Was sie einem Mann über 50 nicht sagen

„When do you plan to retire?“

„Retire?, retire from what?“ Duke Ellington

a5Duke Ellington war über 70 .

Auch Männer über dem 50sten Breitengrad lassen sich nicht gerne etwas vorschreiben, nach einem halben Jahrhundert auf diesem Planeten möchte man sich keine neuen Tricks beibringen lassen. Man ergraut in Ehren und fährt die Räder der alten Idole, weil es einfach nichts Besseres gibt. Nur anderen Silberrücken kommt das Recht zu, von Zeit zu Zeit gehört zu werden.

Andererseits sind Männer über 50 sehr gute Kunden, sie gehen jedem auf dem Leim, der ihnen suggeriert, im entsprechenden Trikot, mit der passenden Sonnenbrille und dem Rad dazu wieder 30 zu sein. Warum auch sonst gibt es einen schwunghaften Umsatz mit technischem Spielzeug jenseits aller Ökonomie? Wo sonst werden Unterschiede im Promillebereich als sensationeller Leistungsgewinn gefeiert ?  . . . .

a2Auf dem Ohr bin ich etwas taub  –   und sehe nur die wachsende Zahl an Ritzeln, die schwindende Zahl der Speichen und immergrüne Varianten technischen Dopings, die meinen Altersgenossen verkauft werden. Placebo ist wichtig, der Rest ist euer Geld.

Bei allen Widersprüchen; alle, die über den Zenit des Lebens sind werden hellhörig, wenn es um die eigene Form geht. Das Phantom, das wir alle jagen.

a6In dieser Saison 2020 herrschen besondere Umstände, nicht nur wegen Corona. Dabei hatte das Jahr so gut begonnen, mit einem nassen, windigen, aber sauber absolvierten 200km Ritt durchs Münsterland. Dann kamen Einschränkungen hier, kleine Krankheiten da – nichts großes: aber immer etwas, das den Körper aus der idealen Formkurve trug. Doch man fährt weiter und es geht auch. Es ist ein großer Frühling und ich fahre weiter wie immer, trotz ein paar Seitenhieben.  Nicht ganz.

Die großen Landmarken fehlen. Der 400er, der 600er, Ereignisse, an denen man schonungslos erkennt ob man sich nur gut fühlt oder auch gut ist. Ein Ziel des Jahres aber steht fest: Berlin-Wien im August –  600km ohne Rückfahrticket. Es geht nicht ums  überstehen sondern gutes Gelingen, inklusive Inveloveritas. Alles eine Frage der Form.

a9Am vergangenen Wochenende bin ich es anders angegangen.  An zwei Tagen hintereinander 5 Stunden fahren:   Zwei trockene und warme Tage: einmal mit vielen Höhenmetern, einmal mit weniger. Viel trinken, wenig essen, konstant schnell sein. Es war der Gedanke eines Spezialisten. Der Mann heißt Joe Friel.

Das ist der Trainingsflüsterer für Männer über 50. No nonsense, auch wenn er sich als Tria -Man zuerst an Triathleten richtet. Kein placebo, keine buzzwords, nur körperliche Leistung zählt. Eine Trainingsbibel trägt seinen Namen, seit zwei Jahren liegt das Ü50 Buch vor.

a11Was Joe Friel Gleichaltrigen zu sagen hat, stammt aus seiner Erfahrung als alternder Wettkämpfer. Seine Ehrlichkeit  hilft anderen, sich nicht selbst zu belügen. Und was er sagt ist unangenehm: wir werden nicht besser , schneller und stärker, sondern nur älter und schwächer. Es kommt aber darauf an, so langsam wie möglich alt zu werden. Dafür sind wir verantwortlich, daran können wir ein wenig ändern – wenn wir wollen. Ein erster Trost.

Mich haben weniger die ausgetüftelten Trainingspläne interessiert oder die Vorbereitungstechniken auf bestimmte Wettkämpfe. da mag sich jeder auf seine Art, nach seinen Zielen  vertiefen. Interessanter fand ich das Grundverständnis für Leistungsfähigkeit. Die Bedingungen, die Voraussetzungen, um wenigstens gut in Form zu bleiben. Summe: gutes Training ist jenseits der 50 (noch) wichtiger als davor.

a3Unsere Physiologie belohnt uns langsamer und bestraft uns viel schneller. Es bestraft die Nachlässigkeit und die kleinen Mogeleien, das ist so. Friel schickt uns nicht auf radikalen Entzug, er ist kein asketischer Prediger, er warnt nur, daß jeder Schritt zurück mit dreien nach vorn kompensiert werden muß . In allen Bereichen –  das setting für Radsportler beschreibt er so:.

Der alternde Sportler fährt keine Rennen mehr. Vielleicht braucht er diese Herausforderung nicht mehr, vielleicht hat er keine Gelegenheit dazu. Die Ausweichsstrategie ist oft die lange Distanz. Also lieber weit und lang fahren, dafür aber nicht so schnell. Hat man unter Randonneuren auch öfter gehört. Für manche eine Möglichkeit, Sport bei geringer kompetitiver Veranlagung zu treiben. Aber Ziele erreicht man damit immer weniger und immer schwerer, denn auch bei großen Umfängen und langen Strecken trainiert man ab.

Wozu sich noch schinden, wir wollen doch nichts (mehr) gewinnen? . . .  ein wenig dachte ich auch so.

DSCF1800Nach Friel hat diese Einstellung folgenden Haken: wer nur immer weitere Entfernungen sucht, möglichst ohne Anstrengung, wird dafür immer länger brauchen. Der Körper, der nicht mehr extrem gefordert wird , regelt seine Systeme nach unten.

Je älter er wird, desto schneller wird er langsam – wenn er nichts dagegen unternimmt. Denn die bittere Wahrheit lautet: ohne starke Reize, ohne Höchstbelastung ist das Ergebnis Muskelschwund, Rückbau der Herz-Lungen Kapazität.  Es gibt keine Wahl. Mindestens zweimal in der Woche sollte der alternde Athlet Maximalreize setzen: am Berg oder als Sprint, ganz gleich. Das gute alte Intervalltraining ist dazu das Mittel der Wahl, aber die Hauptsache bleibt, um Walter Röhrl zu zitieren:

„Solange mein Puls auf 170 kommt, gebe ich nicht auf.“ (2020!) .

Der Mann über 50 hat es vernommen, jetzt muß er verstehen und handeln. Es sind unangehnehme Wahrheiten, die mit Material und Technik nichts mehr zu tun haben, dies sind absolute Marginalien die man sich leisten kann oder auch nicht. Entscheidend ist die Persönlichkeit des Sportlers; die Selbstdisziplin, das permanente Fordern.

Besser also kürzere Strecken mit einer höheren Intensität bewältigen, in jedem Fall aber mit Intensivreizen zu arbeiten.  Abwechslung und Intensität und ein gesundes Leben,  das wird die Summe sein. Gerade jene Methoden, die man im Grunde für Wettkampfsportler anwendet, helfen am Ende, Leistung auf Dauer zu erhalten. Gediegene, selbstzufriedene Ruhe ist das nicht – es ist ungemütlich und darum sagen sie es einem auch nicht und preisen lieber den neu entwickelten Aero Helm oder gleich den Hilfsmotor.

Das ist in der Summe nicht eben angenehm und oft habe ich mich gefragt, warum man so selten davon in der Fachpresse oder den Fachportalen oder den F#Gruppen liest. Vermutlich weil es unangenehm ist. Wahrscheinlich, weil es auch mal gar keinen Spaß macht, sich gegen den Schweinehund zu entscheiden. Mühsal ist kein Narrativ.

a4Aber sie lohnt sich, denn es  gilt das Gesetz ständiger Praxis. Handwerker und Musiker kennen es, der Franzose sagt hier „ne pas perdre la main.“ Kategorisch widerlegt es den Gedanken von Rente und Pensionierung , den plötzlichen Bruch mit der Übung, das Verlassen der Werkbank, die plötzliche Aufgabe dessen, was man kann und liebt.

Und genau das meinte eingangs der große Duke Ellington.

 

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3 Antworten zu Was sie einem Mann über 50 nicht sagen

  1. randonneurdidier schreibt:

    Wohl wahr, ohne Quälen bleibt der Alterssportler nicht auf einem guten Niveau. Intensivreize sind für Muskeln und Kreislauf wichtig im Alter. Gemütlichkeit wird mit Leistungsschwund bestraft. Allein: egal, wie konsequent man trainiert, das Alter ist unbarmherzig und man tut gut daran, jedes Jahr ein klein wenig weniger Power einfach zu akzeptieren und Frieden zu schließen mit dem, was noch machbar ist 👍💪😉

  2. crispsanders schreibt:

    Akzeptieren: unbedingt! Und weiterfahren – ganz in Deinem Sinne . . .

    • monnemer schreibt:

      Die Liebe zu Hobby oder Metier ist ein guter Antrieb.
      Die lässt dann auch zu, dass man diesen Frieden schließen kann, wenn die Kräfte schwinden.

      Ansonsten passt auch das Einstein-Zitat „Möglichkeiten liegen in der Mitte von Schwierigkeiten“ zum Thema. Natürlich schwer vorstellbar an den Wänden der Showrooms des Fachhandels.

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