Verkehrswende 1904 – Entscheidung an der Saalburg

gordonbennet derkaiser kommt

Das Kaiserpaar kehrt zuversichtlich zur Ehrenloge zurück,  in der schwülen Mittagshitze hilft der kleine Sonnenschirm. Das Tannenreisig duftet und weicht langsam auf. Die dritte Runde im Gordon Bennett Cup 1904 wird gleich beendet sein. Auf der imposanten Tribüne der Saalburg erwarten Tausende die Ergebnisse der Zeitnahme im Kopf an Kopf Rennen des roten Teufels Jenatzy auf Mercedes mit dem gutmütigen Théry auf seinem blauen Brasier.

Die letzte 140km – Runde wird gleich eingeläutet……..

aab1Für mich sind es nur noch ein dutzend kilometer bis Bad Homburg, 20 bis Start und Ziel. Linkerhand zeichnen sich  schneebedeckte Wälder ab, die erste Anhöhe nach Königstein ist genommen.

Königstein, Oberursel, BadHomburg.

Ich erkenne die markante Burgzinne und hüte mich, dem zunehmenden Verkehr eine Flanke zu bieten.

ac2Eine letzte Steigung am Haus der Begegnung vorbei, danach stoße ich wieder auf den Rennkurs, der heute die Bundesstraße 8 heißt. Zwischen Königsstein und Oberursel liegt noch ein ausgedehntes Waldstück, es geht in sanften Schwüngen auf und ab. Gleich kommt Oberursel  – mein erster Treffpunkt mit der Geschichte.

Um  die Siegeschancen zu erhöhen, hatte die Firma Mercedes kurzerhand  ein österreichisches Werk eröffnet, so daß die Cannstatter mit Österreich  6 Wagen identischen Typs ins Rennen schicken konnten.

a warden gob no16Die Nummer 16 fährt ein gewisser Warden. Kein Werksfahrer, sondern ein wagemutiger Privatier, der sportlich begabt war und vermutlich auch das, was man heute einen Influencer nennt. Er finanzierte nicht  nur den kostspieligen Luxus eines Rennteams – wahrscheinlich half er auch, den Absatz gewöhnlicher  Modelle zu befördern, die mehr als ein Haus kosteten.

ac3 Den Häusern haben zwei Kriege nichts anhaben können in der Füllerstraße. Sie führt an einem Park entlang und gleich sollte Warden in voller Fahrt durchs Bild kommen. Mein Marschall lehnt am Zaun, aufs Geratewohl mache ich ein paar Bilder: mehrere Häuser könnten infrage kommen.

Und tatsächlich: hier kommt Warden -die Straße ist nicht geteert, aber das Doppeldach gut zu erkennen: ich treffe auf den Cup.

Gordon-Bennett-Rennen 17. Juni 1904

Rennwagen auf der FŸllerstra§e in Oberursel

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Die Zeit steht still, außer ein paar Neubauten alles beim Alten. Die Zeitmaschine springt wieder nach vorn.

ac4 Das Zentrum der Stadt wartet mit dem gewohnten mix aus 60ern, 70ern und dem Besten von heute auf. Einkaufende Menschen schleichen von shop zu shop, füllen Tüten und Kofferräume, die elektrisch öffnen. Dann begeben sie sich zum Drive In des BurgerK an der Ausfallstraße. An etlichen wartenden Autos rausche ich auf dem Weg nach Bad Homburg vorbei.

ac5An der Ampel erblicke ich mein privates Drive In. Links neben einem Beton-Kubus leuchtet die Anzeigetafel der Shell Tankstelle. Neben mir hupt es: der Busfahrer läßt die Scheibe herunter. „Meister!, warst Du eben in Königstein?“ Ich nicke. Er hebt den Daumen und nickt mir zu. Applaus ist das Brot des Künstlers.

Dann betrete ich die Tankstelle, an der niemand sich staut. Ein ADAC Fahrzeug wird gewaschen, im Hintergrund rollt der Verkehr im Takte der Ampel sanft stadteinwärts.  Der Kaffee wirkt, sein Schaum ist fest und gut, nach dem Snickers das Baguette.

ac6Hin und wieder kommen Autos vorbei holen sich Nachschub. Fast eine Viertelstunde stehe ich vor dem Behälter für Crushed Ice, Scheibenfrostschutz und extrem teuren Öl.Die Teilnehmer des Gordon Bennett Cup wären über diesen Zaubersaft begeistert gewesen, Motoröl, daß mehr als 1000 Touren auf Dauer erlaubte, gab es einfach noch nicht. Es gab auch keinen Ölkreislauf – das Zeug wurde verbrannt oder schwärzte die Gesichter der Piloten.

Mir ist kalt, ich muß hinauf zur Saalburg, Start und Ziel sind in greifbarer Nähe. Jetzt noch einmal in den Marzipan-Nougatriegel beißen und auf .

1904GBcuprace

Während ich mich langsam die dreispurige Rennbahn zur Saalburg hinaufarbeite, ist es auf der Tribüne da oben sehr still geworden. Der Spitzenfahrer  Jenatzy – einziger Pilot der Therys Tempo gehen kann –  hat in der dritten Runde 11 Minuten auf  Théry verloren. Er soll ohne Sprit in Usingen gestrandet sein und verliert bei der Requisition des seltenen Treibstoffs wertvolle Zeit, bevor er den Boliden wieder durch den Taunus ballern läßt.

Alle Übrigen Konkurrenten und Mercedesfahrer sind außer Reichweite, das Fahren dieser Monster mit ihren schmalen Rädern und schwachen Hinterachsbremsen war eine Kunst für sich. Auch wenn der Belag noch so glatt ist, bleibt es ein Ritt auf einer Kanonenkugel. Kaum Federung, brutales Drehmoment, fehlende Traktion und wie man durch die Kurven kam, läßt uns rätseln.

ac7Der lange Anstieg zur Saalburg hat zwischen 6 und 7 Prozent auf  über drei Kilometer. Ich pedaliere inmitten der Gischt doppelreihig überholender Autos , die sich gegenseitig  Wettfahrten liefern am Dreikönigstag 2020. Die Kalorien sind noch nicht ganz angekommen,  das Schwierige hier ist Steigung plus Stress. Es ist Freizeitverkehr und er macht keine Anzeichen langsamer zu werden oder abzunehmen. Sie fahren in den Schnee zum Rodeln, holen den seit Jahrzehnten zum allerersten mal abgeblasenen Skiurlaub nach, rächen sich an der Pandemie, die ihnen die freien Tage vergällt.

Mit Mühe schaffe ich es, auf die Abbiegespur zur Saalburg zu kommen, ohne hinter mir eine Vollbremsung zu erzwingen. Rechts steht noch das ehemalige Straßenbahnhäuschen von 1904: man hatte die Linie einfach hier hinauf verlängert.

ac8Dann taste ich mich zwischen dichten Reihen parkender Autos vor, alle sind zum Rodeln hier, die Saalburg liegt abseits und man kann am Asphalt noch die alte Fassung der Bundesstraße erkennen.

Hier ist die Zielgerade und hier ist das Ziel. Rendezvous mit der Geschichte

aa1Und da ist der Stein, darauf die schöne Bronzetafel zum hundertjährigen Jubiläum des Rennens. Ich stelle mein Rad hin und  spreche Passanten an: „Wußten Sie nicht? – Sie sind an einem weltberühmten Ort . . . wir stehen auf dem heiligen Boden des Automobils!“ „Hier begann die Einzige, echte und größte Verkehrswende !! Schaut hin!!!“ Sie schleppen neue Teleobjektive herum und bilden schneebedeckte Zweige mit 30 Millionen Pixel ab. Sie kommen aus einem warmen Kokon mit Klimaanlage und touchscreen und wollen nun echte Natur erleben.

ab91Unter der Fußgängerbrücke strömt der Dreikönigsverkehr immer und immer weiter.

Sie können meine Stimme nicht hören, ich kann rufen wie ich will :“Hier !!, genau hier hat alles begonnen! Eure Urgroßeltern haben das Haupt unter der Garbe gehoben, hinter dem Ochsen aufgesehen, ehrfürchtig am Wegkreuz  gestanden und hoch!hoch! gerufen . . .“

bennett1904eDer Kaiser ist baff. Die  Franzosen haben gewonnen. Die Überlegenheit deutscher Ingenieure konnte sich noch nicht beweisen, aber ihre Zeit wird kommen.  Der ganzen Welt wird man zeigen, wozu man in der Lage ist. Der Kaiser gratuliert höflich dem durstigen Théry und überreicht ihm eine eigenhändig signierte Photographie.

Und ich folge weiter dem Rennkurs, es wird immer einsamer, je weiter es über den Taunus geht und am Ende, nach 160 Kilometern, sehe ich die kleinen schwachen Lichter der Dörfer, die auf die nächste Verkehrswende warten . . . .

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6 Antworten zu Verkehrswende 1904 – Entscheidung an der Saalburg

  1. Twobeers schreibt:

    160 km bei dem Wetter? Alle Wetter!

  2. randonneurdidier schreibt:

    Herrlich, eine Lust zu Lesen 👋👍

    • crispsanders schreibt:

      Dank zurück.
      erlaube mir nach norden zu gratulieren. Dieser Turm der einsturzgefährdeten Kirche in Chomturey hat erheblich bessere Proportionen als der Turm hier nebenan. !
      Schade um das Dach.

  3. monnemer schreibt:

    Ein Genuß, danke!

    Dass in der Füllerstraße die Häuser überlebt haben ist schön. Der Hauch der Geschichte weht einen beim Betrachten der beiden Bilder von damals und heute doch sehr stark an. Schade nur, dass der Prachtzaun auf der Gegenseite nicht mehr steht. Warten wir’s ab, ob das Automobil verblasst, wie der Naspa-Schatten auf dem sparkassentypischen Gebäude.

    Spatzenwolken himmelflattern
    Wind bläst, meine Nase friert
    Und paar Auspuffrohre knattern
    (Nina Hagen, Naturträne – kam mir beim Lesen in den Sinn)

  4. crispsanders schreibt:

    Aaaaaaaach!
    kommt dann noch nach knatttterrrrrrrrrrn.
    Dieses schöne, urdeutsche Wort.
    Das Erste und das Letzte Automobil wird ein Sportwagen sein (Ferd. Porsche senior)

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