Im Kokon – ein Wintertraining

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viele Rennfahre alter Schule sagten es immer wieder: die Saison wird im Winter gewonnen. Das war in Zeiten, als es im Rennkalender keine Pausen gab: wer sein Geld wollte, mußte immer und alles fahren. 200 Renntage im Jahr waren keine Seltenheit. Es hieß: Meilen, Meilen, Meilen – immer und bei jedem Wetter. Nur ein entsprechend vorbereiteter Organismus kann jede Woche über 200 Rennkilometer abspulen und sein Top-Immunsystem erlaubt schnelle Regeneration.. .

Für unsere klassischen Fahrer galt die Faustregel: hat das Rennen 240km, dann trainiere 280. So war die alte Schule, bevor der Radsport sein Geschäftsmodell vor etwa 30 Jahren änderte.

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Die alte Schule kann aber immer noch als Vorbild dienen – nicht um Rennen zu gewinnen, sondern um die eigene Gesundheit und Leistung zu verbessern. Vor allem auf längeren Strecken.Mit Winterkleidung aus unserem Jahrtausend und Winterstiefeln – Kinder des MTB Sports  – bleiben nur wenig Ausreden. Man muß keineswegs mehr leiden wie ein Hund.  

Trotzdem ist es kalt, wenn ein strammer Nordwest polare Luft über die Kämme des Westerwalds bläst. Dieser Kälte etwas entgegenzusetzen, darin dennoch seinen Fahrspaß zu bekommen, dazu gibt es ein paar Mittel, die ich heute im Selbstversuch erprobe

Sich in seinen Kokon einspinnen . . . ..

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Die Straßen sind trocken, die Wolken nicht allzu tief, Schnee oder Regen kommen morgen. Darum endlich einmal ein Rad ohne Schutzbleche: kurzer Radstand, langer Vorbau.

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Dieses Raleigh in seinem Perlweiß ist eigentlich kein Winterrad, aber eine willkommene Abwechslung nach den Fauteuils von Brooks. Und es ist ein angenehmes Gefühl, wieder ein Rad zu bewegen, das leicht und agil anfährt. Mit 28mm breiten, bei 7 bar sehr gut rollenden Grand Prix Reifen habe ich ein wenig Härte aus der Mischung aus leichtem 653 und TX Profilfelgen genommen. So kommt das Rad auch über rauhen Asphalt gut hinweg.

Zunächst  bergauf, am Wald lang, immer gut zum warmfahren. Sich an die andere Stufung der Ritzel gewöhnen. Dann weiter und weiter nach Nordwesten, direkt im Wind in den Westerwald hinauf. Berod, Meudt, Oberahr. Je höher ich komme, desto geschlossener die Schneedecke und frischer der Wind. Es beginnt, leicht zu flocken. Über den nächsten Hügel ins nächste Tal, Ötzingen- hier über die Strecke meines Westerwaldbrevets hinüber. 

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Helferskirchen. Die Schneewolke hat sich verzogen. Von einer ehemaligen Tankstelle ein Bild. Der letzte Anstieg hat gut getan. War der Körper eben unwillig , zwingt ihn die stete Arbeit in Wellen bergauf in den Rhythmus, geht es endlich in Fahrmodus über. In den Händen wird es warm …

Anders als am Gordon Bennett Tag machte mir gleiche Kälte heute mehr zu schaffen. Eine Nachwirkung der Zahnarzt-Betäubung? Fast wurde mir ein wenig schlecht und die Beine saftlos, das ist jetzt nach 40 Minuten vorbei .

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Nur das unsichere Wetter macht mich unschlüssig über die kommende Route. Nicht mehr höher hinaus, lieber westwärts: Richtung Montabaur.

Durch die Hauptstädte des Tonbergbaus – nicht überall ist es schön – geht es langsam bergab, nach über einer Stunde kann der fast gefrorene Tee auch mal einem Kakao im Magen Platz machen.

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Jetzt habe ich einen Plan. Die Hügel und Winde lasse ich hinter mir, ich werde Meilen machen, stetig und regelmäßige Kadenzen treten, Kadenzen, Kadenzen , Ka . .

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Es gibt dafür kaum besseres in der Gegend als das Gelbachtal ein wirklich schöner, verborgener Einschnitt zwischen zwei Falten des Schiefergebirges. Über 25 Kilometer ungestört, leicht abwärts, mit Wellen zur Lahn hinunter. Im Winter lebt es sich hier leise.

Die heiße Schokolade von Montabaur war ein echter Treibsatz, von meinen drei 40Gramm Riegeln ist die Dattelpflaume dran. Grundlage fahren im Tempo das warmhält.  Vorbei an den verwaisten Campingplätzen. Im Doppelschritt mit dem kleinen Gelbach, der sich mal näher mal weiter fortschlängelt. Dahinter Schieferkegel, auf denen sich kaum ein Baum hält  – sie wirken wie Schutthalden.

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Ein teilmotorisiertes Paar kommt mir entgegen, heute kann ich die 2Räder an einer Hand abzählen. Und so rolle ich ganz für mich mit möglichst hoher Frequenz und in langer Position. Pedalieren, mich in meinen Kokon einspinnen.

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Dieser Kokon ist ein Schlüssel – der hält warm, er isoliert und trägt mich über die Kilometer, es gibt kein Passwort, keine Formel, nur den steten Rhythmus. Es dauert, und dann dauert es an. Die Position auf dem Raleigh ist gestreckter und gleichzeitig tiefer. Auch das will trainiert und bewahrt sein – da ist der Schlüssel zur Geschwindigkeit.

Nach dem Gelbachtal geht es über die Lahn in die nächste Kerbe – bergauf durchs Rupbachtal bis zur Kreuzung. Oben wartet eine wellige, baumlose Ebene, der Einrich. 

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Hier muß der Boden gut sein, Felder ringsum und kleine Dörfer dazwischen. Wieder in den Unterlenker.  Und als Überraschung die alte Citroen Werkstatt.

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Hier ist der Chef offenbar auch Fan, sonst stünden diese Wagen nicht hier,  Brot- und Butterautos sind das nicht . . . .

Ich nehme den letzten Riegel mit Mandeln und Nüssen, 540 Kalorien steht auf der Packung – die längste Energie, und drehe allmählich nach Norden Richtung Ziel. Mein Nacken macht sich bemerkbar – durch die bequemen Räder ist er in den letzten Wochen nicht mehr genug gefordert worden. Ein Punkt, der für Distanzfahrten nicht vernachlässigt werden darf. Ich merke es mir und bin froh, meine Etüde, meine Lektion absolviert zu haben…

16 januar 2021

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3 Antworten zu Im Kokon – ein Wintertraining

  1. alex schreibt:

    Ja so eine schöne Citroen, am besten eine DS…

  2. tinotoni67 schreibt:

    Da gehen bei der Breite auch 6 bar!🤪

  3. crispsanders schreibt:

    OK – nächstes mal – dann ist das Raleigh fast schon ein Citroen . . . .

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