In den alten Westen

Kaum kehrt man dem kleinen Meerbuscher Ortskern den Rücken zu, kommen schon die  Felder. Noch eine letzte Reihe wohlgeordneter Häuser, dann führt eine Allee von schlanken Pappeln ins Freie.

b12Mit gutem Wind nehme ich die letzten 50Kilometer nach Westen. In den Feldern durchzieht ein Netz von schmalen Wegen die Gemüseplantagen, am Horizont grüßen Fernsehtürme (so hießen sie damals) aus der großen Stadt. Jetzt aber eine Abfolge von kleineren und größeren Vorstädten, dicht an dicht kommen die Siedlungen.

b11Die Stadt hat weit um ihren Kern unsichtbare Zirkelmaße gezogen. Reihenhäuser und Siedlungsbauten aus fünf Jahrzehnten bilden mit ihren Varianten Schwerpunkte –  Kaarst, Büttgen oder Willich. Die große Zeit der Suburbanisiserung besichtigen. Wohnzeilen, Garagenzeilen.

In der angenehmen, späten Nachmittagssonne entfaltet sich das Setting der Stubennachbarn meiner Bundeswehrkompanie. Nach mehr als 30 Jahren verorte ich in den Außenbezirken Träume und Wünsche hinter Uniformen – einen großen kollektiven Motor.

Für anstrengende Übungen und Nachtwachen brachten sie Amphetamine oder Antidepressiva mit. Freitagmittags lagen die Nerven blank – das Wochenende und seine Abenteuer. Einer, Sievers,  verlängerte den Wehrdienst um in Holland bleiben zu können, wo die Ausbildungskompanie lag und die Unteroffiziere kifften. Auf der Fahrt zurück in die Kaserne starb er in seinem Renault Alpine. Die Lücke verstehen.

Mildes Licht fällt auf die Alleen, Hecken und Strauchgruppen, die der anonymen Architektur eine grüne Tarnung verleihen. Richtungspfeile, Kreuzungen – alles ist wohlgeordnet. Mit dem Merckx geht es mühelos hindurch, die Kette fällt präzise auf die Ritzel, ich stehle mich über fast leblose Landstraßen.

b2Die nächste Ausfallstraße ist nie weit, links in die Bürokomplexe, rechts wieder durch die Felder,  parkartig verträumt wirken die Passagen und beinahe dörflich ist es an der alten Bolten Brauerei. Korschenbroich Seele des Altbiers.

b22Aber kleine Kirchtürme und verstreute Gehöfte täuschen: noch ist der alte Westen nicht zuende, ländliches Intermezzo für das Finale der Industrie. Links vom Rhein ist industrielles Urland mit den Städten Rheydt und Mönchengladbach –  ein Ruhrrevier aus Baumwolle und Seide, über hundert Jahre lang.

b4Ich schneide Rheydt an. Rheydt ist lange schon Mönchengladbach einverleibt, ursprünglich aber eine ganz eigenständige Stadt, nicht zuletzt da calvinistisch . Hier an der Hochschule für Textil und Gewerbe wurde 1948 der Werkbund neu gegründet;

Die folgenden Jahrzehnte waren die letzte große Zeit für Webereien und Spinnereien, eine Stellung, die man sich den Nachbarn Mönchengladbach und Krefeld teilte. Die Krise der Textilindustrie war Anfang der 60er jahre eine der ersten industriellen Krisen Deutschlands, wenn nicht die Erste.

Niemand fährt hier spazieren, keiner läuft hier zum Vergnügen herum, ich bin allein unterwegs. In einer Erzählung beschreibt Siegfried Lenz, wie es morgens an endlosen Backsteinmauern in ein Werk geht . .

c1Diese Mauern, in deren Schatten ich entlanggleite gehören zu einem frühen industriellen Komplex. Schon erkenne ich einen Schornstein und die unvermeidliche Peitschenlampe, einem schlanken Wahrzeichen der Zeit, manche besaßen leicht rosig getönte Neonröhren.

c2

Wie oft kann  erst nachher die ganze Dimension der Anlage dank wikipeia erklärt werden. Es sind die Schorch Werke – ein Hersteller von Elektromotoren , ungefähr 1882 gegründet. vier Generationen. Heute prangt der Name Wolong auf dem Turm  –  der Atem der Geschichte.

Die Straßen Rheydts ähneln vielen Straßen deutscher Städte nach dem Krieg. Städte, in denen dicht an dicht wieder aufgebaut wurde. Kaum Bäume, schmale Gehwege, eine Fortsetzung des Ruhrgebiets – Rheydt, eine Fußnote vom alten Westen.

b3 Kaum Menschen, dagegen viele leere Schaufenster und aufgegebene Läden. Ob heute noch ein Bus kommt? Geschrei vom Gehweg, als ich die Straßenflucht belichte. Es ist keine Slum Situation, viel besser wirkt es aber nicht.

Feine Tuche, besonders die schwer zu verarbeitende Seide waren die Spezialität der Stadt. Weiter oben sind noch Villen der  Fabrikanten – schöne Dinge aus Rheydt.

b23Hier schauen fünf Passanten den Polizisten bei der Arbeit zu. Mit Maßband knien die Uniformierten in dunkelblauer Hose und hellblauem Hemd zwischen geparkten Autos, um einen Einparkunfall zu vermessen.  Ein ruhiger Samstagabend in der Stadt, die nun langsam nach den Gleisen austräufelt.

b5Dann die letzte Ausfallstraße und die neue Ökonomie. Das Material wechselt, die Gebäude gleichen sich. Es sind Logistikzentren, also Lagerplätze für Waren, fertige Produkte aus aller Welt sind der Silberstreif am Rande von Rheydt. The shape of things to come, der Anteil an Endprodukten nimmt zu.

Alleen für immer, weiter gegen die langsam absinkende Sonne, noch weiter nach Westen. So fällt der 200ste Kilometer leicht, wenn das Band der Straße duftend und wogend eingerahmt ist,  – my rare day in June.

Jetzt ein paar Straßendörfer, Gehwege mit Absenkung vor sorgfältig arrangierten Häusern. Eigenheime, Einfamilien, hier schläft man ruhiger und doch ist die Arbeit so nah. Der Sportplatz am Waldrand ist eingeebnet. Erinnerungen kommen auf, hier wohnte doch . . .Vorgärten aus Stein haben sich vermehrt, Unkraut wird daraus entfernt, ich grüße diskret.

c6Dann endlich der Wald, aus dem ich zu meinen ersten Abenteuern aufbrach – ich grüße den alten Weg. Für ein paar Minuten 15 sein. Doch keine Jets über mehr mir, Harrier, Lightning, Canberra, Pembroke, Phantom – RAF Wildenrath ist schon 25 Jahre geschlossen. Es geht alles sehr schnell vorbei.

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2 Antworten zu In den alten Westen

  1. mark793 schreibt:

    Es ist keine Slum Situation, viel besser wirkt es aber nicht.
    Ich weiß noch, wie erschrocken ich war, als ich das erste Mal nach MG kam. Mit Blick auf die unübersehbaren Folgen eines brutalen Strukturwandels sagte ich mir damals, der alte Westen ist der neue Osten.

  2. crispsanders schreibt:

    Vielleicht sollten wir uns allgemein Gedanken machen, nicht zum Endabnehmer überhaupt zu verkümmern. Das sind ja zuallererst politische Entscheidungen, – mal sehen, was die Ratspräsidentschaft so bringt und wieviel sachverstand dort waltet. Das Gerede von freien Marktkräften und Wettbewerb wird ja zur Zeit bestens ad absurdum geführt. man hört (gestern) daß man Miteigentümer einer Fluggesellschaft wird, und lässt sich umgehend die sozialen Kosten der Entlassungen aufbürden. Man liest, daß inzwischen Brücken auf den billigen Weltstahl warten müssen, um vollendet zu werden. Usw.
    Was wir dann als Augenzeugen sehen dürfen, ist die Notversorgung soziale Gerippe unter kommunaler Finanzhoheit.

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