Sociale Distance im Westerwald

ab2Soziale Distanz ist zum Schlagwort der Pandemie geworden. Vor Tankstellen und Geschäften bitten Schilder um min. 1m50 Abstand. Auf den grünen Höhen meiner Umgebung fühlt sich diese Aufforderung weltfremd an: Menschen kann ich gerade einmal mit dem Fernglas entdecken, wenn sie ihren Traktor wenden.

ab4Hier ist  Hochsaison. Eggen, Düngen, Säen und  – leider –  schon diverse Gifte aufbringen. Am dritten Wochenende infolge ein strahlend blauer Frühlingstag, wegen der nächtlichen Kälte bis minus 5 geht es mit der Blüte nur in Zeitlupe voran;  was den Genuß verlängert . Die weißen Schaumperlen am Wegrand changieren wie perlmutt.

ab5Wie ich Räder wechsle, wechsle ich die Richtung der Ausritte. Heute drehe ich allein eine Schleife nordwärts, um nach einigen Höhenzügen über das Sayntal zum Rhein vorzudringen: also Kurs WestNordWest. In den ersten zwei Stunden, während ich langsam die üppig bedüngten grünen Wellen um Meudt oder Hahn am See nehme, werde ich die kleine Landstraße zuverlässig für mich haben.

ab1Was man in den Dörfern sieht: Autowaschungen, Zeitungsaustragen, Kinder auf miniaturisierten Plastiktraktoren. Alles ist absolut friedlich.

ab22Am Horizont die nächste Steigung, ein alter Herbstbekannter . An solchen Steigungen kann man schön Belastungstests machen. Dafür eine Pulsuhr, die auch realistische Werte anzeigt. „Solange ich 170 erreiche, brauche ich kein E-Bike“, zitiere ich aus dem Gedächtnis unsere Motorsport-Legende Walter Röhrl, der nebenher passionierter Radsportler ist.

Diesen Satz als Blechschild über den Eingang vom Radladen nageln.

ab31Vereine für Sociale Distance dürfte es sehr bald  – nach Corona –  mehr geben, als uns vielleicht lieb ist. Hier oben der mahnende Rest eines Prototypen, Burgfried Hartenfels. Sie nannten es Feudalismus.

Vielleicht kennen manche Europäer den Indischen Multiunternehmer Tata, unter anderem betreibt der Mischkonzern neben Stahl und Automobilindustrie auch Dienstleistungsgesellschaften –  Super- Callcenter. Anfang des Jahres hörte ich, daß es da spezielle Formen für intelligente, repetitive Arbeiten gebe, die als Zuarbeiter des Finanzsektors dienen. Tata und Outsourcing: da sind neue Türme in Sicht.

ab21Ganz wie einst das Auslagern der unschönen Beschäftigungen an Subunternehmer erfolgte (Erinnerung an den historischen Roman „Ganz Unten – G. Wallraff“), wird das also verstärkt für abstraktere und komplexere Leistungen weltweit geschehen.Die Kosten dafür sinken rapide.

Soziale Distanzierung von Dienstleistungen ist  – vom Sozialstaat europäischer Prägung betrachtet- die nächste Stufe der unkontrollierten Erosion. Post Corona steht für den Anfang eines gewaltigen, neuen Experiments, das mit dem Wegzug der verarmten Landbevölkerung in die Reviere irgendwann begann.

Das e-learning der Schulkinder als ein Vorgeschmack für die Arbeitswelt der Eltern.

ab6Ich widme mich den vitalen Überresten. Den einsamen Männern auf ihren Traktoren, den hidden Champions und lokalen Erfindern des Überlebens in der sozialen Distanz.

Den Ort Herschbach gibt es im Westerwald zweimal (mindestens). Gleich komme ich an den Größeren von Beiden, den mit der schönen Kirche und dem stattlichen Bau, Kloster Marienheim. Es gehört(e) dem Bistum Limburg und beherbergte seit 1880 einen Orden, den Dernbacher Schwestern. Solche Orden der Armenfürsorge rekrutierten sich aus unverheirateten Töchter des Landes. Die Gründerin, Katharina Kasper, wurde vor zwei jahren heilig gesprochen, während ihr Orden nur noch eine Handvoll Schwestern zählte.  Was auf das Bistum ein schönes Licht wirft,  ist für den Orden möglicherweise ein letztes Feuerwerk, bevor er erlischt. Doch was tun mit leerstehenden Immobilien ?

akla marienheim herschbach

Abreißen. Vor zwei Monaten sah ich noch die entkernte Silhouette – nichtsahnend. Was wird aus karitativen Orden, die sich der sozialen Fürsorge verschrieben hatten? Eine Statue haben sie geborgen, die Fenster auch. Das Innere intakt  – aber halt nicht mehr „zeitgemäß“; keine Aufzüge, sanitäre Einrichtungen nicht pflegekonform. Wirtschaftlich ungeeignet. jetzt wird es ein Wohnpark, eine Seniorenresidenz, für die 4,4% Rendite ausgelobt werden. So stehts am Schild. Was tun, wenn keiner mehr an 4,4% glaubt?

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Und so ist es heute – über Jahrhunderte stand dort vormals eine Burg, nach der noch die Straße benannt ist. Etwas weiter der Ortskern, es gibt eine Bibliothek, Schule und Kindergarten; Autobahnauffahrt in 11km Entfernung.  Dahinter die B413 und ein Gewerbegebiet.

ac2Die Kirche war ein später Auftrag des Fürstbischofs von Trier, bevor die Revolution kam. Es soll eine sehr schöne Orgel darin erhalten sein. Was tun mit Kirchen, an die keiner mehr glaubt? Eintritt verlangen?

Ich muß den Pessimismus bekämpfen, den Zweifeln entkommen –  weiter nach Westen, auf ins Sayntal.

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Das Sayntal ist einer der schönsten Wege, um den Westerwald mit dem Rhein zu verbinden. Es geht kurvig durch Auen, immer ganz sanft bergab und zwischendurch mit kleinen Wellen hinauf. Ein Eldorado der socialen distancierung zu Rade. 20 Minuten werde ich den Vorfahren folgen – im gemessenen Abstand. Zwischen der kleinen Stadt Selters und dem Etappenziel Bendorf sind es fast 30km. Es gibt nichts schöneres für einen Radfahrer, als hier in den Unterlenker zu gehen und seinesgleichen zu folgen, während immer neue entgegenkommen und grüßen.

Sie haben mich vorhin schon bemerkt, als ich an einem Kreisverkehr seitlich  in Sichtkontakt kam.  Der Große tritt einen schweren Gang, der Kleinere duckt sich im Windschatten, flüssig kurbelnd . Aufforderung untereinander zur Ablöse. Ich halte meinen Takt auch an Zwischenwellen und schon schrumpft der Abstand.  Der Große ist wirklich kein Leichtgewicht, ohne Tritt rollt er bergab schneller als sein strampelnder Windschatten. Jetzt übernimmt er. Alter Abstand wieder da. So geht es Kilometer um Kilometer. Ganz langsam knabbern. Sie haben 10 oder 11 Ritzel , ich nur 6. Mit dem Vierten habe ich einen flüssigen Tritt, der Rest ist Overdrive.

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Und dann, kurz vor der Kreuzung in Isenburg, trennen sich unsere Wege. Jetzt noch ein paar Kilometer bis Bendorf, Unterlenker und full-out. Das Peugeot schnurrt unter mir, die Position ist gut, der nächste Radpilot kommt in Sicht.  – Sayn.

ad01Eine halbe Stunde später verlasse ich wieder die bewährte Tankstelle am Bendorfer Kreisel. Es ist beinahe alle wie immer. Jugendliche vor gewaschenem Lack, tiefe Frequenzen hinter den Autoscheiben, Vollgas am Kreisverkehr.

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Zurück in die Wälder am 4.04.2020

 

 

 

 

 

 

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2 Antworten zu Sociale Distance im Westerwald

  1. mark793 schreibt:

    In der vergleichsweise menschenleeren Gegend ist social distancing leicht zu bewerkstelligen. Hier war es am Wochende auf den üblichen Wegen wieder so voll, dass meine Liebste Sorge hatte, sich dem auszusetzen. Ich habe dann eine Ausweichroute durchs Neusser Hafengebiet ausbaldowert. Aber selbst dort waren wir nicht völlig alleine unterwegs.

  2. crispsanders schreibt:

    Die verständliche Sehnsucht nach kleinen, grünen Wegen und blauer Frühlingsluft. Außer Berlin gab es eigentlich keine Deutsche Stadt mehr, aus der man schnell „draußen war“. Tempi Passati.

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