Bremsen am Aubisque

Ein Fahrbericht

ab1Ich liebe Platanen, es sind große, helle Bäume, deren Blätter einen ausladenden, nicht zu dunklen Schatten werfen. Seit Jahrhunderten stehen sie in Frankreich an Alleen, vor Kirchen und auf Parkplätzen.  In meiner mittelgroßen Nachbarstadt hat der Bürgermeister gerade 24 fällen lassen, weil sie die Kabelverlegung der Straße verteuerten. Jeder setzt seine Prioritäten.

Gleich bin ich in Louvie -Juzon, am Fuß der Pyrenäen. Hinter der Brücke über den Gave geht es gleich rechts zu einem schattigen Parkplatz, um 9 uhr morgens ist es unter den Platanen am Gave d’Oloron noch leer. Gleich hinter den Bäumen liegt das Ufer des rauschenden kühlen Flusses; harte, rundgeschliffener Steine liegen dort, aus denen in der ganzen Region Häuser errichtet wurden. Steine, die durch die Jahrtausende von den Bergen hinuntergespült wurden und werden bis in vielen Millionen jahren die Zinnen der Pyrenäen nur noch sanfte grüne Hügel sind……

DSCF5129Start und Ziel für das Snel, das rasch zusammengebaut ist. Ich verlasse den rauschenden Fluß und mache mich auf zum Aubisque, in 10 Kilometern entfernung liegt Leruns. Hinter der kleinen Etappenstadt beginnt die Steigung zum Paß.

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Kurz erahnt man auf dem Weg noch den Zuckerhut des Pic du Midi (de Bigorre). Ein Maßstab fürs Wetter – Der milchige Dunst zeigt: es wird ein sehr warmer Tag werden, ohne Abstriche, das Wetter wird nicht umschlagen. Wer vom Aubisque spricht, weiß, daß das eine seiner gefürchtesten Aspekte ist. Wie viele Bilder, die uns seit hundert Jahren Fahrer im Nebel, bei Regen und im Gewitter zeigten.

Heute nicht, das Luxusproblem heißt: hinaufkommen ohne in der Hitze ohnmächtig zu werden. Denn der Aubisque ist lang , die 1200 meter Höhendifferenz verteilen sich auf 18km. Der Vorzug dieser langen Paßstrecke ist ihr milder Beginn.ab6

Die Mammutbäume an der Straße zu den Eau Bonnes müssen nur mittlere Gradienten beschatten, immer die Versuchung groß, hier zuviel Dampf zu machen. Mezzopiano halte ich micht zurück, 16km, 15km, der countdown hat begonnen.

In Eaux Bonnes umrundet man den großen Dorfplatz vor dem alten Thermalbad, fährt ihn halb wieder hinunter und verschwindet dann rechts in einer Häuserlücke. Dort endet das Dorf  plötzloich und jetzt gilt es, die Schattenpartie beginnt in Gang 2. Gleichmäßigkeit und der Blick nach links oben auf den sonnigen Gegenhang, tief einatmen,  die Schlucht ist schmal und hallt wieder vom Echo eines kleinen, schnellen Wassers. Die Prozente haben sich verdoppelt.

Bevor dieses Bächlein überquert wird gibt es noch eine erfrischende, flache Passage unter lichten Bäumen, die letzte Gnade, bevor der Paß definitiv auf der Sonnenseite ernst macht. Flugs über die steinerne Brücke und ab in den Hang, die Glocke im Tal schlägt bald darauf 11.

Dann heißt es einen neuen Rhythmus finden und die ersten zwei, drei Kilomter geht das auch ganz gut. Schön, wenn mir die frühen Fahrer auf der langen Geraden bergab breit lächelnd entgegenkommen. Cadmiumgrün wechselt mit dunklem Chromgrün an den Hängen, der blaue Schleier täuscht Kühle vor, es ist nur heiße Luft. Noch lächle ich, –  . Kurz unterhalte ich mich mit einer Spanierin, die es genießt , nach dem lockdown zum ersten mal wieder einen Paß fahren zu können. Wir Nordlichter haben wenig Vorstellung davon, welchen Einschnitt die Covid Krise im Leben der Italiener, Spanier und Franzosen darstellte.

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Weiter im Berg nach einer ausladenden Serpentine : immer gerade den Hang entlang Richtung der zwei Tunnel, es ist gern zweistellig hier. Im Rücken ein Ziehen, Abwechslung, auf in den Wiegetritt. Vor dem kleinen (leider häßlichen) Skiort Gourette noch ein steiles Stückchen, im Dorf dann flacher;  bereitwillig läßt der Mann am Zebrastreifen mich passieren und muntert mich auf. Hier in Gourette ist das Talende erreicht, mit einer großen Kehre nimmt die Straße  den Hang in Gegenrichtung wieder auf. Die einzige Erleichterung auf dem nächsten Kilomter ist das nadelbaumige Waldstück über einen jetzt hart und unrhythmisch ansteigenden Asphalt. Der Weg mäandert am Hang entlang über böswillige, kleine stufenförmige Buckel. Mein Rücken schmerzt stärker, wieder erleichtert  der Wiegetritt mein Los. Dieser Schmerz jetzt hat eine andere Qualität; man kann mit ihm nicht verhandeln, es ist nicht dieser kleine freiwillige Trainingsschmerz, sondern ein Schmerz den man erdulden muß, damit es gelingt.

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Das Berghotel kommt in Sicht, der Türhüter zum Finale. Jetzt, nach 13 km Anstieg fühle ich Müdigkeit, die Gnadenlosigkeit  der Sonne und der stehenden Luft. Es ist nicht einmal Mittag.

Aber es gibt einen neuen Gegner, ein Gegner der mich anstachelt im Wortsinn.  Er hat sich an meine Fersen geheftet, ein anderer betastet meine Wade, widerlicher Parasit. Denn wo es Vieh gibt, hier sind es Pferde, da gibt es auch die Bremse, den häßlichen Verwandten der Fliege, der das heiße und schwüle Wetter liebt. Die Bremse ist eine Plage der Pyrenäen, ihr Stich ist lang und Schmerzhaft, sie sticht nicht, sie bohrt mein Blut an.

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Aus früheren Wanderungen weiß ich: es hilft nur die Flucht. Ich richte mich auf und siehe da: kurz vor dem Berghotel, an der Kehre, von wo ich einen frischen Luftzug erhoffe,  gelingt mir ein Sprint und sogar ein zweiter. die Pferdebremse als Doping. Um die Ecke.ab9

Ein wenig mehr Luft, mehr Energie, danke;   aber die Bremsen sind immer noch in der Nähe. Wieder Wiegetritt, nur noch 2 Kilometer. Ich passiere ein langsameres Gefährt –  Bremsen Opfer auf Kompaktkranz und lese in immer dichterer Folge tauchen Namen auf der Straße, dazwischen Dung, höre die Rufe der Wanderer und Radfahrer am Paß und freue mich auf das Stück Nußschokolade, das bald am Schmelzpunkt sein dürfte.

Wie ich.

L’Aubisque

Hier kommen sie nun von beiden Seiten des Passes,  Radsportler in unterschiedlichen Stadien der Extase. Wie schnell sind die Schmerzen vergessen, sobald der Fuß den Boden berührt, das Paßfoto gemacht und ein kühler Schluck in Aussicht. Diese Herberge aber betrete ich nicht, ziehe die gegenüber am Soulor vor, das sind alte Bekannte.

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5 mal Aubisque sind es, oder 6 wenn ich den Raid Pyrénéen hinzuzähle. 4mal von dieser Seite. So war es eine der härteren Anfahrten, obwohl . .  . kleiner Trost – es liegt an Covid. Das Muskelgedächtnis hat in diesem Jahr keine ganz großen Pässe gespeichert, im ganzen Frühjahr und Sommer nie über 1000Meter gekommen – das macht es wohl eher aus. Die Folgen der Superkompensation werde ich noch in einer Woche im Westerwald spüren, wenn sich die roten Blutkörperchen wundersam vermehrt haben….

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Der Aubisque bei Sonne, die folgende Abfahrt über den Bergkessel des Litor bleibt einfach überwältigend. Mein Sandwich gegenüber am Soulor ruft, ich muß weiter, die frische Brise eines Tages genießen, an dem es unten im Tal fast 40 Grad haben wird. Durch die kleinen Wäldchen, immer am Fels lang, über dem die Schwalben lautlos ihr Ballett aufführen. es ist zu schön, an einem Sturzbach fülle ich meine Trinkflasche und genieße die Aufführung dieser leicht rostfarbenen Vögel, die ich in meinem Leben zum ersten mal sehe.

Ich habe Zeit, die wirkkliche Hitze kommt noch und am Ende leigt der rauschende Fluß mit den kühlen Steinen.

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