Das 300 Kilometer große Segel – ein Brevet in Mittelhessen

ab4Was passt in einen Tag? 13 Stunden, 14 Stunden maximal. Das könnten 300 Kilometer sein. Kirchheim, Nordhessen. Hessisch Sibirien beginnt dort irgendwo, sagen die Hessen. Wir nennen es Mittelhessen und die Achse der Brevets ist die Stadt Gießen. Die Kircheimer Zipfelmütze ist noch unbefahren,  die Sonne wird scheinen, Schutzbleche überflüssig.

Das große Segel

Die Route beschreibt ein großes Segel. Die Mastspitze ist bei km 100 an der Raststätte der A7 in Kirchheim erreicht. Dann fast lotrecht 100km nach Süd, grob an der Fulda entlang, über die Stadt hinaus und schließlich etwa 100 Kilometer Westnordwest über den Fulda Gap nach Gießen.

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Dann los und trotz schwerer Navigationsfehler die richtige Ausfallstraße gefunden. Erinnerung an einen Abendstart zum 400er. Hier war es doch.ag3

Und hier zeigte mir der Randonneur und Veranstalter Christian die Kasernen am alten Flugplatz, in denen nach den Deutschen die Amis lebten, sehr zum Glück der Gießener. Dann wurden sie als großes Auffanglager für die Flüchtlinge nach 2015 genutzt.

Aber auch diese Rolle ist ausgespielt. Fleißig schaffen die Bagger das neue Mehrfamilienhaus mit dem schnellen Internet und der Garage. Makler erwähnen gern den „bauhaus-stil“  für die eher schlichten grauen Kisten. a1

Hinter Buseck und seinem Schloß geht es auf die nächste Anhöhe. Die ganze Zeit über ist es bitterkalt,  in Gießen Minus 1, hier oben noch etwas weniger –  trotz der Sonne. Ich strample fleißig gegen den Wind, der mich nach den Waldstücken aufbläst.  Nordost, aber stramm.Nur noch 85 Kilometer gegen ihn, danach folgt das Paradies – so muntert man sich auf.Wie gut mein Unterlenker dazu passt. Und wie gut die Erinnerung an verschiedene Ecken der alten Gießener Ausfahrten hilft, den Wind zu vergessen.

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Manchen Traktor lasse ich vorüberziehen, sie machen auf jedem Dorf neues Holz,  bevor die Bäume im Frühjahr (also bald) wieder austreiben

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Andere geben ein Bild grüner Zukunft ab, weihen die Erde mit echter oldenburgischer  Schweinegülle. Wieder und wieder geht es hinab.

Dann zur ersten Pause an die Tankstelle hinter Schwalmstadt. Die verlockenden Bäcker und Metzger im Ort habe ich wegen der langen Warteschlangen vorüberziehen lassen. menschen frieren mit Masken vor dem fenster, wie jeden Samstagmorgen. Hier an der Tankstelle scharren die Füße hinter mir: meine lange Essensbestellung

Gegenwind und die 40- Tonnen Praline

Mit der großen Fernstraße wartet die nächste Prüfung. Immer rechts halten , immer klein machen gegen den Wind. Die Zeit vergeht nicht wie im Fluge, lange Wellen trösten, weil es Abfahrten gibt. Nachts war ich das erstemal hier – sehr unangenehm, weil die Anstiege nicht einzuschätzen sind. Danach bei Dämmerung, heute am morgen: schon besser.

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Ein Lastzug voller Naschwerk parkt am Rande. Allendorf und die Fabrik sind nicht weit. Die Piemont-Kirschen für die Likörpraline sollen fast sämtlich in Hessen wachsen. Weiter Wind fressen. Die Bundesstraße ist breit, der Randstreifen sauber – man läßt mich in Frieden,  was soll ich mir mehr wünschen

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Dann das mächtige Homberg und der schöne Kirchturm – die letzte große Steigung vor dem Wendepunkt. Ich bin ganz gut in der Zeit, jetzt aber keine Pause machen in der schönen Altstadt. Über die leere Gasse flitzt eine Maus unters Tor, ein Rentner im alten BMW überholt auf dem Pflaster.  Kaum was los. Weiter , hinaus zur Stadt. Hinauf in den nächsten Anstieg.

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Am großen Steinbruch vorbei, aus dem allhier  die Türme und Mauern gebaut sind. Jetzt nicht mehr. Linkerhand eine weite Ebene, die Stadt Wabern. Ziegenhain und endlich die Abfahrt. Die lange Abfahrt von der schon weithin die Wüstenstadt der Autobahnraststätte sichtbar wird. Lagergebäude, bunte Embleme und Werbemasten , die das alles sichtbar überragen.

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Die Brücke über die Autobahn, das graue Band und die brummenden Metallkäfer, die darüberkriechen, Absperrzäune, kilometerlang. Das Logistikzentrum muß geschützt werden. Kreisverkehre, weitere Kreisverkehre und Stellflächen. Dahinter ein alter Kirchtum: meine Wendemarke an Kilometer Hundert.

Das große Rauschen und die kleine Fulda

Aufatmen, Durchatmen. Wind im Rücken und das erstemal in diesem Jahr wirklich die Wärme der Sonne fühlen. Kurswechsel – jetzt geht es  am Mast des Segels geradewegs  hinunter.

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Zuerst ein improvisierter Gravelabschnitt: der Untergrund für die renovierte Straße. Schlage mich in die Büsche, folge einem unbekannten Traktor, der brummend ein Feld bedüngt.

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Jetzt ein wenig essen, hartgekochtes Ei und Riegel mit Dorfblick: Blick auf die nächsten 5 Stunden, so hoch ist der Mast dieser Strecke..

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Eine ganze Weile wird es gemächlich hinunter und hinaufgehen, nie weit entfernt von der A7, mit der das Tal zu teilen ist. Dann windet sich der Weg den Knüllwald hinauf.

a15Auch hier eine nachts befahrene Strecke endlich am Tag sehen. Es kommt mir alles so vertraut vor, die nächste Kurve, das was ihr folgt – vielleicht, weil es eine Landmarke ist.Hier hörte ich, wie sich Borstenvieh in die Büsche schlug, eine Nachteule aufflatterte (laut rufend). Jetzt ist es ein schöner langer Anstieg in der Sonne. Und zurück ins Tal.

600 PS oder nichts

Pause am Rasthof, hier müßte  ich (sonst) stempeln lassen. Aber der Brevet ist nicht freigegeben, es ist  Radfahren auf eigene Gefahr. Fahren, um Meilen zu machen. Zehn Stunden im Sattel sitzen, danach wissen, ob es passt. Gute Meilen, damit die kommenden noch besser gelingen.Wieder gruppieren sich die Versorgungsgebäude wie in einer kleinen, künstlichen Stadt ohne Einwohner. Ständige Bewegung von Autos rund um Supermarkt und Tankstelle.  Knotenpunkt von  A4 und der A7 in der Mitte Deutschlands. Nord/Süd und Ost/West.

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Einmal Zucker. Auch wenn man viel von Elektroautos und sauberer Zukunft hört, sehen hier viele Automobile aus , als könnten sie vor Explosionsraft kaum laufen. Schwarze Sportkombis auf riesigen Felgen. Männer mit schwarzen Kappen und Bartansatz. Ampelstart.

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Die Höhenmeter liegen hinter mir. Jetzt begleitet mich die schillernde kleine Fulda, mal links, mal rechts. Tempo geht mit Rückenwind nach oben. Auch mal 16 Zähne kurbeln. Schon ein vorteilhaftes Gefühl. Ein paar Wellen noch bis Fulda. Erste größere Kirchengebäude am Horizont. Lebendige Dörfer, Autos unterwegs, aber nicht allzuviele. Die Inzidenz soll bei 300 liegen. Der Landkreis ist dünn besiedelt. Um Bad Hersfeld, da wo Amazon herrscht, soll die Zahl sogar noch höher sein.af1

15h30, das ist knapp, ein wenig zeit in Fulda mit Suche nach barockem Flair verbummelt. Die verputzten Gebäude erinnern, aber der hunger ist stärker.

Pommes und Kalisalzberge

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Kontaktlos bei Mc D bezahlen. Drive in fürs Rad nutzen. Russischer Akzent bei der Besatzung. Man bekommt schnell ,was man will , schneller als in einer Tankstelle, Mc Donalds hat gewonnen. Sauber und knusprig,  was soll ich meckern,  die Pommes sind eine Delikatesse in diesem Moment. Salz und eine Flasche Mineralisches.

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Weiter nach Süden. Ich muß entscheiden, wann ich vom track abbiege, vom Dreieck des Segels einen kleinen Zipfel abschneide. Für die letzten 100km gebe ich mir 5 Stunden, um 16h wollte ich bei km 200 sein – ich habe eine Viertelstunde Verspätung für meinen Plan. Links steht ein Autozug mit einer halben Tagesproduktion. Der ICE gleitet mehrfach an mir vorbei, er fährt nach Würzburg. Die Autobahntrasse auf Stelzen führt nach Frankfurt, also auch zu weit nach Süden. Ich will West- Nordwest. So geht der wishbone des großen Streckensegels auf der Landkarte.  Ich richte mich nach der Landstraße, frei nach Sonne, ohne jeden Track.

Die Entdeckungen kommen immer an unerwarteter Stelle. Da rolle ich auf ein größeres Dorf zu

b1Auffällig dahinter der grauweiße Berg, ein riesiges Mondgestein. Ein Schlackeberg, ein Salzberg. Siedlungshäuser in den Straßen, dahinter immer der Berg und dann Richtung Wald die Grube: Kali und Salz. Alles riecht eigenartig, fast metallisch. Ein anorganischer Geruch überzieht das Tal.

Die Fördertürme laufen. Ein alter Mann fährt mit dem Rad neben mir. Über 60 Jahre schon werde hier salz abgebaut. Der einzige Arbeitgeber weit und breit,  natürlich. Weiter in den Tann, aufwärts, der toten Welt entkommen.

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Da – ein zweiter Schacht. Werden sie hier die Atomfässer versenken? Werden die Grünen nach der  Geschäftsübernahme die Halde schleifen? Alles sickert weiter ins Grundwasser. Probleme ausserhalb des Klima-Radars. Der Weg ist schön (wie im Märchen) , aber beschwerlich. Graveln und auch einmal betonierter Untergrund: ein befestigter Weg zur Grube also, kein Holzweg . Auf meinem Navi ist es nur eine dünne Linie,  links von mir sah ich eben die rosarote Linie des Tracks aufblitzen. Links jedoch geht es steil bergauf. Im Talgrund.

b4Mal sehen. Graveln ist schön, man kommt aber kaum vorwärts, so das Gefühl. Der magische Berg hat eine Schwerkraft. Zwei Jungs stehn auf dem Weg. Dann kann ein Dorf nicht mehr weit sein. Ich versuche etwas herauszufinden. 4 Kilometer. Aber wo und wie. ? Richtung? An der nächsten Kreuzung biege ich ab auf, einen frischen breiten Weg aus hartem Sandkies. Könnte Lastwagen tragen –  dann wird die Steigung nicht schmerzen. So ist es. Bald oben und vor mir jetzt die rosa Linie der alten Route. Sie ist ein Tal weiter, parallel. Aber bin ich weiter gekommen oder zurückgefahren? Abfahrt im Wald, dann Landstraße. Dorf in Sicht.

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Aufgelassene Sparmärkte, alte Traktortankstelle im nächsten Dorf. Hier kann ich fragen. Die Sonne steht immer noch an der richtigen Stelle. Kalbach liegt also hinter mir, anderes vor mir. Alles stimmt mit dem Kurs, ich folge der richtigen Richtung und bin zurück auf dem Track .

Kaputte Tankstellen und neue Funkmasten

Die Sonne fehlt, zumindest ihre Wärme, denn der Polare Strom weht weiter. Es geht auf und ab über namenlose Gegend, manchmal Alleebäume. Orte die einem nicht viel sagen, Fulda Gap. es könnte die schönste Projektionsfläche für alle Utopien eines richtigen Lebens in der Natur sein. Scheinen aber nur wenige so zu sehen. Vieles wirkt so, als seien nur die Grundlagen des modernen Lebens dauerhaft eingekehrt: Strom, fließend Wasser, asphaltierte Straßen. Läden und Werkstätten dagegen weniger beständig.

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Tiere sind eine echte wirtschaftliche Option.  Die Gegenwart lebt hier in der Glasfaser.

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Der Big Mac hält vor, auch die Pommes – es kommt jetzt längere Zeit nichts. Freihändig kleine Tomaten essen. Plötzlich Wiedersehen mit bekanntem Namen: Bermuthshain. Hier machten sie Hundeschlittenrennen auf Gras im Oktober 19. Rechts geht es zum Vogelsberg, links nach Frankfurt (ganz grob). Ich dagegen weiter geradeaus, den Berg hinauf. Das kleine Kettenblatt bitte, ein Hauch Sonne.

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Wieder auf der Chaussee, immer noch aufwärts. Gleich 600 Meter üNN, die Wasserscheide wird auf grünem Schild am Straßenrand angezeigt. Immer weiter hinauf, gegen den Wind. Kein Wald mehr, keine Gedanken mehr. Ich werde mich mit der Kulturgeschichte des Toasters befassen, wenn ich zurück bin. Oder am nächsten Kapitel über den unerbittlichen Verfall der Tankstellen arbeiten.

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Höhenlinie. Bei kurzer Pause entdecke ich den Fernsehturm über der Baumlinie. Tatsächlich: der Hoherodskopf. Schon kenne ich die Fortsetzung, talwärts, zurück in die Wärme, runter zur Nidder. Ist es schon nach Vesper? Eben noch eine Kirchenglocke von weither.

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Südlich von Schotten. Jetzt kommen die Blüten zurück, werden die Blätter größer. Kleine Anstiege kuscheln sich in den Hang,  ganz in der Ferne schillert die Ebene Richtung Gießen in der (späten) Sonne. Der Abend mit Goldrand wartet. Schnellste Abfahrten – es reicht sogar für den Gegenhang, die Maschine macht Spaß.

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Wo es für Fachwerk  und den Opel reicht, ist das Leben leicht.

Letzte Pause vor der Steigung nach Ulfa,  die bekannt scharfe. Zwei Frauen bewirten den Imbiß am Dorfausgang, ein roter Golf mit Mainzer Kennzeichen steht vor der Tür. Es wird geraucht. Nur 1 cappuccino bitte. Gespräche einer bunthaarigen über Mainzer Politzeikontrollen.“Nehmense mich doch mit auf die Wach“ . .   Heut noch zurück nach Mainz vor der Sperrstunde. Es ist halb 7, die Sperrstunde beginnt um 9 – oder um 10 Soviel zeit bleibt: es wird reichen.

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Alte Chaussee und Containerbahnhof

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Hungen, die Stadt mit der großen Hochwald Molkerei – hat eine große Umgehungsstraße. Hier stehen ihre Opfer an der alten Chaussee: Kulturgeschichte der Tankstelle. Der Kulturfolger Nummer 1, der Gebrauchtwagenhandel, sieht keine Zukunft, kommt also Kulturfolger 2, derzeit geschlossen. Pappe ist billiger als Glas.

c2Etwas weiter die letzte aktive Zapfsäule als Relikt.  Reduktion aufs wesentliche. Aber es geht voran, wenige Kilometer später in Lich: die Zukunft wird gemacht! Seht selbst, was euch einst den tank füllen wird. Die erde ist frische aufgeschüttet, es ist gute Erde, sowas hätten sie gern da oben im Vogelsberg, wo sie auf Basalt herumdarben müssen.

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Brennstoff ist noch genug an Bord, es sind gute Kilometer die ich auf dem großen 300 Kilometer Segel gesammelt habe . Nicht ganz 300 aber genug als Baustein für eine größere Fahrt. Genug als Grundlage. Der polare Nordwind hat etwas nachgelassen, aber die Jacke bleibt geschlossen. Jetzt rolle ich als Tourist durch neue landschaften, kehre wieder ein in die Welt der großen, allmächtigen Logistik der Zukunft.

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Der erste Teil des Plans ist gelungen, Gießen ist Samstagabends eine ruhige Stadt im Lockdown des 24 April 2021. Das Rad ist gut, leicht ,schön. Müde aber ohne gebrechen steige ich ab.

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3 Antworten zu Das 300 Kilometer große Segel – ein Brevet in Mittelhessen

  1. johannes schreibt:

    Hallo Christoph
    Ist die Route denn schön? Irgendwie klingt der Text so leicht anstrengend. Ob ich das alles auf den Wind zurückführen soll weiß ich noch nicht. Ich bin beim ara Mittelhessen noch nicht gefahren. Es gibt ja nur ein roadbook = daher große Straßen oder wäre das eine falsche Annahme?
    Grüße der wheeler Johannes (400er Niederrhein)

  2. crispsanders schreibt:

    Bis auf die unvermeidliche B254 sind das alles gute, wenig befahrene Straßen. Die 100 Kilometer nach Süden kann man auch entspannt genießen, der Knüllwald ist kein unüberwindliches Hindernis und die Strecke an der Fulda entlang sehr angenehm. Polarer Gegenwind und Minusgrade sind aber Dinge, die es nicht leicht machen ,zumal ich unter zeitrestriktion gefahren bin. An einem lauen Junitag geht das auch als Genußrunde bei Tageslicht.
    Bei mir war es ein Formtest.

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