieht von Dorf zu Dorf. Dazwischen die Höfe, Tannen und Bäche, die gut gefüllt den Hang hinunterpurzeln. In diesem Jahr füllen sich die Trinkwasserspeicher besser.

a07

So ein hübsches Faß wirft man auch nicht so schnell weg. Ganz wie den Rest. Nicht daß ich hier als Retrotourist Motive zusammensuche, um mir gestern schöner zu machen. Es fällt einfach auf, wieviel Altes, Aufgelassenes und anderweitig längst Vernichtetes in Dörfern ringsum die B413 zu sehen ist.

b0Um zu verstehen, warum das so ist, hilft August Sander. Der Photograph stammte aus einem kleinen Dorf in etwa 20km Luftlinie vom Traktor oben. Sein Lebens-Bild-Projekt wurden die „Menschen des 20ten Jahrhunderts“. Das weiß man heute in New York, Tokyo, Paris und (ich lasse ein Paar Städte aus).

b1Nach Lehr- und Wanderjahren läßt er sich in Köln nieder. Gegen 1910 nimmt sein Lebenswerk  Form an. Es beginnt vor der Haustür, mit Menschen aus „seinen“ Dörfern.  Dörfer wie die, durch die ich gerade fahre . Es ist gerade hundert Jahre her, so viel ist das nicht. Die Kleinen da sind die Großeltern der Boomer.

a06Dörfer , in denen ein Trafoturm die neue Zeit einläutet, die Zeit einer neuen Energie,  die einem die schlimmste Fron erleichtern würde.

b3Und so sehen sie aus, Paare, die ein Leben zusammengehalten haben, um sich ihr Brot zu verdienen. Fragt nicht nach „Glück“ – seht auf die Hände. Die vielleicht mit einer handvoll Hühnern und ein paar Kühen auskamen und ihre Notgroschen als Genossen die neu gegründeten Raiffeisenkasse Altenkirchen einzahlten. Der ersten Volksbank der Welt.

b2Lustige Zeiten waren das eher nicht unbeding und niemand wünscht sie sich zurück, weder hier noch anderswo.  Aber vielleicht ist der Faden der Erinnerung noch nicht gerissen. Schon zu Zeiten Sander galten diese Familiengemeinschaften als fast archaisches Relikt in einer rasant industrrialisierten Welt.  Sander stellt diese Menschen Seite an Seite mit Kaufleuten, Handlangern, Arbeitslosen. Er selbst: einer von ihnen und wohl doch nicht. Die Verbindung hat weder verleugnet noch gekappt, seine Bilder aus dem Westerwald macht er bis in die letzten Lebensjahre . Die Herkunft war ihm etwas wert.

aha1

Der fahrende Geselle zieht weiter gegen den Westwind, weiter, um Kilometer zu machen. Noch eine halbe Stunde, denn ist der Wendepunkt erreicht, dann drehe ich aus dem Wind, der zunehmend feuchtere Wolken heranträgt.  Hinter dem nächsten Waldkamm kann ich schon wieder Schutz finden.

a14

Weiter, um neue Dörfer zu entdecken., aus dem Wind drehen , den Schauern entkommen. Die Kraniche sammeln sich über mir. Aufbruchszeit für die Vorboten. Sie hören keine Nachrichten, wissen aber schon, daß es Zeit ist, sich von der Bugwelle der Kaltfront nach Nordosten tragen zu lassen. Vielleicht schaffen sie es heute noch bis an die Rhön. Vier Stunden ist es noch hell, sie wissen, was sie tun.

DSCF8186

Eine erste Azalee hat schonmal ein Zeichen gesetzt. (22022020)

 

 

 

 

 

Werbung
Dieser Beitrag wurde unter Übers Land, Mehr Licht, Spleen & Ideal abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu An den Trafotürmen entlang

  1. Tino schreibt:

    Sie wissen was Sie tun. Kann man nicht von vielen Zeitgenossen sagen. Auf die Kraniche ist verlass.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s