Raiffeisen über Land

ae5Als beim Nachpumpen der Plastikkopf meiner Rahmenpumpe (Germany) zersprang, war klar: der Flicken mußte jetzt halten. Mit der B8 lag die Gefahrenquelle für Reifen hinter mir. Ich kehre ihr den Rücken, habe auch genug gesehen.

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Auch wenn die alte Handelsstraße noch hier und da ihre pittoresken Seiten hat, ist das lange graue Band eine eher eintönige und laute Angelegenheit. Die sorgfältig aufgebrachten Randstreifen bringen kaum Abwechslung.

Ich bin dann abgebogen, um das Enik in Täler zu stürzen, in neue, unbekannte Täler südlich der B8 und wurde nicht enttäuscht. Es stimmt einfach – das Interessante  liegt ausserhalb der ausgetretenen Pfade.

ah2Es sind hier verwinkelte, laubwaldige Täler, die Vegetation eine Spur üppiger als im hohen Westerwald und eindeutig lieblicher. Die Kühe hier müssen zu den Glücklichsten gehören. Ungestört werden sie von morgens bis abends ihr Gras kauen und vielleicht ein paar Radfahrer sehen, bevor es zurück in den Stall geht. Nichts wissen sie von den endlosen, windigen Flächen weit oben im Norden und den riesenhaften Stallungen, wo Hundertschaften ihrer Artgenosssen alltäglich einkehren an die Melkstände.

Hier sind die Wiesen und Weiden oft noch kleine Parkanlagen, keine Grassteppen.

am6Unterwegs irgendwo zwischen Flammersfeld, Seelbach und Niederwambach um  – nach vielen kleinen Anstiegen –  Puderbach zu streifen. Von diesem Westpol dann allmählich südostwärts hinauf, Stufe um Stufe ins Innere des Westerwalds zurück. Dabei werde ich nicht nur in aller Einsamkeit meine Kräfte vergeuden, sondern den Schauplatz einer kleinen Sozialrevolution durchfahren.

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Neben den Kirchtürmen ist es das Land der kleinen Trafotürme, die sich beharrlich dem Fortschritt entgegenstellen. Sie segnen die Anstiege, markieren strategische Punkte der Versorgung.

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Allein und ungestört durchquere ich Baustellen auf schmalen Reifen, hinter Seelbach, bin einmal König der Erstbefahrung (kein strava) und genieße die tiefe Ruhe der Laubdächer, die erst von der nächsten größeren Straße unterbrochen wird, die Landstraße von Weyerbusch nach Neuwied.

Und das ist die Raiffeisenstraße, eine der ersten Taten des preußischen Beamten Friedrich Wilhelm Raiffeisen, der in Flammersfeld um 1850 Bürgermeister war. Drei Dinge tat dieser Mann. Er schuf Straßen, wo vorher nur lehmige Wege existierten, setzte bei den kaum alphabetisierten Familien des Landes die Schulpflicht durch und gründete die erste Genossenschaftsbank der Welt.

ak11Raiffeisen war zwar ein rechtschaffener und frommer Mann, seinen Erfolg verdankt er  der preußischen Herrschaft, die sich in der Gegend etablierte. Nach den Wirren und Lehren der napoleonischen Kriege hatte sich der neue Landesherr Preußen für die Organisation der neuen Rheinprovinz (ab 1822) einiges vorgenommen.

af2Programme zur Modernisierung der Infrastruktur ließen Beamten wie Raiffeisen großen Spielraum. Verkehrswege waren eine Aufgabe, Bildung keine geringere. Auch weil er ansehen mußte, wie Kleinbauern von Zinswuscherern in die Schuldknechtschaft getrieben wurden, sorgte er sich intensiv – also persönlich-  um Bildung. Doch die realgeteilten Höfe kamen schnell ans Existenzminimum und im Kältewinter 1849 (eine Klimakatastrophe avant la lettre) gründete er die ersten Brodvereine. Aus diesen entwickelte sich das volkskapitalistische Modell der Genossenschaftsbank, die heute noch seinen Namen trägt.

am4Straßen und Denkmäler, überall sein Name. Der Kapitalist der Selbstlosigkeit ist in den kleinen Dörfern unvergessen, – vielleicht ist er uns näher, als man denkt.

am7Ein Schlüssel zu dieser Zeit sind Photographien von August Sander: er dokumentiert eben die Menschen, die Raiffeisen ihr Brot verdanken. Denn es sind die Kinder, die er 1850 vor dem Elend rettet. Der unscheinbare Keim einer stillen sozialen Revolution.

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50km und viele hundert Höhenmeter später: wieder im hohen Westerwald, Ausblick über Hartenfels auf die Horizontlinie. Mit dem kleinen Zeiss Glas erkenne ich das Siebengebirge und die Ausläufer des Hunsrück hinter Koblenz. Blick zurück auf die Rheinprovinz. Von Westen kommend, stoßre ich in ein paar hundert Metern wieder auf die B8, der Kreis schließt sich.

Braves Enik, guter Flicken, die Luft hat gehalten, nun ist der Magen leer. Für das letzte dutzend Kilometer brauche ich dringend Stoff. Gleich um die Ecke gibt es eine gut sortierte Tankstelle. In der Krise hat die Provinz Reserven.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Eine Antwort zu Raiffeisen über Land

  1. randonneurdidier schreibt:

    Nun weiß ich wieder etwas mehr über die angrenzenden Gebiete zu meiner alten Heimat. Dort Raiffeisen, hier James Hobrecht. Hinschauen lohnt sich immer. All the best Dietmar

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