Zu viele Gelder

Eines dämmert uns : Geld hat vielerlei Gestalt. Zum Papier , dem Gold und den Buchgeldern bei Banken kommt nun eine völlig freie, elektronische Form hinzu. Geld ist nicht nur polymorph, es ist sogar amorph. Ob digital oder Kryptowährung  -einerlei,  es sind Einheiten frei von jeglicher  Gestalt  oder reeller Herkunft. Die Körperlosigkeit erreicht unglaubliche Grade, wenn ein Betrag am Ende nur dem Austausch zweier Algorhythmen entspringt.

Vor zwei Jahrzehnten war diese Steigerung, die schrittweise Entgrenzung vielleicht denkbar: jetzt ist sie Praxis.  Scheine , Barren, Münzen und Geld in unterschiedlichen Dematerialisierungsformen leben in einer  Koexistenz, die ans Irrationale grenzt . So steht ein Stundenlohn von 13 Euro im Verhältnis zu 500 Milliarden Schuldenvolumen, das eine aus menschlicher Arbeit, das andere als ex- nihilo Geld „geschöpft“ .Nur der Name verbindet die Erscheinungsform  und die Illusion, es handele sich um dasselbe Gut.

Vor bald 20 Jahren hatte ich das Vergnügen, eine  Aufsatzsammlung (Bild: der Autor) zu illustrieren, in der die Denationalisierung des Geldes und die Erfindung neuer Parallelwährungen diskutiert wurden. Was damals am eindrucksvollsten schien, war der Angriff auf den Souverän, auf den Herausgeber des Geldes. Auf der Straße  und in Talkshows artikulierte sich das Unbehagen in einer Nostalgie der „harten“ D-Mark, die als Garant einer besser funktionierenden Gesellschaft glorifiziert wurde (und manchmal noch wird) . Ein Denkfehler, weil er die Natur des Geldes verkennt. Der Name ist keine Zauberformel – der lange Niedergang des britischen Pfunds ist ein mahnendes Beispiel.  Die Engländer werden ihre Währung weiterhin auch wenn die  Deckung durch ein Pfund Goldes  der Bank of England ein leeres Versprechen ist . Eine kluge Ironie, denn sie beweist eben, daß es sich mit der Illusion eines Gegenwerts auch leben läßt.  So wahrt der Souverän den Schein und regiert weiter.  

Doch der Souverän hat längst nicht aufgegeben, sich ein Monopol zu verschaffen. Ich hörte vor einigen Tagen von einer interessanten Idee aus dem Arbeiterstaat der Mitte. Er hat den Gedanken des elektronischen Geldes nicht nur verfeinert, sondern um eine unerhörte Komponente weiterentwickelt. Mit der staatlichen Cloud-Währung schafft er sich ein Monopol, die Verrechnungseinheit aller Transaktionen zu stellen und sie gleichzeitig zu kontrollieren. Letzteres ist unerhört: denn dann braucht es keine Banken mehr, die Kreditvolumina verhandeln und die Geldmenge variieren oder gar als Anteilseigner auftreten.  Das rein elektronische Geld wird allein von der Zentrale des großen Vorsitzenden emittiert, verteilt und wieder eingezogen. Dahinter steckt die Idee, die schon um die Jahrtausendwende in den Punktesystemen von Handelsunternehmen gediehen  war. Geld ist ein elektronisches Konto auf Deinem Endgerät, auf dem Du auch Payback Punkte sammelst. Nun aber beansprucht Dein Staat den Platz des Zahlungsmittels für sich allein, ohne andere Götter zu dulden.

Und dafür versieht er  diese digitale Währung mit einer neuen Eigenschaft: Du sollst sie nicht horten . Denn genauso,  wie die Bonuspunkte des Discounter bis zu einem Stichtag eingelöst werden müssen, wird das „verdiente“, aufgespielte Geld wieder an Wert verlieren, wenn es nicht binnen Verfallsdatum eingesetzt wird. Denn von dem Moment an, an dem elektronisches Geld  individuell gespeichert würde – also gespart oder verliehen – wäre eine Kontrolle über dessen Menge nicht mehr möglich und das Monopol gebrochen. Es funktionierte nicht, wenn Dritte plötzlich einen eigenen Server mit Staatsgeld betrieben.  

 In diesem System gibt es im Herrschaftsbereich des Souveräns nur einen Server, nur ein Zentrum, von dem aus sämtliche Transaktionen und wirtschaftlichen Handlungen bewertet und verrechnet werden. Dieses Experiment hat  mit einigen hunderttausend Personen stattgefunden. Mehr ist mir nicht bekannt , aber das reicht, um die Phantasie zu entfachen.

Es ist ein Angriff auf die vielen (besonders digitalen) Gelder , wie sie derzeit in Konkurrenz stehen, vor allem aber das Ende des Geldes, wie wir es in unserem kleinen Alltag noch kennen. Aber wird es sich durchsetzen, geschweige denn auf Nationen übertragen lassen, die auf der Idee des Individuellen Eigentums basieren? Geld, das nicht aufbewahrt werden kann verliert einen essentielle Eigenschaft,  : ein Wertspeicher zu sein. Es kommt noch radikaler: die Zuteilung der Währung wird nach einem Muster erfolgen,  das unseren Gesellschaften so nicht bekannt ist: dem Muster der sozialen Punkte, in dem eine zentrale Clearingstelle die Geldwürdigkeit des Einzelnen nach dessen bewerteten sozialen Leistungen beimißt. Menschen die zu oft bei rot über die Ampel laufen, bekommen kein Geld mehr.

Ein solches  System negativer Kontrolle muß auch ein positives Gegenstück haben –  etwa den Arbeitslohn des Bienenfleißes.  Wie diesen festlegen? Schnell sind die zwei Grenzen „sozialer Punkte“ der neuen Währung deutlich: basieren sie nur auf Strafen, würde jede Initiative gebremst,  basieren sie auf Belohnungen, könnten diese allein planwirtschaftlich determiniert sein.  Der „gerechte Lohn“ in eigentumsbasierten Gesellschaften ist immer das Ergebnis einer (erfolgreichen)Transaktion –  Produktivität allein ist wertlos. Vor diesem Problem steht eine monopolisitsich geführte Digitalwährung mit Verfallsdatum und sozialen Punktrankings.    

Es ist kaum anzunehmen, daß ein großer Brüsseler Vorsitzender eines Tages seine Feldarbeiter auf diese Weise bewerten wird und sie mit dem Smartphone ihre Essensrationen beim Subunternehmer bezahlen müssen. Unsere doch sehr heterogene von unzähligen Vertrags- und Eigentumsverhältnissen bestimmte Welt würde mit einer monopolistischen Kryptowährung kaum funktionieren. Es werden parallele Subwährungen weiter entstehen und vergehen, bevor eine völlig vernetzte Welt endgültig ins Kryptozeitalter aufbricht. Uf der internationalen Ebene mit ihren institutionellen Transaktionen und großen Volumen scheint diese Realität durchaus nah. Das Rennen ist  im Gange.

 

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