In den Sonnenuntergang reiten

Eigentlich geht die Sonne noch nicht unter. Es ist ein leicht diesiger Tag gewesen, der erste warme Sonnentag im neuen Frühjahr und der Dunst läßt die tiefe Sonne lange vor dem Untergehen rötlicher scheinen, ein mildes Licht  .

as91Das große runde Auge des Motorrads kommt den Hang hinab, mir entgegen, ein Blinker ist gesetzt und die Gänge schalten treppab – 4 -3-2-1 – fast gleichzeitig biegen wir in der Talsenke des Kerkerbachs nach Westen . Ich komme vom Feldberg, das Krad vom Schupbach Marmor her. Es hat einen hellen, singenden Ton, einen blauen Streifen auf dem Weißen Tanks und drei Auspuffe, deren Chrom so glänzt wie die Gabel meines Koga Miyata.  – 1 -2-3- 4

ak3Mit steigendem Ton nimmt es mühelos singend den Hang in Angriff, den Hang der vor mir liegt, die vielleicht letzte einer Unzahl von Steigungen , die ich heute gefahren bin.

Heute, dem sonnendurchfluteten Tag, eine noch kalte Sonne, die Luft immer frisch und tief und die Schatten sind leicht. Der Hang liegt vor mir, der Jubel der Maschine hängt noch lange im Himmel und meine Nase zieht tief den speziellen Duft des Zweitaktbenzins ein, bevor ich wieder Kraft sammle, um diesen kleinen Hügel geduldig zu bezwingen.

ba3Die ersten Wildkirschen blühen, ich habe es gesehen. Staub und Pollen liegen auf den Bremszangen und pudern mattes Aluminium. Der Taunus, ein Land voller Winkel und Bäche und versteckten Dörfern, die man von den Höhen kaum ahnt. Ein Kontinuum von Wellen und Wäldern zwischen Lahn und Weil, Dörfer, die nach kleinen Bächen benannt sind, die immer neue Kerben in das Gestein geschliffen haben.

ak7Es ist kaum vorstellbar, daß hinter dem Feldberg, dessen Gipfelturm immer wieder auftaucht, eine völlig andere Welt liegt. Auch wenn diese völlig andere Welt mit den Landebahnen , Terminals, Bürotürmen und endlosen Siedlungen gerade die Luft anhält. Auch wenn der Taunus plötzlich nicht mehr wie ein pittoreskes Reservat anmutet, sondern wie ein Lebensmodell unter Corona im Alltag.

Und manchmal ist der Gedanke nicht fern : ist diese hier nicht die eigentliche Welt? Aber vielleicht ist es auch nur der Rausch der Frühlingssonne und der Überschwang, wenn die nächste Kuppe genommen ist, die Reserven noch nicht angegriffen sind. Die richtige Welt- die Welt die zählt  – ist hinter dem Berg :unsichtbar hinter einem tannengrünen Vorhang. Dort wird das geld gedruckt.

Die Ahnung, daß es so schnell nicht wieder wird, daß wir den titanischen A380 zum letzten mal haben fliegen sehen – sie geht schnell vorüber –  zu viele Wunder warten noch, zuviel Grün, zuviele Kurven und neue Anstiege.

as8Hier geht es den samstäglichen Gang. Traktoren sind mit der Familie ins Holz ausgerückt, bis Mai folgen noch einige kalte Nächte, für die Brennholz gestapelt wird. Möglich, daß es noch etwas ruhiger als sonst ist. Ungestört folgen wir der Ideallinie in den Abfahrten, rollen Seite an Seite den nächsten Anstieg hinauf.

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Laubach, Wiesbach, Weinbach, Erlenbach, Eschbach, Saubach, Crazbach usw.

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Erst am großen Feldberg wurde es lebendiger, schossen die Motorräder vorbei. Wenn die richtige Welt die Hinterwäldler besucht.

Eine harte Prüfung ist der Feldberg nicht, seine Länge und die mögliche Aussicht machen ihn für Radsportler attraktiv – und so kommen sie bei Sandplacken um die Ecke, die jungen Produktionen und alten Recken.  ak12Schon an der Auffahrt zur letzten Rampe Absperrungen und Verkehrskontrolleure die in wenigen Minuten für alle Motoren schließen werden. Die Pause auf dem Feldberg ist immer ein Moment aufgehobener Zeit, alle staunen, alle haben ihr Ziel erreicht. Auch Du mein Koga. Und jetzt ist Ruhe.

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So verschwindet er allmählich und wird zur blauen Horizontlinie, Welle um Welle rückt er nach hinten, Welle um Welle vergeuden wir unsere Kraft, jetzt gegen den Wind. Keine Zeit, an Seuchen und Notstand zu denken – der nächste Rossmann/Tankplatz ist in Weilmünster, eine Stunde entfernt.

Die Straßen sind frei und Konkurrenten auf 4 und 2 Rädern erfreulich abwesend, auch wenn es der mit Abstand schönste und windstillste Samstag des Jahres ist. Vielleicht hat man andere Sorgen, vielleicht liegt es an der nunmehr geschlossenen Bühne und der unsicheren Versorgung in den Tälern. Ungewöhnliche Zeiten und gottschön.

ba4Auffällig die Häufigkeit alter Nutzfahrzeuge, hier ein Unimog; eine über 60 jahre alte Konstruktion, die möglicherweise viele Milleniumsgeräte übereleben wird. Als das Schmiedehandwerk noch weiterhalf und Halbachsen ewig hielten.

Man kann das wunderbar weiterdichten, nicht als Retroverklärung, sondern als harten, technischen Minimalismus. Genau wie die 6 Ritzel an meinem Hinterrad, die fast unzerstörbar scheinen und mich auch heute wieder über 150km vorwärtstreiben. Überleben und weiterfahren, darum geht’s

as2Wie schön, daß ihr nicht da seid. Nur einzelne Wanderer verlassen die Hauptwege.Auf geht es und wieder hinunter, bis die Kräfte schwinden. Wieder und wieder, jedesmal neu den Rhythmus wechseln und von oben hinunter.  Eine Frühlingssonate , gleich beginnt ihr letzter Satz.

ba5Wie nach der Schule stehen wir an einer Straßenecke und reden über dies und das in der Nachmitagssonne, bevor sich unsere Wege trennen. Ein schwarzes Auto mit foliertem Spruchband auf der Scheibe hält und läßt die elektrischen Fenster hinunter. Der junge Mann darin fragt uns:

„Seid ihr noch gesund? “ . . . .  . Wir wünschen es ihm gleichfalls, auch wenns nicht leichtfiel. Gleich geht die Sonne unter, gleich kommt mir die Kawasaki entgegen.Aber bis dahin sind es noch zwei oder drei Rampen.

 

 

 

 

 

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2 Antworten zu In den Sonnenuntergang reiten

  1. mark793 schreibt:

    Das Koga mit der Chromgabel, die vorösterliche Vegetation, da kommen Erinnerungen hoch an schöne Touren in angenehmer Gesellschaft.

  2. crispsanders schreibt:

    Let the good times roll .

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