Vor dem längsten Tag nach Heidelberg

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Die Wolken leuchten gelbrosig auf, der Himmel grundiert noch sanftblau. Es sind die Farben, die in der  französischen Klassik und bei italienischen Maineristen für Himmel bevorzugt werden. Noch einmal geht die Sonne unter um sich für den längsten Tag des jahres zu verabschieden. In einer Minute stelle ich mein Rad ab.

al4Etwas über 200km war ich mit dem Lauer unterwegs – auf seinen Michelin Classic mit heller Flanke, so wie die Mode es gern sieht. Eine Fahrt nach Heidelberg liegt hinter uns, ein Tag voller Sonne und frischer angenehmer Luft, ein Tag, wie er fürs Radfahren besser nicht sein kann.

al01Die Morgensonne taucht gerade hinter dem ersten Hügel auf und streift das Metall. Der Asphalt ist noch frisch,  Hecken und Sträucher verbreiten einen angenehmen, krautigen Geruch  -der Duft des kommenden Tages.

al3Durch einen eigenartigen Beugungseffekt um gibt ein halo den Körperschatten auf oder über dem reifenden Weizen. In zwei Stunden werde ich die Wiesen und Felder, die Bachtäler und großen Doldenblüten verlassen haben.

Ich reise über den den Rhein nach Süden, wie vor einem Monat.

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Es beginnt mit dem zweiten Idyll. Nach etwa 80km liegt der Strom majestätisch ruhig vor mir, die vollbeladenen Frachter unterqueren in gemessenem Abstand die Theodor Heusss Brücke. Mainz ist wie ein Gelenk, ein großes Gleisdreieck der Ströme. Der Wein verdrängt ab hier das Bier, mit Hefe wird gebacken, Zeit für die Tageszeitung.

Kaum stehe ich an der schönen Jet Tankstelle und blicke auf die Titelseite, sehe ich, wie die Zeit ihre Opfer fordert. Was mit dem Paradies der damen begann, dämmert , bröckelt  – der rost im Stahlbeton.

al6„Are you being served“ war eine ur-Englische Comedyserie, die in einem Kaufhaus  – möglicherweise Harrods – spielte. Dort trafen nicht nur die Abteilungen von Alltags- bis Luxuswaren aufeinander, sondern es diente gleichzeitig als wunderbare Bühne für das Aufeinandertreffen sozialer Parallelwelten, die sich im England vor der EU nie begegneten.

Eine kurze Episode des Weltkonsumismus geht zuende.

Stanislaw Lem hatte schon Mitte der 1960er, als Blöcke der alten Welt noch klar getrennt waren eine interessante Beobachtung gemacht: der Zustand des Planeteten werde immer gasförmiger, alles bewege sich untereinander und strebe zu einer gleichen Verteilung zu, der homöostase.

Warenwelten sind gasförmiger geworden: die Elektronen rasen an die Bestellportale, die elektronische Zahlung wird „treuhänderisch“ weitergeleitet und wie sehr große weiße Moleküle rasen Lieferwagen durch die Geflechte ihrer Navigationssysteme. Es gibt keinen Grund mehr, das Haus zu verlassen, wenn der Diener an die Tür klopft und das gekochte Ei serviert…

ab4Mein Kompaß steht auf Süd. Die Blüten sind vergangen, das Grün sprieß, als habe der Friseur der Natur geschlossen. Mein kleines Lauer- Molekül rollt schnell über die Weindörfer, die bald südlich von Mainz beginnen. Sie bilden einen grünen Teppich, der sich von der Rheinebene an die Höhen zieht. Die B9 habe ich längst verlassen und kreuze zickzack die Baumschatten. In den Gutshöfen sind große Oleander aufgestellt, unter denen Weinproben stattfinden

ab5Reben, dazwischen ein rüstiger Traktor, flüchtiger Gruß aus der alten Welt. Dabei der schwache Geruch eines schwefligen Pestizids. Kundenschlangen an den Erdbeerständen.

ab1 Kleinere Schlangen beim pop-up Schnellimbiß. In der Ferne Allebäume der B9.

am7Worms.

al7Worms hat sich im Monat meines letzten Besuchts nicht verändert. Auf dem Blinddarm der ehemaligen B9 werden Schrottfahrzeuge und andere Dinge abgestellt. Vor der Waschanlage trifft sich eine Gruppe gleichgesinnter Männer in glänzenden, optimierten schwarzen Mercedes Limousinen. Andere Menschen schleichen mit Rucksäcken voll Pfandflaschen Richtung der Supermärkte vorbei. Dort, wo mein Treffpunkt ist.

Im Eingangsbereich eines Drogeriemarkts steht eine schöne Holzbank. Ich schlage eine Kundenzeitschrift auf .Welches Deo passt zu mir? Kundenmagazine sprechen Wahrheiten aus, die auf anderen Plattformen als politisch unkorrekt eingestuft werden. Kundenmagazinen wird nicht widersprochen.

al8Die ersten 130km sind herum, der Seitenwind war ein angenehmer Begleiter, man wird nicht unsportlich angeschoben. Das Lauer (links) mit seinem langen Oberrohr  – 59 zu 57 – ist wegen des 10cm Vorbaus absolut fahrbar, so passt es. Das nebenstehende Koga gehört einem etwas größeren Kollegen, der mich von hier durch das gefährliche Ried an den Odenwald begleiten wird. Gefährlich, weil der Fahrstil der Ried-Bewohner im Umland als unberechenbar bekannt ist.  Gerade an Wochenenden ist das Aggressionspotential erhöht.

Wir lehnen die Räder an einen leicht verunfallten Lieferwagen mit dunklen Scheiben, die Motorhaube ist angeknautscht und schließt nicht mehr. Im Innern erkenne ich mehrere Decken, die über die Vordersitze fallen. Niemand ist zu sehen und wir entfernen uns vorsichtig aus dem Areal der vollen Glascontainer.

Als ich das letzte mal an dieser Stelle stand, war das Coronavirus gerade in der Firma Westfleisch aufgetaucht und hatte für Entsetzen gesorgt. Besonders die Haltung von Lohnsklaven –  Superspreader –  sorgten für Empörung. Warum dachte ich noch letzte Woche es habe sich etwas verändert? Warum ist man überrascht, wenn sich nichts verändert hat? Velleicht weil man denkt: no news is good news. No news machen uns vorsichtiger – die Welt wird mißtrauischer in diesen Zeiten.

Bei Worms geht über den Rhein , auf die Hügel des Odenwalds zu.

ab2Heute, am 20.6.2020, werden in einer weiteren Fleischfabrik identische Zustände  offenbar – nur  hundertfach größer. Das dumpfe Gefühl, es habe sich nichts geändert, es solle sich auch nichts ändern. Gerade das Virus ist ein Gas, es verbreitet sich weltweit über unsere Lungen und folgt den Waren, zu Land, zu Wasser und in der Luft. Ein Gas, das auf Menschen tödlich und auf die Wirtschaft wie ein Nervengift wirkt. Es paralysiert und ändert kollektives Verhalten. Niemand fliegt mehr ohne Zwang, niemand braucht ein Kaufhaus.

Die Allgegenwart eines Feindes zu akzeptieren ist schwierig, zu tief greift er mit dreister Unsichtbarkeit in unsere komfortablen Vorrechte ein und zwingt uns, nach seinen Regeln zu spielen. Gleichzeitig testet es unsere kollektiven Reflexe: sie sind schwach geworden.

ab8Das Gas vom Typ Corona ist ein Indikator. Die Trennwände sind durchlässig –  es sind nur paywalls. Wie Engländer in alten Kaufhäusern weigern wir uns innerlich, die Präsenz paralleler Gesellschaften zu akzeptieren. Corona is here to stay.

Längst sind wir in Weinheim eingetroffen. In unmittelbarer Nachbarschaft finden sich gegenüber dem Bahnhof 2 kulturelle Perlen.

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1  – der Belz Verlag, hier erschien „der Grüffelo“. Der  Kinder – und Jugendbuch Verlag schlechthin in Deutschland. Seit über 50 Jahren! Auch wenn man viel Geld verliert , wenn man „Conni mit der Schleife im Haar “ ablehnt, als Verlag beweist man damit Überlegenheit. Man kannnicht früh genug anfangen.

al122 Gleich daneben: Eis Bertoli. Wir parken außerhalb der Distanzstreifen. Drei -Sterne-Eis. Immer wieder stürzen Kunden  herbei.  (Durch den Weitwinkel wirkt das Lauer zierlich, obwohl es gerade einen cm niedriger ist). Wir genießen das Eis, insbesondere das Sorbet, und die Abwechslung des Bahnhofs: Baustellen, Wassertürme, Postboten auf Elektrodreirädern.

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Ein milder Anstieg führt westlich aus Weinheim hinaus in den Odenwald, an den ersten Kirschen vorbei und über viele Kilometer (gegen den Wind) wieder zum Neckar hinunter.

am9Im Odenwald überdauern Zeichen der alten Welt. Wandschmuck aus der Zeit vor dem Digitaldruck, als das duale Ausbildungssystem Existenzen schuf: der Radio – und Fernsehtechniker…. ab10 Mauern wie von Riesen gesetzt fangen die Kraft der Felswand über der Bahnlinie ab. Das markante Rot des Sandsteins, aus dem alle großen und alten Gebäude der Region gemacht sind – das Heidelberger Rot, das Rot des Neckartals, durch das wir jetzt ganz allmählich gegen einen steifen Wind anrollen. Eine breite Straße, auf der uns immer mehr Radfahrer entgegenkommen, je näher Heidelberg rückt. Verdichtung, denn auch die Luft wird wärmer. Dann die Stadt und die nächste Tankstelle.

ab12Sedgways – Gruppen rollen das Ufer entlang, Smartphones werden gegen die Schloßkulisse gehalten,  auf den Wiesen am Neckar kreisen Reifröcke zu folkloristischen Melodien. Offene Cabrios, Sonnenbrillen, Pflastersteine und Straßenbahnschienen. Heidelberg ist eine riesige Postkarte mit Geranienampeln. Heidelberg ist eine Kulisse, die mich nicht wirklich interessiert.

am1Hier trennen sich unsere Wege wieder , der Zug bringt mich an Mannheim vorbei nach Frankfurt. Auf zur letzten Etappe, dem Zeitfahren gegen den Sonnenuntergang.

 

 

 

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