Abendliche Heimkehr auf Lauer

am1Absichtlich bin ich eine Station vorher ausgestiegen und nicht bis zum Hauptbahnhof nach Frankfurt gefahren. Die Schaffnerin in der dunklen Gabardine Hose mit der komischen Mütze ist fast zurückgeschreckt, als ich sie etwas fragen will. Ich gewähre ihr  gern den Mindestabstand. Im kaum gefüllten Zug geht das leicht, allen eine gute Fahrt. ..

aa2In Niederrad bin ich dann also ausgestiegen und nicht am Hauptbahnhof von Frankfurt , um dort nicht den cordon sanitaire der Gestalten durchqueren zu müssen, die ihn gerade an Wochenende besonders auffällig umgeben, wenn das Getriebe des Alltags steht und nur die Periöken der Stadt sich in Hauseingängen einnisten. Menschen, deren Blicke mich noch vom letzten besuch verfolgen.

Hier also durchquere ich eine saubere, anonyme Vorstadt im späten Nachmittagslicht, folge einer Baum- und ampelfreie Parallelstraße, die mich weiter nach Westen hinausführt, nachdem ich zuvor auf dem Bahnsteig die Maske abgenommen und das Rad geschultert habe: hinab auf die Ebene Null.

aa3 Umrisse der Bürogebäude zweiter oder dritter Ordnung. Dazu Versorgungsgebäude erste Klasse. Hier, südlich des Mains hat man die großen Kreislaufsysteme der Stadt angelegt, Die Filtrierung, die Klärung, die Siebung des Wassers, das dann wieder in Haushalte zurückströmt, Haushalte, die Woche für Woche Unmengen von bepfandeten Plastikflaschen auf  Etagen schleppen, Flasche à 25cent, in denen das noch bessere Wasser steckt. Riesenhafte Kreisläufe, die wir nur erahnen , auch wenn sie gemessen und gewogen werden.

as7Doch meine kleine Plastikflasche steckt am Rahmen.

(und das Wasser darin könnte aus einem Brunnen stammen, wie dem vor einigen Stunden an der Heidelberger Landstraße. Dort bedienten sich viele schon und füllten eine Batterie großer Plastikkanister ab, 10-Liter-Kanister, die bestimmt waren für einen türkischen Cay oder die Shisha Bar in der Stadt).

Dafür nun Gerolsteiner Medium aus der vulkanisch-tiefen Eifel, direkt von der Tankstelle. Der mineralische Geschmack wird die nächste Stunde reichen  – bis jenseits der Frankfurter Stadtgrenze;  und schon führen mich kleine grüne Schriftzeichen zum Main und über den Main

aa4An Kleingartenstreifen entlang unter dem permanenten Lärm des Verkehrs auf der großen, vielspurigen Mainbrücke. Pappeln und eine letzte Ölweide duften mir entgegen, als ich die Rampe hinunterschieße Richtung der ewig langen Mauer des Industrieparkes Griesheim.

Es ist eine Ziegelmauer, kilometerlang alte Industrie. Zum Schutze der Werkstätten und ihrer Erzeugnisse. Alte Werkstätten, neue Gasbehälter, Rohre, eiserne Därme, die anorganisches verdauen können. Draußen: Frauen laufen an Anlagen vorüber,  Zöpfe hüpfen im Takt.

aa5Fast drei Stunden Tageslicht bleiben noch, als ich von Griesheim auf Höchst zurolle. Halte meine Kamera so hoch ich kann, um zu entdecken, was die Mauern verbergen .

aa6Und es sind Autos . Neue Autos  sind dort in Hundertschaften abgestellt, nicht abgeholt, unverlängerte Leasingverträge, stornierte Flottenkäufe, Zukunftspläne. Käufer sollen sie nun zum Leben erwecken. Es bröckelt hinter den Mauern.

aa7An der Hauswand in Höchst stehen Nachrichten aus der guten alten Zeit;  man munkelt unter der Hand: seht in die Ecken –  dort stehen sie, alt wie neu, schön aufgereiht oder locker verteilt und warten auf Abholung, Verwertung. Oder eben nicht, dann ist es das nächste Manchester, dann wird es gehen wie mit den Werften und Spinnereien.

Unterdes wird der große Feldberg zu meiner Orientierungsmarke, als ich den dunklen Höhenzug hinter der Stadt ausmache. Flugzeuge, die sonst wie Lampionketten in der Luft hängen, fehlen völlig und somit auch das große Rauschen im Hintergrund. Anwohner sollen macnhmal fragend zum Himmel blicken.

aa9Ein letzter Teich Automobile schimmert zwischen den Bäumen,  diesmal ist es nur ein Autokino.

as5Und schon bin ich in den letzten Vororten, den alten Siedlungen der Farbenfabrik mit ihren prachtvoll gewachsenen Alleen und Straßennamen, die auf andere Standorte der alten IG Farben verweisen, so, wie Generälen und Schlachten auf Schildern und Tafeln gedacht wird. Kelkheim.

aa93Einmal noch um die Ecke, unter die Autobahn abtauchen und auftauchen in den Obstwiesen. Ich widerstehe den Erdbeeren, vor allem aber reifenden Kirschen, die zum Greifen nah am Wege wachsen. Nur immer den Weg vor mir im Blick, Müdigkeit und Zeit treiben mich an, schon habe ich mich 1mal verfahren, es geht hinaus nach Nordwesten, Hofheim und Eppstein – dort letzte Verpflegung.; das Tempo stimmt, das Lauer stimmt, die Reifen rollen weiter. Rechterhand zieht sich der dunkle Höhenzug entlang, dem ich mich ganz allmählich nähere.

Radfahrer grüßen von der anderen Straßenseite- sie beenden ihre Ausflüge entspannt lächelnd,  Packtaschen an den Lenkern. Hinter Hofheim kommen die Wälder, während Sonnenstrahlen fast waagerecht auftreffen. Der 20.Juni. ist ein sehr langer Tag . . .

Nach Hofheim: die Luft ist wie ausgetauscht; hier hat es geregnet, der feuchte Hauch geht tief durch die Lunge. Gleich ist sie erreicht, die Total-Tankstelle, deren Leuchtschrift durch den Schatten dringt. Spontane Auswahl an der Theke –  eine kulinarisch riskante Mischung: Hefeweizen, harte Wurst (vom Metzger!) und einen Barren Marzipan, als Vorspeise noch eine Handvoll Toppifrutti. Nacheinander wandert alles blitzartig in den Schlund und als ich mich aufs Rad setze, ist vom Hefeweizen kaum mehr die Hälfte übrig. Die Kalorien sind schnell da, die kleinen Anstiege beweisen es –  immer noch kommen letzte Fahrer vom Feldberg, die den Tag gleichfalls bis zur Neige auskosten.

aa94Ich bleibe im Rhythmus, dieser prekären Balance zwischen zu schnell und zu langsam. Jetzt geht es durch den Tann geradeaus ansteigend für einige Kilometer, bis der goldene Grund erreicht ist. Dahinten der nächste Ansteig, droben vielleicht noch einmal die Sonne.

aa95 Ich genieße es, genieße überrascht das Auftauchen eines Jets im freien Himmel, als der Wald endet. Heftrich, Waldems, Camberg, Brechen, die kleinen Etappen durch den goldenen Grund. Der längst geschlossene Biergarten „zum Salamander“, Spuren von Reifen auf Waldweg. Der Staub hat sich gelegt, ein Vater sitzt mit seinem Sohn auf der Bank, ein Pizzadienst holt die vergangenen Wochen auf .

aa97Ich stelle das Lauer kurz dort ab wo es schon vor 13 Stunden stand und verneige mich vor dem Tag, während der Himmel – wie gesagt – der immer noch nicht dunkle Himmel die Farben der Gemälde Poussins abwandelt und ich mir denke:

Et in arcadia ego.

 

 

 

 

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