50 Pfennig für die Parallelgesellschaft – Wetzlar

ab11

Roadbook 14 11 2020, Claus Lauer, 10 grad plus, schwacher Wind aus Süd

Landflucht

Unterwegs mit dem Lauer. Mitte November. Fallzahlen für Covid : um die 20Tausend Neuinfektionen täglich. Alle Ballungsgebiete sind  Hotspots.

ab71Mittagsfahrt am Samstag. Rauchsäulen in den Wiesen,Rauchschleier vor Waldhang, Herbst. Dunst über den Wäldern, starker Duft. Holzlaster holen die langen Fichtenstämme ab, die überall in Stapeln bereitliegen.

ab2

Scharfer Ritt durch die Weiden und Lahnauen, der tote Arm der B49 ist mit Laub übersät, das Lauer läuft geschmeidig leise und schnell an der Lahn entlang. Ich schinde mich ein wenig. Das Rad will, daß ich mich schinde. Also bin ich glücklich.

ab3

Wetzlar. Das Tor zur Stadt – die alte Kamerafabrik, die Tankstelle  – Kontaktzahlung möglich. Gute Panini, guter Cappuccino, gutes Lauer. Mische eine halbgeschmolzene, schwarze Schokolade hinein und rühre bis alles einen cremigen Jus ergibt. Noch wärmt die Sonne.

ab4

Durch einen kleinen Pfad vom Tankstellenparkplatz in die Mitte. Fototouristen kommen entgegen, blinzeln in die tiefstehende Sonne auf der Suche nach Motiven.

ab82 Nostalgie – das alte Wort für Vintage. 600Meter Fachwerk vom Besten. Strickläden, Antiker Hausrat, natürlich pseudo antik, Gründerzeitantik aus der Fabrik. Nichts davon einzigartig, das wäre für  Laufkundschaft viel zu schade; was einen Wert hat, geht auf den internationalen Markt ins Netz .

ab5

Das ist das alte Zentrum, gleich unter dem Dom mit seiner Haube. An der Ecke noch ein Fotografiegeschäft, nur für alte Cameras mit dem roten Punkt , der Stolz der Stadt. Camera obscura : Dinge, die ohne den Film, den es bald nigends mehr zu kaufen gibt, der heute schon nirgends mehr in Wetzlar zu haben ist,  genau das werden, was sie letztlich immer schon waren: technische Fetische von Größe einer Modelleisenbahnlokomotive. Benutzt um Fachwerk zu photographieren, benutzt, um immer die gleichen Trauerweiden im Stadtpark, Tautropfen,Sonnenuntergänge mit extrascharfen Schwanenhälsen in Goldstimmung einzufangen. Oder eben New York, den Zuckerhut und den 8ten Ring um Peking, Benutzt, um auszulösen und zu spulen und auszulösen und genauso wie  . . ..

ab83

Weil alles gut ist, wie es ist. Die Partei hat recht, die Partei hat immer recht.

Kameras blicken auf Fachwerk, Menschen in Mänteln sehen sich um, Kameras baumeln und der Cappuccino dampft. Frauen stehen vor Modeboutiquen. Schilder mahnen die Radfahrer zum Absteigen. Wer zu Fuß geht, kauft mehr ein und sieht länger in die Schaufenster.

ab6

John Lennon als Kunstdruck. Künstler, die aus John Lennon Pressephotos Zeichnungen fertigen und in aufwendige Rahmen stecken. Die 68er sind jetzt alle in Rente, ihre Kinder langsam auch. Lennon smells funny.

ab94

In der Parfumerie als einziger Gast. Wiederentdeckung : Carven, Vetiver, wurde in den 90ern massiv verramscht. 20 DM.  Erinnerung an Berlin. Ein warmer Winterduft. Verkäuferinnen belehren mich kurz  – Carven war nie weg, Carven war immer da. Probe auf den Handrücken und und den Lederhandschuh wieder darüber – den Duft mitnehmen und dann später die Gegenprobe machen – weil alles sich ändert, weil Moschus als Grundstoff seit Jahrzehnten verboten ist. Weil am Ende alles anders ist, als in der Erinnerung. Ich erinnere mich an meinen Freund Thomas Bernhard. Der hatte über 300 Düfte, sorgfältig in Schränken sortiert. Temperiert, es waren umgebaute Weinkühlschränke. Er benutzte sie fast nie, eigentlich benutzte er sie nur einmal, wenn er die Probe machte. Dann kaufte er eine Packung und stellte sie in den Schrank.

Ich glaube, er nahm nie etwas anderes als Kernseife und Farina Gegenüber. Er trug auch nie etwas anderes, als das Paar schwarzer Slipper, in dem ich ihn jedesmal sah. Obwohl er gleichfalls schränkeweise Schuhe besaß, Maßschuhe, blitze- blank und eine großartige Küche mit 6flammigem Gasherd, La Cornue, den er nie nutzte. Er aß immer auswärts und schimpfte fürchterlich über die schlechte Küche. Er hatte die Düfte im Kopf, mehr brauchte er nicht.  Drei Düfte namens Vetiver: Lanvin, Guerlain und den Carven, weil er dort sich seine Kravatten kaufte . Aber das ist eine weitere Geschichte, sie fürht immer weiter… Aus einem Sammler wird man halt nie schlau.

ab8

Immer noch sind einige auf dem Marktplatz, es ist angenehm windstill und der Himmel blau.  Buchläden, Schreibwaren, Foto sind schon geschlossen – es ist erst kurz nach zwei. Den kleinen Bäcker gibt es noch, es ist aber eine andere Bedienung drinnen und ich bin noch recht satt, bleibe also draußen. Sie  backen ihr Brot im holzbefeuerten Ofen um drei in der Früh.  Mein Laden für Hifi, Wein und erlesenen Kaffeesorten ist noch geöffnet. Ein Lautsprecher  steht davor und spielt neo-Reggae: everything will be allright. ein wenig Stimmung. Aber weder kann ich mir ein Stück Musik, noch ein Buch, noch ein gescheites Bild in dieser wunderhübschen ALtstadt um 14h15 kaufen.

Auf dem Platz daneben findet sonst der Weihnachtsmarkt statt und der Panini Italiener  an der besten  Ecke, sonst brechend voll an Samstagen, also jedesmal, wenn ich an Samstagen vorbeikam, ist heute geschlossen, wie auch den ganzen Monat. Wann offen?

In diesem jahr nicht mehr. Was überhaupt in diesem Jahr noch sein wird, steht nirgends fest. Der Westerwald steht voller Weihnachtbäume, die niemand abholt. Mein Lauer läuft wie von allein, lenkt leicht und die Sonne läßt das schöne geschwungene Monogramm auf den Schultern der Gabel leuchten.

Anatomie der Parallelgesellschaft

Ich verlasse die Stadt über den Ring, eine Asphaltschneise, die die Stadt wirksam und nachhaltig zerteilt. Sie schafft ein glacis, ein no mans land, bevor  Lahn und die schnelle, kleine Dill sich treffen. ab33

Aber auf die Opfer der alten economy folgen bald Autoschlangen und das bunte Leben. Hier also sind sie: nahe der großen Einkaufszentren  –   Möbel, Hausrat, Garten und Supermarkt.  Kulturfolger auf den (sainierten!) Stätten der alten Industrie. Die Parallelgesellschaft. Hier die Fußgänger vor Fachwerk mit ihren Kameras und Strickwolle, dort die Vollklimatisierten mit ihren smartphonestarrenden Insassen in -Loungewear. Die zwei Gesellschaften von Wetzlar treffen sich nicht. Sie ignorieren sich nicht einmal.

Sie brauchen keinen Bäcker auf dieser Seite der Lahn, keine Buchhändler, Fachgeschäfte und keine Beratung. Sie brauchen sie nicht und sie wollen sie nicht, sie beraten sich selbst mit dem Gerät, das sie nie verläßt. Die Welt auf 6 Zoll reicht ihnen völlig, sie sehen sich die Altstadt ihrer Stadt auf dem Display an und finden sie schön.

Stadtflucht und glückliche Heimkehr

Schon bin ich in den Siedlungen vor der Stadt, den kleinen Einfamilienhäusern mit weißen Giebeln und Vorgärten. Dem geordneten Feierabend in der Sudetenstraße.

20Tausend Menschen siedelten nach dem Krieg an. Leitz, Buderus, die Hütte in Aßlar. An einem der vielen weißen Häuschen ist ein kunstgeschmiedetes Motiv an der  Wand angebracht : eine junge Frau mit Zopf kniet auf dem Boden und setzt ein Reis in die Erde. Rückenansicht. Eine vage bekannte  Ansicht, aber entfernt wie ein Märchenbild.

a 50 Pf

Es ist die Rückseite der 50 Pfennig Münze. Mit 50 Pfennig ging lange das, was heute mit einem Euro geht, wenn nicht zwei. Seht das einfache Symbol: neu Pflanzen, neu Aufbauen. Was für ein merkwürdig unschuldiges Bild, pflanzt Luisa Neubauer so einen Baum ? Altes Geld. –  Was sollen wir tun, Alexa?

ab1

Mitte November: noch zwei Stunden Sonne für mein Lauer und mich. Das lange Oberrohr, die automatisch gestreckte Haltung. Das Rad, das mich erzieht.  Ich halte die Kadenz, die Sonne sinkt allmählich, aber es wird reichen.

Nach Biskirchen geht es in den Westerwald hinein. Zuerst kommt die Big Sky Ranch. Dann Barig und weiter nach Merenberg hinauf , fast an den Burgfried heran.ab44

Traktoren bearbeiten die Erde für die neue Saat;  am Horizont, schöne satte, rotbraune Feldränder und leises tuckern aus der Ferne. Der Boden wird winterfertig gemacht. Lautes, rhythmisches Puckern aus Autos, die mich mit der beute ihrer Einkäufe auf Heimweg überholen.

ac2Milchiger Horizont West und lange Schatten. Auspendeln , austrudeln, ankommen.  Man sieht viel an einem Nachmittag.

Ich ziehe den Handschuh aus – es riecht gut. Jetzt etwas Warmes.

Werbung
Dieser Beitrag wurde unter Spleen & Ideal abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu 50 Pfennig für die Parallelgesellschaft – Wetzlar

  1. Twobeers schreibt:

    Vielen Dank für diese Zeilen und das „photographieren“. Und auch ich suche oft nach den Düften von damals, die jetzt angeblich nur in neuer Verpackung sind, ihr Wesen aber verändert haben.

  2. crispsanders schreibt:

    Thomas Bernhard sagt: es gibt einen online Auktionsmarkt dafür, der das schon erkannt hat. Man sollte mittlerweile keine Schnäppchen mehr erwarten.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s