Undifferenzierter Sport – die Lösung für den Lockdown

All bikes are gravel bikes . . . Tom Ritchey

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Der Philosoph Peter Sloterdijk sprach einmal vom Sport als völlig ausdifferenziert. Den Begriff „Ausdifferenzierung“ verwendet er soziologisch: als ein soziales (Bezugs)System, das sich in immer neue Subsysteme untergliedert und immer neue Kategorien zerfällt.

Es war nicht der Leistungssport allein gemeint. Versteht man noch, daß aus Fairness die Boxer Gewichtsklassen eingeführt haben, weist der Philosoph dagegen auf ein weiteres Feld: nämlich das in unserer Freizeitgesellschaft gediehene Multiversum von Fitnessaktivitäten in immer kleineren Zellen mit endlos neuen Gerätschaften . . .

denn: an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen – an den Fahrrädern können wir es erkennen:

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(ein  Fahrrad)

Die Ausdifferenzierung materialisiert sich in zahllosen Rad -Typen, die für eine spezifische Anwendung hergestellt werden. Den verkündeten Notwendigkeitsketten folgen Endverbraucher erstaunlicherweise stets aufs neue. Für einen Musikhörer wäre das so, als müsse er sich für jede musikalische Genre andere Lautsprecher einstöpseln. Die Freiheit des Einzelnen ist auch seine Urteilsfreiheit.

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Diese Logik verlangt nach Einspruch. Sie übersieht,  daß das Fahrrad als maximal undifferenziertes Vehikel entstand –  one that fits all. Ein Blick an die Anfänge ist nützlich und aufschlußreich: seit 1900 handelt es sich beim „bicycle“ um eine geradezu universelle Maschine. Identische Radgröße, Kettenantrieb, BSA Gewindestandard, variierbare Rahmen. Darum wurde es zum professionellen Sportgerät für die einen, zum sozialen Befreiungsvehikel für andere – namentlich den Frauen der industrialisierten Welt. Die Räder glichen sich sehr. An dieser Universalität hat sich nichts geändert.

Doch mit dem Dämon der Performanz entsteht der Zwang zur Differenzierung .

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So erblühen immer neue Varianten für  Zwecke, die einem fast fabuliert vorkommen möchten, so esoterisch ist deren Verwirklichung. Das Verhältnis existierender Zeitfahrmaschinen zu dafür verwendeten dürfte beispielsweise  bei 1 zu 1000 liegen. So verhält es sich, wenn die Erzählung (das Narrativ) vor die Wirklichkeit tritt. Redakteure entblöden sich nicht, Unterschiede in faktisch identischen Maschinen zu finden.

Doch gerade jetzt, wo mit dem Elektrorad der Gamechanger übernimmt, sollte man sich von letzten Blüten technologischer Hochstapelei nicht verwirren lassen. Bei so massiver Spurenverwischung verdient das Fahrrad als Maschine ohne Motor eine neue, undifferenzierte Betrachtung.

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Sehr früh schon gab es eine Gegenbewegung zur söldnerhaften Praxis des Radsports. Das Feld sollte nicht allein dem Wettbewerb und seinen Interessen überlassen sein. Die Bewegung der Randonneurs zielte auf die touristische Möglichkeiten für alle. Sie wurde initiiert vom Franzosen Velocio (Paul de Vivié), der schon 1912 mit Schaltungen experimentierte, damit auch weniger sportliche und weniger trainierte in den Genuß der Entgrenzung auf zwei Rädern kommen.

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Einem stark professionalisierten Radsport setzt er den sportlichen Charakter des radfahrerischen Abenteuers entgegen. Schnell und weit fahren: ein Ziel, für das es keinen Wettbewerb braucht; – es gilt nicht, die Linie zu erreichen, hinter der Prämien und Sponsoren warten,  sondern das Erlebnis der Strecke. Die ersten Brevets werden bald ausgeschrieben. Für alle…

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Dort bleibt  Radsport der alte Entwurf eines freien, improvisierten körperlichen Abenteuers.  Methoden und Techniken des Leistungssports sind nützlich für die eigenen Ziele, zum besseren Gelingen, zum Überwinden einer Entfernung, einer unbekannten Route, für das Wagnis, in einer bestimmten Zeit einen bestimmten Punkt zu erreichen. Man kann sich bestens der Methoden eines Weltmeisters zu seinem Vorteil bedienen, ohne je ein Rennen zu bestreiten.

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Es ist ein Sport ohne Grenze und Kategorie  – und ohne spezielles Gerät – denn das notwendige Rad war immer schon variierbar und ausdifferenziert genug. Das ist kein Manifest zur Verweigerung der Moderne. Die Moderne kennzeichnet sich aber nicht durch immer neue Produkte mit ihren infinitesimalen Entwicklungsschritten: Die Moderne der Technik war zuerst ihr Freiheitsversprechen. Das ist schon seit langem eingelöst und besteht fort.

Die nützlichsten Entwicklungen dafür kamen in unserem Jahrhundert nicht mehr vom Fahrrad her, sondern von seiner Peripherie: das kompakte Navigationsgerät, die LED Beleuchtung, leichte und wetterfeste Kleidung. . .

Sie wollen nur eingesetzt werden.

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Und es gibt kaum eine bessere Zeit, das zu tun. Denn dieses – meist nur auf eskapistische Wochenendrunden beschränkte – Freiheitsversprechen löst das undifferenzierte Rad im Lockdown wieder ein. Die Distanzierung durch Nebenwege, die Umfahrung der Lockdownklammern ohne jeden Rechtsverstoß: Ein Fahrrad bleibt die Freiheitsversicherung des neuen Jahrtausends. Die Welt ist voller unkartierter Nebenwege und alter Pfade, die man nur vernachlässigt hat.

Dezember 2020

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4 Antworten zu Undifferenzierter Sport – die Lösung für den Lockdown

  1. randonneurdidier schreibt:

    Wohl wahr! Entscheidend ist, was wir mit dem Rad anstellen, nicht, mit welchem Rad wir das tun.

    Es geht eigentlich alles mit einem betagten Gerät und 25 mm Reifen – wenn man es kann, und wenn man es will. Aber die Freude an einem und mit einem neuen Sportgerät durch die Landschaft zu rollen, ist eben auch besonders, ist spannend. Und wenn ich das richtig sehe, besitzt Du aktuell eine zweistellige Anzahl mehr oder weniger betagter, aber tauglicher Räder. Wahrlich ein kleiner Luxus, sich immer genau das Gerät auszuwählen, das Körper und Seele am meisten gut tut. Weiter so!

  2. crispsanders schreibt:

    Danke für die genaue beobachtung. Diesen Luxus gönne ich mir; kann aber darum sagen, daß es durchaus auch mit einem oder zweien dieser Räder ginge, der Rest ist Lust an Form und Farbe.
    Es geht in unsren Breiten eben mehr, als man uns glauben machen möchte – so mein Eindruck.

    Wir rollen weiter!

  3. Hölkerather schreibt:

    Wir rollen weiter!

    Guter Satz! Aktuell ist er doppelt zu verstehen, darf man z. B. im Ländle demnächst mit dem Rad rechtmäßig sowohl Sport und Bewegung suchen als auch zur Arbeit fahren. Beim Auto wird die Begründung für eine nicht Zwängen unterliegende Fahrt hingegen schwerer. Und zur anderen Bedeutung: In Bezug auf das Rollen ist das Fahrrad die Fortbewegungsmaschine mit dem besten Verhältnis zwischen hineingebrachter Energie und Fortkommen. Und das war bereits in seinen Anfangstagen so, so ganz ohne Carbon, elektrischer Hilfe oder dem Verkaufsargument spezielles Rad für jeden speziellen Zweck.

  4. fafnir schreibt:

    Modern ist da, wo auf der Zeitachse vorne ist [ein Punkt, zeitliche Ausdehnung null]. Abenteuer lauern hinter gekonnten Ausfallschritten in jedwede Richtung, am liebsten eskapistischen;)

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