20 Jahre danach – ein Streiflicht

Die kleine Eisdiele am Bahnhof Weinheim markiert das Ende der Fahrt in den Odenwald. Im Sicherheitsabstand stehen wir an und warten auf den Zug, der mich das flache Stück nach Frankfurt bringen wird.

ba1

Leider wird noch kein Espresso ausgeschenkt, nur Eis darf man mitnehmen, das Regelwerk der Lockerung ist vertrackt, jedes Bundesland hat seine eigenen.  Wir haben das Ried durchquert und in Heppenheim den Odenwald angegriffen. Bei guter Gesellschaft macht das auch mit feuchtkühlem Wetter Spaß.

ca2Kurz vor Weinheim streiften wir eine Industrieruine, die bisher keine Investoren glücklich machen konnte.  Sie träumt ihren Dornröschenschlaf weiter.

Nun bringt der Regionalzug mich über Darmstadt nach Norden. Das Abteil ist kaum besetzt, es ist leicht, Abstand zu halten. Alle sitzen mit Masken in den Polstern und hören das helle Sirren der Gleise. Ich döse, ein wenig müde und zufrieden wie ein Baby. Für mein System ist Eis Bertolini ist relevant.

ba2Es ist leicht, das nahende Frankfurt zu erkennen: die Gebäude an der Bahnlinie rücken immer dichter aneinander, verlieren Charakter und die Vegetation verschwindet. Nach kaum einer Stunde Fahrt durchquere ich den immensen Hauptbahnhof und schwinge mich zurück in den Sattel. Um heimzukehren, bleiben mehr als drei Stunden Tageslicht.

ba3

Bald lasse ich das Zentrum hinter mir, durchquere das Epizentrum, immer geradeaus, immer weiter unter Brücken hindurch, im munteren Wechsel von Radweg und Straße quäle ich meine schmalen Reifen;  nach Westen zur Konstabler Wache hinaus, dort ein Imbiß mit aktivem Alkoholausschank, vermutlich Anfang 20tes Jhdt.

b6Nun wieder Siedlungen und ihre Kriegsschauplätze: Straßen, Kreuzungen, Bahnübergänge . Die alte Schranke mag noch aus den 1950ern gestammt haben, heute, drei Menschenleben später wird man handeln.

ba5

Weiter Richtung Höchst. nach flachbautigen Siedlungen südlich der Bahnlinie kommen ältere Häuser, dann der Stadtkern, eine Mischung aus Gründerzeit und solider Nachkriegsbebauung. Ein geschlossenes Stadtbild.

am9Danach geht es mehrere Kilometer an einer langen Mauer vorbei.

Die Mauer gehört zum Industriepark Höchst. Hinter ihr verbirgt sich nichts anders als der Rest des dritten Chemiegiganten der Bundesrepublick –  der Hoechst AG.

b2Es mag uns vorkommen, als sei es schon lange her, aber 20 Jahre sind nicht unbedingt eine Ewigkeit. Zeit genug um zu vergessen, daß „da mal etwas war“. Hoechst war nach Bayer und BASF die dritte Säule der chemisch-pharmazeutischen Industrie in Deutschland.

Die Geschichte beginnt um 1860 – noch vor Reichsgründung  – und geht bis 1999.

b3Wem Wirtschaftsgeschichte zu langweilig ist, der kann zum Ende des Blogs auf das schöne Schlußbild hinunterscrollen. Mich haben diese flachen und ereignislosen zehn Kilometer um die Werksanlagen so schnell nicht losgelassen.

Es soll nicht alles ausgebreitet sein, was die Wikipedia gut und ausführlich darlegt, sie liefern Details – mich interessiert die Geschichte als Muster .  Hoechst begann gleich in seinem ersten Jahrzehnt als globales Unternehmen. Farbstoffe waren ein international begehrtes Gut und wer die Farbe rot synthetisieren konnte, der hatte mit einem Schlag einen weltweiten Markt zu bedienen. Von Beginn an handeln Chemieunternehmen weltweit in economies of scales, als die Luftfahrt noch eine Spielwiese von Tüftlern und Hasardeuren ist.

Zur Produktion einheitlicher, synthetischer Güter gilt das Gesetz des Wachstums. Dafür müssen Produktionsanlagen erweitert, angekauft  und aufgestockt werden. Die Firma wächst physisch zur eigenen Stadt heran. Wenn das nicht reicht, geht es zu wie im Fischteich: mögen sie noch so solide wirtschaften, kapitalschwächere Konkurrenten werden geschluckt, bevor es ein anderer tut. Es ist kein Raubtiergesetz , es ist einfach das Gesetz der größeren Zahl, die Präambel der Globalisierung.

So wächst die Hoechst am Main über zwei Weltkriege,  mit Unterbrechungen , aber sie wächst. So wichtig war sie für die Welt, daß  das immense Werk von Bombentreffern im zweiten Krieg verschont bleibt, während das alte Frankfurt in Schutt und Asche gelegt wurde.

ba6Zuerst war dort die Stadt, die der Firma den Namen gab. Anders als mitten in Frankfurt, herrscht buntes Treiben, Leben auf der Straße. Viele Geschäfte tragen neue Schilder, auf arabisch, türkisch oder deutsch. Die Kulturfolger richten sich ein und schaffen einen neuen Alltag, nachdem alte Besitzer in Höchst keine geschäftliche Zukunft  mehr sahen. Warenhauskonzerne verschwinden, Sandburgen zerfallen.

ca4Der letzte Vorstandschef der damaligen Höchst, Jürgen Dormann, war zugleich auch erster Nicht-Chemiker, also nicht-Ingenieur,  an der Spitze des Chemieunternehmens. Es war der Blick des Kaufmanns, der sein Handeln bestimmte. Und 1994 ist Deutschand noch ein ganz anderes Land. Die Auflösung des Ostblocks hat begonnen die gesamte Welt zu verändern. Die Kosten der Wiedervereinigung -Sorgenfalte der Politik – waren auf diesem Schachbrett irrelevante Größen. Bei Grundstoffen und Pharamzeutika geht es immer schon um das große Spiel. Und für das weltweite Bestehen darin ist eine kritische Masse notwendig.

Das Grundproblem von Höchst war Größe und Struktur. Von den großen drei Unternehmen der IG Farben (aufgelöst 1951) war sie der Junior und blibe es auch. Darum versuchte Dormann zunächst durch Fusionen mit französischen Chemieunternehmen das notwendige Kampfgewicht zu erreichen. Es war vorgezeichnet, daß eine solche Kooperation unter Gleichen nicht mehr die stolze alte Hoechst sein konnte, von dem ein Haus am Berliner Hardenbergplatz immer noch kündet.

ca5Ich erinnere mich an eine Woge des Unverständisses als die traditionsreiche, durch eigene Erfindungen, Patente und Leistung gewachsene Struktur so schnell zur Disposition gestellt wurde. Die Öffnung allein war eine Identitätskrise , nur wenigen war bewußt, daß man ein Scheinriese war.

Was in Jahrzehnten gewachsen war, sollte keinen Bestandswert haben. Dormann war kein Sympathieträger, auch wenn ich mich gut an ein langes Interview im FAZ Magazin erinnere. Allerdings zeigt Wikipedia schön, welch komplexes Geflecht an Abteilungen, Bereichen, Direktionen und Produkten diese alte Hoechst war. Ein solches Schiff zu lenken, ist eine Kunst für sich: und als Dormann wohl begriff, daß seine Wachstumspolitik nicht die angestrebte kritische Masse erreichen würde, wechselte er die Strategie.

ca1Das Unternehmen, dem er seit 1963 angehörte, wurde zerlegt, aufgespalten, umbenannt. Demerger heißt das Wort. Die vielen Kilometer lange Mauer des kleinen Imperiums blieben, ganz wie die Mauern, die alte Domänen französischer Könige umgeben.

Wie immer man Tradition und historisches Wachstum schätzt. In der Welt globaler Unternehmen ist diese am Ende ebenso synthetisch, wie der rote Farbstoff, der die Tradition begründet hat. Unternehmen sind am Ende auf Gewinn ausgerichtete Zweckgemeinschaften, auch wenn sie nach hundert Jahren einen anderen Anschein erwecken können. Soviel Genie, Aufopferung und Leidenschaft, soviel Selbstlosigkeit dahinter stecken mag, das Überleben erwächst allein aus dem zählbaren Erfolg. Den würde es in der alten Unternehmensform bald nicht mehr geben – das wußte ein Rechner wie Dormann genau.

b5Bei allen Fehlentscheidungen gibt die Geschichte spätestens jetzt Dormann recht. Diese Krise werden wirklich nur die Großen überleben und selbst dafür gibt es keine Garantie.

Dormanns Entscheidung hat Hoechst das Schicksal englischer Industriemetropolen erspart, das lange Siechtum eines alten Elefanten, gestützt von alter Glorie und politischem Kalkül.  Er hat ein Überleben auf reellem Niveau ermöglicht, bei dem sich mehrere Unternehmen der für sich erforderlichen Anlagen und Verfahren bedienen, solange sie global bestehen können. Die alte Hoechst hätte das nicht gekonnt, ein Bristol oder Liverpool am Main wurde verhindert.

Es gibt nie ein zurück in alte Zeiten – hier ist es sichtbar . Hoechst ist keine alte Geschichte, sondern ein Muster für die Gesetze des Wandels zur Vermeidung des Untergangs. Die Queen Elisabeth, die United States, die France – all diese Kunstwerke des Schiffbaus sind mit dem Schweißbrenner aufgetrennt, zerlegt und neu eingeschmolzen worden. Autobauer – noch könnt ihr eure Schlüsse selber ziehen .

„Was bleibt aber stiften die Dichter..“(F.H.)

b7Hoechst liegt hinter mir , die Wiesen, Erdbeerfelder und der Taunus vor mir. In zweieinhalb Stunden geht die Sonne unter, die jetzt den feuchten Asphalt wärmt. Die Straßen duften, ein letzter Espresso mit viel Zucker wärmt die Seele, meine Kraft wird reichen.

bi1Ein wunderbarer Abend hat begonnen. Die Rückkehr ins Idyll. Die Kastanien blühen stolz, hinter Eppstein kommt der Anstieg. Die Ausläufer des Maintaunus werden an ihrer niedrigsten Stelle überwunden, danach geht es zurück in den goldenen Grund. Das Strobl ist eine scharfe Maschine auf den 23er „one“ Reifen, agil aber nicht unruhig, mit einer Überhöhung an der Grenze meiner Möglichkeiten: umsonst ist nichts zu haben.

catrocken rasten die Schalthebel der frühen dura ace ein – so schnell werden sie sich nicht verstellen.

ba9Heftrich markiert den Punkt ab dem es schnittig abwärts rollt, der wichtige Moment einer Fahrt, wenn klar wird, das alles gut gelingt. Der Kreis ist wieder geschlossen, wieder war es anders als geplant. Jede Wiederholung lohnt.

 

 

 

 

 

 

 

 

Dieser Beitrag wurde unter Übers Land, Mehr Licht, Spleen & Ideal abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Antworten zu 20 Jahre danach – ein Streiflicht

  1. Twobeers schreibt:

    Ich empfehle „Das wirkliche blau“ ….

    Viele Grüße

    Twobeers

  2. crispsanders schreibt:

    Bitte mehr verraten!

  3. mark793 schreibt:

    So gehen sie hin, die großen, traditionsreichen Namen, und unter austauschbaren Kunstbenamsungen à la Aventis, Novartis, Evonik und Arcandor kann sich immer noch keiner was drunter vorstellen. Bayer existiert noch, aber das große Bayer-Kreuz über dem Chempark Uerdingen wurde vor paar Jahren demontiert, weil nicht mehr allzuviel genuines Bayer-Geschäft am Standort stattfindet.

  4. crispsanders schreibt:

    vor lauter Retro Verklärung der Boomer Generation müssen wir aufpassen: der Umbau ist im vollem Gange, die sogenannte Macht des Faktischen hat nur vor denNamensgebilden der Parteien haltgemacht.
    Möchte beinahe sagen, daß Rüsselsheim nocheinmal Glück hatte. GM in der Finanzkrise 2009 war nicht zimperlich und wäre es jetzt noch weniger.
    Nur ein Beispiel

    • mark793 schreibt:

      Der Blick in die lange Geschichte der Traditionsunternehmen lehrt, dass diese uns bekannteren Einheiten ja auch oft durch Fusionen, Übernahmen und Umbaumaßnahmen entstanden sind. Insofern ist Veränderung die eigentliche Konstante, nicht Kontunuität. Ich hänge den alten Einheiten auch nicht nach, nur ist es halt oft so, dass teure Umbenamsungen Mittel und Energien binden, die anderswo nötiger wären, siehe Arcandor. Oft wird auch unterschätzt, wie schwer gewachsene Unternehmenskulturen in neue Strukturen zu überführen sind.

  5. crispsanders schreibt:

    Das Überführen scheint wohl die noch größere Kunst zu sein. Der Fall Dormann zeigt vielleicht, daß es auch einem Insider nicht immer möglich ist. Unserer Vorstellung ist es aber allgemein einfach angenehmer, wenn der gute alte Name bleibt, selbst wenn der Wandel unter dem Dach permanent ist. Auch lieben wir eigentlich immer noch die Vorstellung einer patriarchalischen Wurzel oder Gründerfigur – auch wenn solche nur in den Goldgräberzeiten neuer Geschäftsmodelle (Zuckerberg, Musk) die Geschicke „ihrer Leute“ lenken.
    Das Beharrungsvermögen großer, gewachsener Strukturen ist bekannt, Hilfe kommt fast immer von außen: sei es durch Schock, sei es durch neue Eigentümer…
    Der Fall Arcandor läßt sich dank der Memoiren von Middelhoff schön als Jahrmakrt der Eitelkeiten nachvollziehen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s