Kleine Episode aus den Pyrenäen

bi3Pyrenäen: große Namen locken. Mythenumrankt verlangen sie unseren Respekt. Pässe zeichnen sich nicht nur durch Steigungsprozente aus – ihre Länge macht die eigentliche Schwierigkeit aus. Wer Anstiege von drei, vier oder fünf Kilometern kennt, hat nur Grundkenntnisse. Er muß sich vor Ort immer neu in die Materie einarbeiten.

Ich nähere mich in respektvollen Schritten. Etappen über 100km auf welligem Gebiet, Ausfahrten zur Küste, Dörfer und Marktplätze, deren Cafés nach dem großen Lockdown wieder aufatmen (maskiert).

Mit einer Vorübung werde ich den Aubisque anpeilen, der Königsetappe in der zweiten Woche. Noch ist es nicht soweit. Nach den Vorspeisen rund um die gaves réunis von Oloron und Pau heute ein erstes Hauptgericht: aus dem weiten Vorgebirge der Pyrenäen, Bergausläufer, die sich als grüne Kegel ganz allmählich zur Atlantikküste neigen, suche ich mir ein Stück Baskenland aus. Der Ispeguy ist der Paß den ich anpeile, ein baskischer Paß auf der Grenze zu Spanien.

ai1Der Morgen ist angenehm, leicht windig. Kühe und Schafe tupfen die satten grünen Weiden, im Frühjahr hat es genug geregnet. 70 kilometer anrollen liegen vor mir wie ein schöner Teppich voller Mäaander. Frisch, trocken und kühl ist die Luft.

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Nur für den Mais müssen die Pumpen und Schläuche herhalten, manchmal fällt auch etwas für den Wanderer ab. Ich kreuze zwei junge Männer mit Rucksack: es müssen Pilger sein. Gerade habe ich einen Ort mit dem stellaren Namen „l’hopital d’Orion“ gestreift.

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Und bald stehe ich auch vor dieser alten Kapelle im Tal, ein kleiner Ort auf dem Jakobsweg, eine traditionelle Rast. Immer wieder werde ich Zeichen mit gelben, strahlenförmigen Muschelrippen auf blauem Grund erkennen, die den langen Weg nach Compostela markieren.

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Der Pilgerweg gewint an Höhe und gibt den Blick in die Tiefe des Landes frei. irgendwo hinten wartet der ispeguy. Dann geht es hinunter zum Gave. Die trutzige kleine Stadt Sauveterre bewacht auf ihrem Vorsprung die steinerne Brücke, nach der die Provinz des Bèarn allmählich aufhört. Der Fluß ist berühmt für seine Forellen.

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hinüber ins Baskenland. Saint Palais heißt die erste Stadt der kleinen Nation mit der eigenen Fahne, den eigenen Kostümen, Tänzen und vor allem einer eigenen Sprache. Die geblümte Brücke erträgt den samstäglichen Stau, ein Mann mit einer Hasselblad visiert ein pitorreskes Motiv an, ich brauche einen kleinen Cafe und lokale Atmosphäre.

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Hier überrascht mich die Serigrafie eines (vermutlich vom Patron) verehrten Präsidenten. Weiter nach Südwesten, tiefer ins baskische. Hier werden die umliegenden Hügel immer kahler, definitiv baskisch und es riecht vermehrt nach Schafdung: das ganze Land produziert den festen, hellen „pur brebis“ Käse mit diesem leicht scharfen aber sehr feinen Aroma. Der mais weicht den Wiesen.

Die Architektur wechselt. Die oft grau verputzten massiven Höfe des Béarn, deren Scheunen ganz typische, hutförmige Dächer zieren, wechseln mit weißroten baskischen Gehöften.Ihre Holzpfelier und Balken sind traditionell ochsenblutrot wie die Landesfarbe, manchmal aber auch dunkelgrün oder blau gestrichen.ai8

Eine sehr angenehme Strecke diese D8, wie sie sich parallel zu den Nationalstraßen am Bach entlangwickelt und dem Snel nur sehr moderate Steigungen entgegensetzt. Zum vierten Jahr infolge bin ich auf alten blauen Continentalreifen mit 23mm unterwegs. Die rollen gut, verschleißen kaum und sind bei 7 bar durchaus komfortabel. Ich komme ins Träumen

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und mache einen kleinen Verfahrer, der mich nach St. Jean Pied de Port bringt, besser gesagt in die Außenbezirke der mittelalterlichen Stadt. Am Intermarché dortselbst gibt es ein wahres Stelldichein von Radwanderern aller Gattungen. An einem Samstag auf dem Lande sind diese Märkte Versorgungsanker und Nachrichtenbörsen, die Innenstädte überläßt man dem touristischen Handel. 

Manche Radwanderer hier fahren die route des cols, manche sind tatsächlich Compostela-Pilger zu Rade (noch über 700km), andere auf einem Tagesausflug durchs baskische Grün. Neues Wasser  -Marke Hepar mit Magnesium, Tomaten und ein Satz Bananen. Adieu ihr Genesis und Koga und anderen Gepäckräder…

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Ein dutzend Kilometer später (wellig) stoße ich auf das Tal letzte Tal bei St Etienne de Baigorry – hier geht es hinter der Kirche in den Ispeguy, dessen Passhöhe nach 7km die spanische Grenze markiert. Diesen Pass fuhren die Teilnehmer des TPR  im letzten jahr als Dreingabe auf den letzten hundert Kilometern zum Ziel. Mir ist er eine Ouvertüre, Entdeckungsreise und eine kleiner Test.

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Den Ispeguy habe ich als einen freundlichen Paß erlebt. Die Steigungsgrade sind konstant um 6 bis 7%, sollte es heiß werden schützen Waldstücke auf den ersten Kilometern vor der Sonne. Und da die Paßhöhe bescheiden auf 700m Metern liegt, gibt es immer ausreichend Sauerstoff   – ideal. Mäuerchen säumen den Weg, der sehr alt wirkt, hier und da steht noch ein Haus – der Resst sind Bergalmen für Schafe.

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Mitten in dieser sehr typischen Vegetation, sanften Kegeln, die von Farn und Gras überwachsen sind und von der Ferne wirken, als seien Millionen kleinster Locken gewachsen.  Ich transpiriere in Gang 3 und lausche dem Klimpern aus der Lenkertasche. Manchmal überholt mich ein Motorrad oder zwei, das soll es aber gewesen sein. Für Wohnmobile ist das Sträßlein zu eng, sehr gut.

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Ganz gleichmäßig nehme ich die letzten Kilometer und sehe schon das kleine Restaurant am Paß, daneben das ehemalige Zollhaus. Einige Kekse in der Vordertasche schmecken gut vor der Abfahrt.

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Der Ispeguy gibt Vertrauen und die Abfahrt in das benachbarte spanische Baskenland ist eine einzige Wohltat: schnell ist ein Bachtal erreicht , das Rauschen des Wassers begleitet die waldigen Passagen – ich meine Pedro Delgado zu erinnern, der 1988 durch ähnlich grüne Hänge hinunterschießt in kleine Dörfer.

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Das Gras auf dieser Seite der Pyrenäen wirk fast noch grüner. Die Wiesen und Straßengräben sind frisch gemäht und zum ersten mal in meinem Leben rieche ich den Duft von frischem Süßholz – ein Kraut, das wir als Lakritze kennen und im Freien eine intensive Mischung aus Anis, Minze und Kümmelduft ist. Gerade in voller Abfahrt wirkt es absolut berauschend . Am ehesten noch kommt der Geschmack von Weihnachtsprinten dem nahe.  Hier ganz eigenartig unter Julihimmel, bei voller Sonne und an der Luft ist es eine völlig neue Note zwischen der Minze und den anderen Kräutern..

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Nun noch die letzten Kilometer zurück nach Norden über Grenze, wieder regelmäßig hinauf, aber nach 5 Stunden geht es nicht mehr ganz so sämig. Jede Umdrehung auf dem groben Asphalt bringt mich dem Meer näher und dem großen Aubisque, der noch auf mich wartet. Sei vorbereitet, sagte der alte William S.

bi9Jetzt sehe ich ihn als blauen Streifen,  den großen Ozean.

 

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4 Antworten zu Kleine Episode aus den Pyrenäen

  1. randonneurdidier schreibt:

    Hallo Christoph, Du führst mich mit diesem Bericht zurück auf eine Pilger-Radtour im Jahre 2007, – von Koblenz nach Santiago de Compostela. Und auch nach St. Jean Pied de Port. Leichte Wehmut erzeugst Du mit den schönen Fotos – und Lust, das nocheinmal zu machen. Hab Dank.

  2. crispsanders schreibt:

    Danke Didier, dann könntest Du sogar diesen Pass gefahren sein – ! hast Du damals schon einen bericht gemacht? Wäre doch fein.

  3. randonneurdidier schreibt:

    Hallo Christoph, wir sind damals über den Ibaneta-Pass gefahren, dann runter nach Roncesvalles, nachher nach Pamplona den alten Hemingway grüßen. In dieser Zeit habe ich noch Tagebuch geschrieben, als Vorläufer für den Blog. Es wartet noch darauf, in eine gut lesbare Form gebracht zu werden. All the best – Dietmar

  4. crispsanders schreibt:

    frisch ruhig die vergilbten Seiten auf. der Unterschied zu heutigen Radwanderungen ist sicher lesenswert. Die Jungs vom Intermarche St j P de P kamen vermutlich auch vom Ibaneta.

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