Claus Lauer Test – Space for the Papa

Gut Ding will  Weile haben. Das marineblaue Lauer mit dem diskreten Schriftzug wartet nun die ganze Pandemie über auf seine große Stunde. Erst waren es die Laufräder, die einfach strammer werden mußten, dann kam die Wahl der Kurbel.

a03Das Rad ist vollständig mit Teilen der Firma Suntour ausgestattet – Steuersatz und Lenker bilden die Ausnahme. Die sehr klassischen Cyclone Komponenten von 1984 verwenden jedoch als Kurbel eine alte Campagnolo Dimension, das kostet am Berg richtig Kraft.

a11Zur richtigen Kurbel mußte die passende Welle her. Japanisch auf japanisch passt, nach zwei Probefahrten lief alles rund, der Vatertag des Claus Lauer rückt näher.

a13Über das Rad selbst weiß ich wenig, außer das es in einem bekannten Radladen (intra) der Frankfurter Gegend stand, dessen Aufkleber  einst das Steuerrohr zierte. War es eine Kooperation mit Lauer, war es eine Einzelanfertigung ? Der Rahmen mißt 62cm Höhe, das Steuerrohr ist deutlich steiler als das Sattelrohr und sein Oberrohr mit 59cm recht lang. Ein Sportgerät, das meinen Körper auf die Probe stellen wird .

a04Jetzt ist die Sitzposition um einen Hauch gestreckter. Auch wenn der Vorbau nur 10cm mißt, muß ich mich auf dem Rad lang machen, bis der Blick korrekt auf die Vorderradnabe fällt. Aber eben nur etwas länger als auf einem Rahmen, der 2cm „kürzer“ wäre. Mal sehen, wie sich das in einigen Stunden anfühlt.

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Wenn das Heu gemacht ist, wird der Vatertag auch im Lauer-Land mit Wanderungen begangen. Junge und ältere Männer schließen sich zusammen, packen Flaschenbier ein und ziehen ins Grüne.  Mein beschwingter Ausflug findet dagegen (fast) ohne Alkohol statt, für dieses Rad muß ich alle Sinne beisammen haben.

Der körnige Asphalt nach Westerburg rollt unter den Michelin Reifen dahin, und jede Woche staune ich, wie stark das Blätterdach weiter zusammenwächst.

b1Im Vorbeifahren sehe ich mit Melancholie die Auslagen eines Schreibwarengeschäfts alter Schule. Wie schnell die Auslagen bleichen, manche scheinen ihre Farbe nicht eine Saison zu halten. Fast 40 Jahre ist dieses Lauer alt, einzweiter Frühling.

a2Auf dem großen Höhenzug eine alte S-Klasse für den Vatertag. Der Wind weht unbestimmt zwischen Nordwest und Nordost, macht keine allzugroße Mühe, schon kann ich den tiefen Unterlenker nutzen. Siehe da, die Kraft geht in die Pedale. Zeit genug, mich wieder an Schaltung und Gangwechssel zu gewöhnen; die alte Cyclone ist da sehr direkt, ganz kurzer Seilweg für die Ritzelwechsel – das muß genau passen.

a3In Hachenburg der traditionelle Stop zum Nachtanken und 1 für die Trikottasche. Die Cafémaschine wird nicht mit den schlechtesten Bohnen gefüttert.  Zeitschriften als Vorzeichen. Bei Digitalkameras war es anfangs ähnlich- bis es keine analogen Kameras mehr gab.

Dann lenkt ein kleiner, hellgrüner metallischer Fleck meine Aufmerksamkeit ab. Ein Insekt von hoher Leuchtkraft , gleich neben dem Cappucinobecher in der Sonne, Fasziniert beuge ich mich hinab und locke es auf meine Hand.

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Ein hübscher Rüsselkäfer, der gern auf Nesseln lebt.  Grün ist die Hoffnung. Nichts gegen Akkumulatoren mein Lieber, aber so weit ich das sehe sind sie weder sauber produziert, noch nachhaltig, noch fair gehandelt.

b4Jetzt  westwärts, Richtung Rhein; über Felder und durch Täler ducke ich mich in den Wind, Zwischenziel Puderbach. Nur als ich die B8 kurz shortcutte gibt es ein wenig Verkehr ,  gemäßigte Zündapp Zweitakt-Kolonnen kommen mir entgegen. Dann durch die Wälder, an torkelnden Vatertaglern vorbei. Das Rad gefällt – space for the papa.

Kleiner Bergtest in Puderbach, wo es es giftig steil hinaufgeht gelingt. Gang 1 sitzt im Wiegetritt, die Cyclone Hebel lassen sich gut packen. Wieder hinaus aufs offene Feld, die Gerste setzt an und wiegt sich. Gewerbegebiete künden die Nähe der A3 an .

b3In der Ferne erkenne ich das Siebengebirge und einen Förderturm, im Süden die bekannten Panoramen vom Köppel bei Montabaur und südöstlicher noch den Fernsehturm hinter Koblenz. Dort werde ich irgendwann sein,  gelbe Schilder sagen mir :Neuwied 25km .

25km gepflegte Deutsche Landstraße sind auf Dauer eintönig, so unterfordere ich die Maschine am Ende.

a5Also rechts ab, dorthin, wo unter mir nur Wald zu erkennen ist. Ich stürze mich ins Tal. Meine Landkarte, die in der hinteren Trikottasche steckt, hatte irgendwo da unten eine schöne Strecke versprochen. Schön gewunden und mit grünem Rand. Hier war ich noch nie, hier will ich einmal entlang.

Hinter Niederraden wird der Asphalt immer schmaler und endet ganz. Links muß es gehen. Da kommen auch Räder, die Passierbarkeit bestätigen. Ein wildes Tal in voller Pracht.

a6Das Aubachtal

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Nun gilt es für die Classic Reifen von Michelin: um das Rad mache ich mir wenig Sorgen, kein unten offenes Gehäuse, die Bremsen packen. Die Reifen werden halten.

a7Leicht abwärts rollt es flott, ich muß mich nur aufs Steuern konzentrieren, die wechselhaften Rinnen und den Gegenverkehr . Mal sind es Wanderer, mal Elektrobiker. Es geht hinab zu einer Talsperre in 8 Kilometern, ich gravele weiter. Bei trockenem Boden und festem Schotter ist es vom Fahren absolut kein Problem: eroica du Westerwald.

a8Je näher die Talsperre (Bierschwemme) kommt, desto dichter wird der Gegenverkehr. Ich lasse den gut besuchten Ort links liegen und empfehle ihn allen ,die wissen wollen, wie schön der Westerwald ist.

b6Auch nach dieser extreme graveling passage ist das Lauer sauber weitergerollt. Nachahmer willkommen.

Nun sitze ich in Koblenz bei meinem Leibgericht und fülle auf. Unvergleichlich aber der erste Schluck Bier. Ein halber Liter kommt gerade recht, im Rheintal –  Schwimmer, Angler, Radler Motorboote, ist es warm geworden.

b5Nach rund hundert Kilometern in gutem Tempo weiß ich: das Lauer paßt. Ich steige schmerzfrei ab, die Hände kribbeln nicht, der Nacken ist entspannt.

Nicht so schön ist, daß man solche extensiven Proberunden nicht bei Canyon nebenan drehen kann, aber das muß jeder selber wissen. Bei mir hat es Jahre gedauert, bis der Körper in dieser Position ausdauernd Leistung bringt. Tausende Stunden, bitte nicht vergessen.

b8Und so kann ich  nur staunen, wie Menschen , sich nach ein paar Mausklicks für ein Rad  entscheiden sollen. Oder nach einem „Testbericht“, meist in ein paar Stunden durchgeführt von einem jungen Enthusiasten. Räder, bei denen Vorbauten und Lenker kaum zu variieren sind. Erst so, wie es jetzt steht, ist das Rad von Claus Lauer mein Rad. Und nur, solange ich im Training bleibe. Weiter

b7Zum Finale. Die Sonne wärmt den Rücken, die Luft ist mild. Der Holunder steht überall in Fülle, erste Robinien dazu. Zusammen riechen sie beinah nach Lakritze.

b9Auf diesem Flachstück entlang der Lahn werde ich ihm richtig die Sporen geben. Erst wenn ich eine Zeitlang auf einer Übersetzung eine gute Kadenz gefahren bin, so daß der Tritt beinahe zu leicht vorkommt, erst dann lege ich ein kleineres Ritzel auf. Dann zieh ich durch, vergesse nicht, genau zu fühlen, wie lang man auf einem bestimmten Level halten kann.

a12Es rauscht dahin, das Rad ist ruhig , die Laufräder seidig, der Tag scheint endlos. Vor dem letzten Anstieg nochmal die kleine Tüte toppifrutti öffnen und den Zucker im Mund schmelzen lassen.

https://www.bikemap.net/de/r/create/#7.42/50.565/8.591100 Meilen Lauer  – space for the papa.

Bilanz

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Es gibt keine Testsieger. Es gibt auf diesem Niveau sehr viele gute Räder, an deren Details und an deren Verarbeitung man sich freuen kann. Entscheidend ist auf der Straße, entscheidend ist die eigene Form, die körperliche und sportliche Form. Claus Lauer hat ein Rad von sehr sportlicher Geometrie gebaut, sehr schlicht und sehr clean. Es ist eine Freude, damit an seine Grenzen zu gehen.

 

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2 Antworten zu Claus Lauer Test – Space for the Papa

  1. randonneurdidier schreibt:

    sehr feines, elegantes Teil, das Lauer! … Auch ich habe die Erfahrung gemacht beim Fahren mit meinem Basso und dem Colnago: diese Räder können Gravel auch auf relativ schmalen Pneus – wenn man es denn KANN und es auch WILL. Dann mit Genuss. keep on riding!

  2. crispsanders schreibt:

    Es darf halt nicht zu feucht sein, auf weichem Morast sind die Reifchen hilflos.

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